Weißes Boot mit starken Motoren: USS Vella Gulf, Flaggschiff der multinationalen Task Force 151, zwingt am 11. Februar 2009 eine Piratenbesatzung zur Aufgabe.
(Bild: US Navy)
(Bild: US Navy)
Politik und Piraten
Traditionell existieren innerhalb der Clanfamilien keine festen Verteilungs- und Entscheidungsstrukturen. Ad hoc zusammengerufene Ältestenräte geben vor, wo es langgeht - und wie sich, im Fall der Region Puntland, die Machtverhältnisse zwischen den konkurrierenden Subclans der Majerteen gestalten. Die Spitzen der Clans bestimmen die Politik in der Provinzhauptstadt Garoowe - und sie bestimmen das Vorgehen der Piraten von Eyl.
Gute Steuerzahler
Experten schätzen den regulären puntländischen "Staats"-Haushalt auf ungefähr 20 Millionen Dollar, zu wenig für effektives Regieren. Die Lösegeldeinnahmen in Piratennestern wie Eyl sollen bisher hingegen rund 30 Millionen Dollar betragen - der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region. Familien, deren Job die Piraterie ist, zahlen "Steuern" und finanzieren "Staats"-Beamte. Jeder, von der administrativen Spitze in Garoowe über den Waffeneinkäufer oder Verhandlungsführer bis hin zum letzten Kalaschnikowträger und Caterer in Eyl, bekommt sein Stück vom Kuchen. Andererseits: Ohne Loyalität gegenüber dem Clan würde der Finanzsegen aufhören - egal, wie hoch oder niedrig das Amt ist, wie imposant oder bescheiden der offizielle Titel klingt.
Tanker MV Sirius Star in der Gewalt von Piraten: Die Höhe des Lösegeldes für das am 15. November 2008 gekaperte Schiff ist bis heute unbekannt. (Bild: US Navy)
Puntland ist eine Region mit Zukunft - eine Insel der Stabilität, relativ zum somalischen Chaos. Die Hafenstadt Boosaaso, oben am Golf von Aden und nördlicher Endpunkt der 350 Kilometer langen Hauptstraße von Garoowe, wächst und gedeiht als zentraler Platz für Finanztransfers. Hierhin gelangen vermutlich auch die Bargeldeinnahmen aus dem Pirateriegeschäft. Hier deponieren Makler Piratengeld auf sicheren Konten von Hintermännern in Kenia, Großbritannien und Kanada, meist Exil-Somalier, oder kaufen Ausrüstung und Waffen.
Puntland hält Kurs
In einstigen Fischerdörfern wie Eyl zeigen sich derweil Spuren von Luxus. Trotz Grenzkonflikten - erst Ende 2007 eroberten Truppen der benachbarten, ebenfalls autonomen Provinz Somaliland die Stadt Las Anas - und Querelen zwischen den Untergruppen des Majerteen-Clans hält Puntland seinen Kurs: Wenn ausländische Hilfsorganisationen Lebensmittel für Somalia bringen, geht ein überproportional hoher Anteil nach Puntland, schon deshalb, weil dort halbwegs wirksame Verteilungsstrukturen bestehen.
Angesehene Leute
Die Piraten von Eyl tragen ihr Scherflein zum Fortschritt bei. Ihr Geschäftsmodell funktioniert. Sie sind angesehene Leute in ihren Clans, Siegertypen, Gewinner der Globalisierung in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. Das könnte bald Nachahmer finden. Denn Satellitenschüsseln und Mobilfunkantennen gibt es viele, wo sonst Elend regiert. Und Somalias Telekommunikationsnetz hat, als einziger landesweiter Wirtschaftszweig, einen ausgezeichneten Ruf.
Michael Schmittbetz (15.06.2009)
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Infobox
Kampf dem Terror oder der Piraterie?
Die Route durch den Golf von Aden gehört zu den weltweit wichtigsten Handelsverbindungen. Kein Wunder, dass Rufe nach Schutz des Frachtverkehrs gegen Piratenüberfälle bald unüberhörbar wurden. Seit Dezember 2008 ist die EU im Rahmen der Operation Atalanta mit Marineschiffen im Golf von Aden engagiert. Neben dem Schutz des Transitverkehrs gilt der Einsatz auch der Sicherung von Hilfslieferungen für Somalia.
Einig sind sich die Initiatoren der Aktion allerdings, dass militärische Mittel allein das Problem der Piraterie als Form organisierter Kriminalität nicht lösen können. Dauerhafte Lösungen wären letztlich nur auf der Grundlage einer stabilen, neu zu etablierenden somalischen Zentralgewalt denkbar. Ansätze dazu schuf 2006 die Union islamischer Gerichte, eine Vereinigung somalischer Scharia-Gerichte und nahezu einzige clanübergreifende Kraft. Mitte 2006 nahm die Union Mogadischu sowie weite Teile des Landes ein - und urteilte dabei eine ganze Anzahl von Piraten ab.
Insbesondere in den USA betrachtete man den Machtzuwachs der Union allerdings mit Sorge, weil nach Meinung außenpolitischer Experten auf diese Weise die "Talibanisierung" Somalias gedroht hätte. Vor der Alternative "Krieg gegen den Terror" oder "Krieg gegen die Piraterie" entschied man sich für den "Krieg gegen den Terror". Mit Billigung der USA drangen ab Dezember 2006 äthiopische Truppen gegen die Union vor. Sie besetzten Mogadischu und ebneten der seither wieder amtierenden und weitestgehend machtlosen somalischen Übergangsregierung den Weg.
Die Route durch den Golf von Aden gehört zu den weltweit wichtigsten Handelsverbindungen. Kein Wunder, dass Rufe nach Schutz des Frachtverkehrs gegen Piratenüberfälle bald unüberhörbar wurden. Seit Dezember 2008 ist die EU im Rahmen der Operation Atalanta mit Marineschiffen im Golf von Aden engagiert. Neben dem Schutz des Transitverkehrs gilt der Einsatz auch der Sicherung von Hilfslieferungen für Somalia.
Einig sind sich die Initiatoren der Aktion allerdings, dass militärische Mittel allein das Problem der Piraterie als Form organisierter Kriminalität nicht lösen können. Dauerhafte Lösungen wären letztlich nur auf der Grundlage einer stabilen, neu zu etablierenden somalischen Zentralgewalt denkbar. Ansätze dazu schuf 2006 die Union islamischer Gerichte, eine Vereinigung somalischer Scharia-Gerichte und nahezu einzige clanübergreifende Kraft. Mitte 2006 nahm die Union Mogadischu sowie weite Teile des Landes ein - und urteilte dabei eine ganze Anzahl von Piraten ab.
Insbesondere in den USA betrachtete man den Machtzuwachs der Union allerdings mit Sorge, weil nach Meinung außenpolitischer Experten auf diese Weise die "Talibanisierung" Somalias gedroht hätte. Vor der Alternative "Krieg gegen den Terror" oder "Krieg gegen die Piraterie" entschied man sich für den "Krieg gegen den Terror". Mit Billigung der USA drangen ab Dezember 2006 äthiopische Truppen gegen die Union vor. Sie besetzten Mogadischu und ebneten der seither wieder amtierenden und weitestgehend machtlosen somalischen Übergangsregierung den Weg.




