Gegenwelten
Ins 17. und 18. Jahrhundert fällt die klassische Zeit der Piraterie. Fließend waren da oft die Übergänge: vom Piraten bis zum Handelsmann. Spätere Generationen sahen im Piraten ein Hoffnungssymbol.Edward Teach (alias Blackbeard) brachte um 1717 den Terror in die Karibik. Dieser Pirat pflegte seine äußere Erscheinung: brennende Lunten im Haar. (Bild: National Maritime Museum, London)
Flucht in die Phantasie
Die Ursprünge dieses Bildes wurzeln freilich in einer späteren Epoche, späterem Elend. Kidd und Co. waren da längst von Kugeln zerfetzt, von Fischen gefressen oder als Geschäftsleute im Bett gestorben. Trist und eingezwängt verlief das Dasein vieler Menschen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter früher Industrialisierung - es schrie nach Fluchten in die Phantasie. Freiheit statt Stechuhr hieß der Traum: den Kurs unter südlicher Sonne selber bestimmen, nicht gefesselt an seelenlose Maschinen in verrußten Städten, nirgends ein hartherziger Arbeitgeber in Sicht... Pirat müsste man sein!
Captain Johnson?
Findige Romanciers und Verleger bedienten jenes Bedürfnis in ihrer Traumfabrik und stießen auf rege Nachfrage. Sicher war keiner der Groschenheftautoren des 19. und 20. Jahrhunderts je bei Piraten zu Gast. Das Substrat ihrer Werke stammt vielmehr so ziemlich aus ein und derselben Quelle, ergänzt durch eigene Imagination: Die Quelle hat den umständlichen Titel A General History of the Robberies and Murders of the most notoriuos Pyrates and also their Policies, Discipline and Government - erschienen 1724 in London, und ist verfasst von einem gewissen Captain Charles Johnson. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Schriftsteller Daniel Defoe.
Das Cover der Erstausgabe von Captain Johnsons Piratenbuch: 1724 erschien es in London.
Defoe, alias Captain Johnson, erhob für sein Buch, anders als die Groschenheftautoren, Anspruch auf Wahrhaftigkeit - Non-Fiction würden wir heute sagen. Er beruft sich vor allem auf Prozessakten, auf Interviews mit "geläuterten" Piraten ebenso wie auf Berichte von Handelschiffs- und Navy-Kapitänen. Die Liste der Gewährsmänner hielt er geheim. Dokumentarisch schildert "Captain Johnson" Lebenswege aller ihm bekannten piratischen Größen der klassischen Ära. Also muss der Stoff doch mehr sein als reine Erfindung, als Traumstoff - zumal Akten, Beschlüsse, Gesetzestexte und mehr noch heute in den Archiven lagern.
Echte Daseinsalternative?
Hat jene Gegenwelt der Piraten tatsächlich existiert, nicht nur als Produkt irgendeiner Traumfabrik? Ist sie wahrhaftig so gewesen, wie es sich Millionen unterdrückter, manchmal auch bloß phantasiebegabter Menschen erträumten? Und: Schuf sie für die Menschen damals, für gepresste, geprügelte Seeleute, für arme Stadtbewohner und Landstreicher, eine echte Daseinsalternative?
Reale Träume
Den Ansatz einer Antwort finden wir, wenn wir uns ins dokumentierte Alltagsleben der Piraten begeben, das ja aus mehr bestand als aus Schiffen, Überfällen und fetter Beute. Zwei erstaunliche Phänomene spielen hier eine Rolle, genauer: zwei Gründungen, zwei piratische Gemeinschaften mit anscheinend origineller Lebensweise, die unter Verdacht geraten könnten, alternative Gesellschaften, also reale Träume, gewesen zu sein: Tortuga und New Providence.
Die Bukanier
Nachricht über die Insel Tortuga vor der Nordküste Hispaniolas verdanken wir diesmal nicht dem Engländer Daniel Defoe. Es ist der Holländer Alexandre Exquemelin, in dessen Buch De Americaensche Zee-Rovers von 1678 die wichtigsten Informationen aufgearbeitet sind. Exquemelin hat auch das Wort Bukanier in die Geschichtsschreibung eingeführt. Was steckt dahinter? ...
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Infobox
Seit Menschen das Meer befahren, gibt es Piraterie. Ob Griechenland oder Rom, Mittelmeer oder Indischer Ozean, überall spielte Piraterie eine Rolle. Die klassische Piraterie ist Teil dieser durch die Kulturen gehenden Lebensform:
1550 - 1600: Abenteurer wie Francis Drake und John Hawkins kämpfen auf der Seite Englands gegen spanische Vorherrschaft. Die staatlich sanktionierte Freibeuterei entsteht.
1600 - 1630: Freibeuter wie auch Piraten segeln häufig unter nationaler Flagge. Sie ermöglichen Krieg "auf niedrigem Niveau".
1630 - 1700: hohe Zeit der Bukanier in der Karibik. Die Schwur-"Brüder der Küste" sind zunächst unabhängig von fremden Mächten. Das klassische Zeitalter der Piraterie beginnt mit dem Auftreten zum Beispiel von Captain Kidd und Henry Avery.
1700 - 1720: Trotz Londons Gesetz gegen die Piraterie von 1700 setzt sich das Zeitalter erst einmal fort: Samuel Bellamy verwüstet Amerikas Küsten, Blackbeard stirbt 1718 im Kampf. Gouverneur Rogers Wirken in New Providence bereitet allem fast ein Ende.
Nach 1720: Immer wieder werden Piraten aktiv, auch im Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien. Das Aus kommt erst mit dem Beginn der Dampfschifffahrt.



