Seite drucken

LexiTV - Das MDR Wissensmagazin - Bildung für alle

 

Dieser Artikel gehört zum Thema

Reichsbahn

Infobox

Warum Deutsche Reichsbahn,...
warum nicht Staatsbahn der DDR? Tatsächlich wurde die nahe liegende Umbenennung bis Anfang der 1960er Jahre diskutiert. Aber Gewichtiges sprach dagegen. Da waren erstens die hohen Kosten, die eine Umbenennung verursacht hätte: Schilder, Drucksachen, bestehende Verträge wären zu ändern gewesen.

Zweitens erhoffte die DDR den Zugriff auf einstiges Reichsbahnvermögen, das inzwischen in die Hände anderer Besitzer gelangt war. Das betraf unter anderem den Bereich der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeteilten Mitropa, ferner Immobilien und Technik, welche die Bundesbahn stillschweigend übernommen hatte.

Entscheidend aber dürften lange Zeit, drittens, die Betriebsrechte der Deutschen Reichsbahn für den Eisenbahn- und S-Bahn-Verkehr in Westberlin gewesen sein. Jede Umbenennung hätte den rechtlichen Status quo gefährdet. Gegenüber der DDR-Bevölkerung wurde lediglich der erste Grund, die Umstellungskosten, als Argument für die Beibehaltung des Namens ins Spiel gebracht.

Infobox

Auch im Goldenen Westen,...
genauer: in Westberlin, hatte die Deutsche Reichsbahn der DDR bis 1984 einen Ableger. Es handelte sich dabei um ein Überbleibsel der Zeit vor 1949, als das Staatsunternehmen Deutsche Reichsbahn in sämtlichen Besatzungszonen tätig war. Der Westteil Berlins war schließlich nicht Teil der Bundesrepublik, sondern behielt seinen Viermächtestatus.

So fuhr also die (DDR-)S-Bahn, als Teil der Deutschen Reichsbahn, weiterhin im ganz normalen Westberliner Nahverkehr; deren Angestellte, die in Westberlin wohnten, wurden jedoch vom Arbeitgeber im Osten bezahlt und kontrolliert.

Die DDR-Führung erblickte in der merkwürdigen Konstellation zunächst vor allem Chancen der politischen Propaganda und Einflussnahme. Zu diesem Zweck versuchte man, die Fahrpreise im Gegensatz zu den Preisen der weitgehend marktwirtschaftlich kalkulierenden Westberliner Nahverkehrsgesellschaft BVG künstlich niedrig zu halten. Das gelang bis 1972, dann wurden die Preise angepasst.

Andererseits barg das Konstrukt viel Konfliktstoff: Sozialversicherungsrechtliche Fragen gestalteten sich kompliziert; die Entlohnung blieb immer irgendwie Streitgegenstand.

1980 kam es zum Streik der Westberliner Reichsbahner, weil die DDR-Reichsbahnführung den Betriebsschluss vorverlegen wollte, was zu Entlassungen geführt hätte. In der Folge des Streiks reagierte die Deutsche Reichsbahn der DDR wie ein nicht rechtlich gebundener, völlig willkürlich agierender Arbeitgeber, der rigoros seine Interessen durchsetzt: mit Massenentlassungen und Einstellung des Fahrbetriebs auf vielen Strecken.

Weil der Betrieb wirtschaftlich nicht gewinnbringend war und politisch-propagandistisch keine Vorteile mehr versprach, gab die Deutsche Reichsbahn der DDR die S-Bahn-Betriebsrechte in Westberlin zum 9. Januar 1984 an den Berliner Senat ab.