Der große Sprung
In den Goldenen Zwanzigern erfasst Deutschland ein Raketenfieber: Tüftler schaffen die Basis für spätere Großraketen. Was auf abgelegenen Wiesen mit Bastelei beginnt, nimmt bald professionelle Formen an.Am 21. Juli 1969, um 3:56:20 Uhr MEZ, betritt zum ersten Mal ein Mensch den Mond. Wer so Bedeutendes tut, muss auch Bedeutendes sprechen. Darum haben die PR-Strategen des Apollo-Programms emsig an der Formulierung gefeilt: "Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit." Neil Armstrong sagt seinen Spruch folgsam auf. Der "große Sprung" aber war eher ein langer Weg: ein Weg, an dessen wichtigste Etappen nicht jeder gern denkt, an jenem 21. Juli.
Die erste Fernrakete
Knapp 25 Jahre vor Neil Armstrongs kleinem Schritt hörten die Anwohner der Haveley Road im Londoner Vorort Chiswick ein seltsames Pfeifen. Das Geräusch wurde lauter - und mündete in entsetzliches Krachen. Drei Tote und zehn Verletzte lagen zwischen Trümmern. Am 8. September 1944 um 18:43 Uhr detonierte die erste Fernrakete V2 - Hitlers "Vergeltungswaffe" - auf Englands Boden. 15.386 Menschen sollten während der folgenden Monate bei Raketeneinschlägen ihr Leben verlieren, rund 50.000 wurden verletzt - in London und in Antwerpen, in Paris, Lille und Maastricht.
Während Londons Bürger angstvoll auf das Pfeifen der V-Geschosse lauschen, feiern in Deutschland die Schöpfer den Erfolg. Ihr Star heißt Wernher von Braun, Sturmbannführer der SS, Träger des Ritterkreuzes. Bei solchen gemütlichen Runden, wenn die Sektkorken knallen, entsinnt man sich gern vergangener Tage: "Nie werde ich jene tastenden Versuche im Sommer 1930 vergessen", könnte von Braun damals geäußert haben. "Sie waren ebenso wesentlich für die Großraketentechnik wie es die Versuche eines Otto von Lilienthal für die moderne Luftfahrt waren." Tatsächlich stammt der Trinkspruch aus dem Jahr 1959: Da war von Braun gerade Direktor der NASA geworden.
Zwei Raketen, ein Konstrukteur. Links: Start einer modifizierten V2 im Jahr 1950. Rechts: die Saturn-Trägerrrakete der Mission Apollo 8 hebt vom Boden ab. (Bilder: NASA)
Ehrgeiz der Experten
Am Anfang steht die Laune eines Regisseurs. Fritz Lang plant zur Premiere seines Films Die Frau im Mond den Supergag: Im Oktober 1929 soll eine zwei Meter lange Rakete vierzig Kilometer hoch steigen. Die Ingenieure Hermann Oberth, Rudolf Nebel und Borissowitsch Scherschewsky nehmen die Herausforderung an. Das Vorhaben scheitert. Der Ehrgeiz der Experten aber ist angefacht.
Man baut die kleineren, flugfähigen Modelle MIRAK 1 und 2. Ort der wie das Spiel älterer Kinder wirkenden Tests ist Bernstadt in der Oberlausitz; die Großmutter eines der Enthusiasten hat ihren Acker zur Verfügung gestellt. Bald stößt der achtzehnjährige Wernher von Braun zu den Raketenpionieren.
Pakt mit dem Teufel
Von Braun agiert, als hätte er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Seine Kontakte zum Heereswaffenamt verschaffen den Freunden besseres Testgelände sowie Zuschüsse in barem Geld. Kommandant des neuen Versuchsfelds nahe Kummersdorf bei Berlin ist Hauptmann (später General) Walter Dornberger.
Heeresversuchsanstalt in Peenemünde: 175 Versuchsraketen starteten vom Prüfstand VII zwischen 1936 und 1945.
Im Januar 1933 gelangen die Nazis an die Macht und erfassen rasch das militärische Potential der neuen Technologie. Mitte 1933 startet die A (Aggregat) 1 - wenig später, 1934, die A2 auf der Nordseeinsel Borkum. 1937 ziehen die Raketenbauer, schon hunderte Köpfe zählend, nach Peenemünde, wo mit Millionenaufwand ein Forschungszentrum im Wachsen ist. Von Braun wird Mitglied der SS und der NSDAP.
Zwanzigtausend Tote
Am 3. Oktober 1942 hebt bei Peenemünde die erste Weltraumrakete ab, sofern man den Rand der Thermosphäre in achtzig Kilometer Höhe als Grenze zum All definiert. Reichsminister Goebbels gibt der A4 bald darauf den bekannteren Namen: V2. In Peenemünde, und später im Harzer Mittelwerk, setzt die Massenfertigung ein. Rund zwanzigtausend KZ-Häftlinge kommen zu Tode. Inzwischen geht des Führers Krieg verloren.
Wernher von Braun um 1970 in Huntsville (Alabama) vor den Triebwerken der Saturn-5- Rakete. (Bild: NASA)
"Viel Elend in der Welt"
Von Brauns Jupiter-Rakete bringt 1958 den ersten US-Satelliten (Explorer 1) in die Erdumlaufbahn. Saturn 5, die Mondrakete und Herzstück von zwölf erfolgreichen Apollo-Missionen, ist zu weiten Teilen das Werk des einstigen Sturmbannführers. 1972 verlässt von Braun die NASA. Nun schreibt er Bücher über moralische Probleme der angewandten Wissenschaft. Zweifel plagen den noch nicht sehr alten Mann: Zweifel, angesichts des "vielen Elends in der Welt" das Richtige getan zu haben. 1977 stirbt Wernher von Braun in Virginia. Mit seinem Tun hat er die Basis der modernen Raumfahrt gelegt.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 14.03.2012)
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"Es ist das geschichtliche Verdienst...
Wernher von Brauns, als erster erkannt zu haben, wie hoffnungslos private Anstrengungen auf Dauer sein mussten... Dr. von Braun hob die Frage nach der Zukunft der Raketenentwicklung über das Niveau von Hinterhofbastlern hinaus. Er erkannte, dass nur Großindustrie und Regierung das nötige Geld bereitstellen konnten. Eine begründete visionäre Begeisterung, verbunden mit klarem Realitätssinn, kühnem Führungsstil bei Berücksichtigung der Tatsachen des Lebens, befähigten Wernher von Braun, zwischen 1934 und 1945 die Epoche der modernen Raketenentwicklung einzuleiten."
(Krafft Arnold Ehricke, deutsch-amerikanischer Raketentechniker, 1960 über von Braun)
Wernher von Brauns, als erster erkannt zu haben, wie hoffnungslos private Anstrengungen auf Dauer sein mussten... Dr. von Braun hob die Frage nach der Zukunft der Raketenentwicklung über das Niveau von Hinterhofbastlern hinaus. Er erkannte, dass nur Großindustrie und Regierung das nötige Geld bereitstellen konnten. Eine begründete visionäre Begeisterung, verbunden mit klarem Realitätssinn, kühnem Führungsstil bei Berücksichtigung der Tatsachen des Lebens, befähigten Wernher von Braun, zwischen 1934 und 1945 die Epoche der modernen Raketenentwicklung einzuleiten."
(Krafft Arnold Ehricke, deutsch-amerikanischer Raketentechniker, 1960 über von Braun)
Infobox
Als Deutschlands Niederlage...
sich immer deutlicher abzeichnete, wählte Wernher von Braun bewusst die USA, da er überzeugt war, nur dort seine Ambitionen umsetzen zu können. Den Entschluss begründete er so: "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen."
sich immer deutlicher abzeichnete, wählte Wernher von Braun bewusst die USA, da er überzeugt war, nur dort seine Ambitionen umsetzen zu können. Den Entschluss begründete er so: "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen."
Infobox
Einsteins Brief
Wäre die Regierung der USA der Ansicht Albert Einsteins gefolgt, dann hätte es wohl so bald keine Mondlandung gegeben. Gleich nach Ende des Krieges schrieb der berühmte Gelehrte einen Brief, der - ähnlich wie sein Brief an Präsident Roosevelt, in dem er die Entwicklung der Atombombe vorschlug - vor den Gefahren des Nazitums warnte.
Darin heißt es: "Wir halten diese Individuen (von Braun und Kollegen, d. Red.) für gefährliche Träger rassistischen und religiösen Hasses. Ihre frühere herausragende Rolle als Mitglieder oder Anhänger der Nazipartei wirft die Frage auf, ob sie geeignet sind, US-Bürger zu werden oder Schlüsselpositionen in der amerikanischen Industrie, Wissenschaft und Lehre einzunehmen.
Wenn man es schon für vordringlich hält, sich dieser Leute zu bedienen, möchten wir Sie ernstlich ersuchen, dass man ihnen keine Daueraufenthaltserlaubnis oder gar die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten gewährt. Denn das würde ihren anti- demokratischen Auffassungen Gelegenheit geben, unsere nationale Einheit zu unterminieren und zu zerstören." Dieser Brief fand keine Beachtung.
Wäre die Regierung der USA der Ansicht Albert Einsteins gefolgt, dann hätte es wohl so bald keine Mondlandung gegeben. Gleich nach Ende des Krieges schrieb der berühmte Gelehrte einen Brief, der - ähnlich wie sein Brief an Präsident Roosevelt, in dem er die Entwicklung der Atombombe vorschlug - vor den Gefahren des Nazitums warnte.
Darin heißt es: "Wir halten diese Individuen (von Braun und Kollegen, d. Red.) für gefährliche Träger rassistischen und religiösen Hasses. Ihre frühere herausragende Rolle als Mitglieder oder Anhänger der Nazipartei wirft die Frage auf, ob sie geeignet sind, US-Bürger zu werden oder Schlüsselpositionen in der amerikanischen Industrie, Wissenschaft und Lehre einzunehmen.
Wenn man es schon für vordringlich hält, sich dieser Leute zu bedienen, möchten wir Sie ernstlich ersuchen, dass man ihnen keine Daueraufenthaltserlaubnis oder gar die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten gewährt. Denn das würde ihren anti- demokratischen Auffassungen Gelegenheit geben, unsere nationale Einheit zu unterminieren und zu zerstören." Dieser Brief fand keine Beachtung.




