Alles auf Rot
Für das Volk revoltierte man 1917 im zaristischen Russland. Doch auch die Oktoberrevolution endete mit dem Willkürregime neuer Despoten. Ein Dichter hat es erlebt - und beschrieben.Zimperlich waren die Revolutionäre mit den alten Statthaltern der Macht nicht.
(R. Frents malte das Bild 1918.)
(R. Frents malte das Bild 1918.)
Kulturdiktat der neuen Eliten
Zur ökonomischen Katastrophe trat schnell die kulturelle: Zeitungen erschienen unter der revolutionären Zensur mit leeren Spalten. Theater und Opernhäuser, jetzt kultureller Sammelpunkt der Roten Elite, durften nur noch Stücke aufführen, die ins bolschewistische Konzept der Zeit passten. Symbole der nutzlosen (weil aristokratischen) Schönheit und des feudalen Wohllebens galt es aus dem Gedächtnis Russlands zu tilgen; Dichtern, die nicht gewillt waren, Proletariat und Revolution zu verherrlichen, entzogen die neuen Kunst-Kommissare jede Publikationsmöglichkeit. Tradition und Lebensart zählten fortan nicht mehr; alles, was dem neuen Kunstsinn widersprach, galt als dekadent und überflüssig.
Untergang der Tradition
Zu den "Überflüssigen" gehörte ab 1917 auch der spätere Literatur-Nobelpreisträger Iwan Bunin. Kein Wunder, bedeutete die Oktoberrevolution für Bunin doch den Untergang der Russischen Kultur; die Entwertung menschlichen Lebens, den Zerfall aller Umgangsformen, den Niedergang jeglichen Sinnes für das Traditionelle und Erhaltenswerte.
Von magischer Größe
Der Hohlraum zumindest, den die Auslöschung der Tradition ließ, konnte von einer bedeutungsvollen Vokabel wieder gefüllt werden: das Wort Volk wurde während der Russischen Revolution zum Ausdruck von magischer Größe befördert.
Auch heute noch zählt Iwan Bunin (1870 bis 1953) zu den unbekannteren Größen der russischen Literatur.
Mächtig sind nun andere
Für Bunin wenig überraschend tritt an die Stelle der Willkürherrschaft Niolaus' II. das brutale Terrorregime der Bolschewiki. Die Handlanger der Macht freilich sind nun andere: der Hausmeister wird zum Kommissar befördert, der Student darf nun Erschießungen befehligen, die Frau des Parteiführers über den Aufführungsplan der Moskauer Theater bestimmen.
Blinde Flecken
Stilistisch brillant sind Bunins Schilderungen vom Eintritt des russischen Volks- und des revolutionären Weltgeistes in die Wirklichkeit; doch die Anklageschrift des Zeitzeugen Bunin - weniger des Literaten - weist auch blinde Flecken auf: allein als ästhetische Tragödie nimmt er die Revolution wahr, kaum als politisches, gar symbolträchtiges Ereignis. Die sozialistische Ideologie, den philosophischen Hintergrund des Umsturzes blendet er aus.
Seine Haltung bleibt - auch wenn er von der der Not der Bauern, dem Hunger der Arbeiter, dem Elend der Soldaten weiß - die des distanzierten Aristokraten, des beobachtenden und angewiderten Ästheten.
Hoch konzentrierte Warnung
Gewiss ist die Wiederentdeckung Bunins, seines Revolutionstagebuches, nicht nur Zufall. Sie passt, oberflächlich gesehen, gut zur heutigen Dominanz neokonservativer und neoliberaler Ideologien. Dass Bunins schmales Büchlein eine hoch konzentrierte Warnung enthält, gerät dabei leicht aus dem Gesichtsfeld: Denn die Revolte des "Pöbels" kommt ja keineswegs ganz von ungefähr. Der "Tunnelblick" der Herrschenden, ihre Hintansetzung gesellschaftlicher Belange zugunsten eigener kurzfristiger Interessen öffnet schließlich den Höllenschlund, in dem die Kultur versinkt.
Kathleen Niebl/Michael Schmittbetz (14.02.2006)
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Iwan Bunin...
wird 1870 als Sohn eines Gutsbesitzers im russischen Woronesch geboren. Nach dem Studium in Moskau arbeitet er ab 1889 als Redakteur der Zeitung Bote von Orjol in Charkow, später als Bibliothekar in Poltawa.
1891 erscheint eine erste Gedichtsammlung, 1897 der erste Prosaband. 1918 flieht der Dichter, abgestoßen vom Revolutionschaos, nach Odessa und emigriert Anfang 1920 nach Frankreich. 1933 erhält er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis. Verarmt stirbt Bunin 1953 in Paris.
wird 1870 als Sohn eines Gutsbesitzers im russischen Woronesch geboren. Nach dem Studium in Moskau arbeitet er ab 1889 als Redakteur der Zeitung Bote von Orjol in Charkow, später als Bibliothekar in Poltawa.
1891 erscheint eine erste Gedichtsammlung, 1897 der erste Prosaband. 1918 flieht der Dichter, abgestoßen vom Revolutionschaos, nach Odessa und emigriert Anfang 1920 nach Frankreich. 1933 erhält er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis. Verarmt stirbt Bunin 1953 in Paris.
Unser Tipp:
Iwan Bunin
Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch.
Deutsch von Dorothea Trottenberg, 2005.



