Der lange Atem
Aus den bürgerlichen Idealen der Deutschen Revolution im Jahr 1848 wurde erst einmal wenig. Hundert Jahre später sollte greifen, was man damals erträumte.O Herr, lass dich herbei,
Und mach die Deutschen frei,
Dass endlich das Geschrei
Danach zu Ende sei!
(Franz Grillparzer, im Jahr 1848)
Wann hat eine Revolution Erfolg, wann ist sie gescheitert? Gibt es ein objektives Kriterium, an dem sich solche Frage entscheiden lässt? Auf der Hand zu liegen scheint, Erfolg an der Übereinstimmung des Resultats mit den Absichten der Revolutionäre zu messen.
"Müllhaufen der Geschichte"
Tut man dies, dann gibt es die erfolgreiche Revolution freilich nirgends und nie: Das Reich des Kaisers Napoleon war von den Vorstellungen der 1789iger Revolutionäre meilenweit entfernt, auf die Jakobiner Robespierres musste es wie ein glatter Verrat an den Idealen von Volksherrschaft und Menschenrechten wirken. Und was Stalins Terror den alten Bolschewiki der Leninschen Garde bedeutete, ist bekannt.
Dennoch nennen wir die beiden "großen" Revolutionen erfolgreich, einfach weil sie grundlegenden gesellschaftlichen Wandel brachten, manch Altes endgültig oder vorerst auf den berühmten "Müllhaufen der Geschichte" geriet. Dass am Ende nicht herauskam, was am Anfang beabsichtigt war, gilt uns beinah als selbstverständlich.
Ergebnis nicht absehbar
Dazu ist die Wirklichkeit zu komplex, sind die Akteure zu sehr in Ideologien befangen - vielleicht die Voraussetzung, um überhaupt agieren zu können. Denn wer hätte Revolutionen unternommen, wenn das Ergebnis absehbar, wenn er zu sehr Realist gewesen wäre, etwa noch mit prophetischer Gabe.
Umso grausamer
Gleich doppelt gescheitert - in Hinblick auf desillusionierte Akteure und ausbleibenden Wandel - ist unter dieser Betrachtungsweise die europäische Revolution von 1848. Zwar verjagten die Pariser im Februar ihren "König-Bürger" Louis Philippe - und setzten so die Initialzündung des Ganzen. Doch bekamen sie dafür innerhalb von Monaten eine umso grausamere Herrschaft, war wirklich erfolgreich nur die Konterrevolution, auf dem Weg zum Regime Napoleons III.
Sieg der Restauratoren
Tief greifenden Strukturwandel bewirkte die Revolution auch in Deutschland nicht, in Österreich erzwangen Reaktionäre bald die Restabilisierung des Kaiserreichs, in Polen, in Italien, überall wurden die teils liberalen, teils radikalen und nationalistischen Akteure niedergeschlagen.
Was gelang, war eine Art "Nervenzusammenbruch" der etablierten Mächte. Der ging vorüber: "Gelegt hat sich der starke Wind,/ Und stille wird's daheime,/ Germania, das große Kind,/ Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume", dichtete Heinrich Heine im Oktober 1849, auf seinem Sterbebett. Nicht lange zuvor hatten zwei preußische Armeekorps die letzten - badischen - Revolutionäre mit bis dahin unbekannter Brutalität zusammengeschossen.
Friedliche Veränderung
Dabei sollte die deutsche Revolution von 1848 eigentlich gar keine Revolution nach klassischem, also französischem Vorbild sein, sondern eher friedliche Veränderung: Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, garantierte Bürgerrechte, folglich Verfassung, konstitutionelle Monarchie - das waren Forderungen der liberalen Bewegung. Mit dem König und den Fürsten wollte man sich einigen, niemand (außer der erschrockenen Königin) dachte an die Guillotine.
Abgesandte der Nationalversammlung tragen dem preußischen König 1848 die Kaiserwürde an. (zeitgenössischer Stich)
Machtlose Demokraten
Heute gelten die Delegierten in der Frankfurter Paulskirche gewissermaßen als ideelle Väter der deutschen Demokratie. Es waren aber machtlose Demokraten, die dort ideale Reden schwangen. Bedrängt wurden sie zu allem Überfluss von einer weit extremeren Richtung, die das monarchische Prinzip, die alten Gewalten insgesamt, in Frage stellte.
Verheerende Folgen hatte das nun verkündete Leitbild der Nationalstaatlichkeit: Ein polnischer Aufstand wandte sich pauschal gegen alles Deutsche in den gemischt besiedelten Gebieten; die Nationalversammlung musste preußische Truppen zu Hilfe rufen. Über eigene Machtmittel verfügte sie nicht...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Revolution | ![]() |
Infobox
Tagungsort des ersten Parlaments der Deutschen war die Frankfurter Paulskirche. Vom 31. Mai bis zum 3. April 1848 diente die Kirche - sie hatte den größten und modernsten Saal Frankfurts - als Versammlungsraum des so genannten Vorparlaments; am 18. Mai trat hier die Nationalversammlung erstmals zusammen. Am 27. Oktober 1848 stimmten die Abgeordneten für den Zusammenschluss aller Staaten des Deutschen Bundes zu einem deutschen Reich unter Einbeziehung Österreichs. Doch der großdeutsche Entwurf platzte am Einspruch des österreichischen Kaisers und man verfolgte nun eine kleindeutsche Lösung unter Führung Preußens. Mit dem Scheitern der 1848iger Revolution zerfiel auch die Nationalversammlung. Am 31. Mai 1849 ging im Frankfurter Sitzungssaal endgültig das Licht aus.



