Ein Fahndungsplakat aus dem Jahr 1980: Der gesellschaftliche Wandel ging tief - von nun an bekam Sicherheit einen hohen Stellenwert.
Schwierige Vergangenheit
Vom Beginn der siebziger bis fast zum Ende der neunziger Jahre ging ein Gespenst um in Deutschland: Man kennt es als RAF. Kaum eine Erscheinung hat die Geschichte der alten Bundesrepublik so geprägt. Und kaum eine Erscheinung steckt, trotz aller Debatten und Recherchen, so tief im Nebel der Vergangenheit, ist so mit offenen Fragen durchsetzt. Der Wunsch nach Klarheit, nach abschließenden Antworten, liegt deshalb nahe.Sagen, was ist
Nahe liegt es auch, unsere Überlegungen zu diesem schwierigen Thema mit den Sätzen eines späteren Opfers zu starten: "Wir brauchen Berichterstattung und Kommentierung der Wirklichkeit, nicht der Unwirklichkeit. Wir müssen sagen, was ist. Wir brauchen Glasnost für den Kapitalismus - auch und gerade für den Kapitalismus." Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, wurde am 30. November 1989 mittels einer TNT-gefüllten Hohlladungsmine getötet. Am Tatort fanden Ermittler den üblichen RAF-Stern mit Unterschrift. Doch war es die RAF?
Brennpunkte des Zweifels
Es gibt Brennpunkte des Nichtwissens und des Zweifels. Die dubiose Rolle des V-Mannes Peter Urbach in den Anfangsjahren der RAF gehört dazu, auf jeden Fall die näheren Umstände des Todes von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1977 im Gefängnis Stuttgart-Stammheim - und die Frage nach der Authentizität der so genannten "dritten RAF-Generation". Wer heute zu solchen Brennpunkten Stellung bezieht, muss es sich gefallen lassen, diesem oder jenem "Lager" zugerechnet zu werden.
Menschen wurden nicht verletzt: Am 2. April 1968 explodierten Brandsätze bei Kaufhof und bei Schneider in Frankfurt am Main.
Wildgewordener Verein?
Tatsächlich scheiden sich die Geister auch an einem viel tiefer liegenden Problem, welches die erwähnten Brennpunkte wie eine Klammer umschließt: Steckte hinter dem Phänomen RAF schlicht ein wildgewordener Verein von Terroristen, die einen grundlegend intakten demokratischen Staat bekämpften? Oder gab es - über die komplette Geschichte des Phänomens hinweg - die fundamentale "Interaktion" von geheimen staatlichen Diensten und RAF? Anders gefragt: Wollen wir uns mit der wohltuend-beruhigenden Trennung von Gut und Böse begnügen, oder begeben wir uns ins Dickicht der unklaren Indizien, oft sich aufdrängenden Zweifel, aber auch der abstrusen Verschwörungstheorien? ...
Dieser Artikel gehört zum Thema
| RAF | ![]() |
Infobox
Es weckt Unbehagen: das Logo der RAF im Straßenbild, auf T-Shirts, selbst auch in mancher Wohnung. "RAF" scheint mal wieder "in" zu sein - bei heute 16- bis 25-jährigen vor allem. Es soll Unbehagen, auf pubertäre Art Aufmerksamkeit wecken, mehr nicht, so könnte man meinen. Und sehr gründliches Wissen steckt bestimmt nicht dahinter. Falls das zutrifft, dann ist allein dies Indiz genug, für Nichtwissen nämlich, für das Gefühl, dass am Thema irgend etwas irgend jemandem peinlich sein könnte. Auch bloßes Spiel mit Symbolen kommt nie durch Zufall an seine Motive. Leicht ist es, in diesem Zusammenhang ein Defizit an Aufklärung zu konstatieren. Wer aber sollen die Aufklärer sein und welche Sätze sollen sie uns sagen? Denn Aufklärung schließt ja den Anspruch auf ein Stück Wahrheit ein - und muss sich im gesellschaftlichen Konsens legitimieren. Was jedoch tun, wenn solcher Konsens nur oberflächlich vorhanden ist, wenn unter der dünnen Schicht manch alter Streit zu toben scheint? Dann hilft vielleicht, den Streit in Kernpunkten öffentlich zu machen, statt sich hinter Stellvertreter-Debatten zu verstecken. Und sei es hinter dem heftigen Zwist um ein Ausstellungs-Konzept...



