Die Dunkelgräfin
Dreißig Jahre lebte sie in der thüringischen Residenzstadt Hildburghausen - aber wer die Dame mit dem Schleier war, wusste niemand. Gemeinsam mit einem angeblichen Grafen führte sie ein Schattendasein.Mit einer Pferdekutsche reisten van der Valck und seine Begleiterin am 7. Februar 1807 in Hildburghausen an, um Diskretion bemüht.
Auffälliges Versteckspiel
Auf Schloss Eishausen, einer beschaulichen Residenz, lebte er fortan als spendabler Schöngeist, seine Begleiterin als namenlose Gräfin - ein "Titel", den sie den Bürgern Hildburghausens verdankte. Natürlich wurde in der Kleinstadt wild über die Herkunft der neuen Schlossbesitzer spekuliert. Da van der Valck unter dem Namen Vavel de Versay auftrat und gute Kontakte zu Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen unterhielt, mochte niemand die adlige Abstammung der beiden bezweifeln.
Vermehrtes Gerede
So unauffällig das Leben in der Stille Eishausens gedacht war, so rasch mehrte sich das Gerede. Nicht nur die Heimlichtuerei van der Valcks, auch das Versteckspiel seiner Begleiterin gaben Rätsel auf. Warum trug sie stets einen Schleier? Und wieso nahm das Paar nicht am gesellschaftlichen Leben teil?
Reiche Erben willkommen
Ernsthafte Nachforschungen betrieb jedoch niemand - dafür sorgte der Herzog. Ihm lag viel daran, dass die beiden unbehelligt blieben. Des Herzogs Motive liegen auf der Hand: Wie viele der deutschen Kleinstaaten litt auch Sachsen-Hildburghausen im frühen 19. Jahrhundert an Überschuldung. Da kamen großzügige Steuerzahler gerade recht. Fast zehntausend Gulden sollen jährlich von Schloss Eishausen in die herzogliche Kasse geflossen sein - etwa ein Siebtel der Staatseinnahmen. Für sein "finanzielles Engagement" erhielt van der Valck 1827 die Ehrenbürgerschaft.
Den Gerüchten zufolge schon nicht mehr die "Echte": Marie Thérèse Charlotte auf einem Gemälde von 1795.
Auch nach seinem Ableben 1845 war von dem Vermögen noch eine ansehnliche Summe übrig. Doch wer sollte sie erben? Die "Gräfin" war bereits 1837 gestorben und ein Testament gab es nicht. Mit dem Erbaufruf in allen wichtigen Zeitungen Europas erlangte der frühere Diplomat postum Berühmtheit.
Seine Vita an sich besaß allerdings wenig Unterhaltungswert. Etliche Leser beschäftigte vor allem die Frage, mit wem er die Jahre in Eishausen verbracht hatte. Stimmte die Angabe in der Sterbeurkunde der "Gräfin" - hieß sie Sophia Botta? Oder hatte van der Valck den Namen erfunden, um die wahre Identität der Frau über ihren Tod hinaus geheim zu halten?
Forschungsproblem und Märchenstoff
Wie sehr dieses Rätsel auf öffentliches Interesse stieß, belegt die Vielzahl der Publikationen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts über die "Geheimnisvollen im Schlosse Eishausen" erschienen. Ihr Spektrum reicht von populärwissenschaftlich bis fiktiv.
Dass ausgerechnet der Roman Der Dunkelgraf (1854) des Märchen- und Sagendichters Ludwig Bechstein zum Namengeber eines selbst ernannten Forschungszweiges wurde, ist bezeichnend. Noch heute befassen sich Dunkelgrafen- und Dunkelgräfinforscher mit dem Schicksal van der Valcks und seiner Gefährtin. Deren Zahl ist nicht gering: Auf jährlichen Symposien, die seit 1996 stattfinden, treffen sich bis zu neunzig Personen.
Madame Royale!
Viele von ihnen sind dem Reiz der so genannten "Vertauschungsthese" erlegen - einer Spekulation, die sich von Anfang an wie ein roter Faden durch alles zieht, was über das Paar geschrieben wurde: die "Gräfin" soll in Wahrheit die französische Prinzessin Marie Thérèse Charlotte gewesen sein, Tochter von König Ludwig XVI. und Marie Antoinette.
Die als Madame Royale bekannte Königstochter saß während der französischen Revolution mit ihrer Familie in Haft. 1795 wurde sie nach Verhandlungen zwischen einer mittlerweile gemäßigten französischen Regierung und dem österreichischen Kaiser nach Wien gebracht.
Louis-Antoine de Bourbon (1775 - 1844) saß 1830 nur 20 Minuten auf dem Thron. Danach ging er mit Madame Royale ins Exil.
Die Vertreter der Vertauschungsthese glauben, dass sie auf dem Weg dorthin schlicht ausgewechselt worden sei. Die echte Tochter Ludwigs XVI. habe sich mehrere Jahre an verschiedenen Orten versteckt und sei 1807 mit van der Valck - ihrem Begleiter und Beschützer - nach Hildburghausen gelangt.
Prinzessin in Hildburghausen
War Schloss Eishausen der Unterschlupf einer französischen Prinzessin? Indizien sprechen dafür: die zurückgezogene Lebensweise des Paares, die Verschleierung der "Gräfin", ihre Habseligkeiten im bourbonischen Stil sowie das angeblich veränderte Aussehen und Verhalten der offiziellen Madame Royale. Doch bis heute konnte keiner der Forscher eine endgültige Antwort liefern - geschweige denn einen wissenschaftlichen Beweis.
Ernüchternde Bilanz
Thomas Meyhöfer, Mitbegründer des Interessenkreises Madame Royale, zog auf dem 7. Symposium im September 2007 folgende ernüchternde Bilanz: "Die Argumente, die in den letzten anderthalb Jahrhunderten für die Annahme einer Identität der Dunkelgräfin mit der französischen Prinzessin Madame Royale vorgelegt wurden, erscheinen ... wenig glaubwürdig und sind für einen historischen Beweis nicht ausreichend." Meyhöfer befürwortet eine Abkehr von der Vertauschungsthese. Dass eine DNA-Analyse alle Zweifel über die Verwandtschaft der Dunkelgräfin mit den französischen Bourbonen beseitigen könnte, ist aus wissenschaftlicher Sicht klar.
Das Grab bleibt verschlossen
Aber ausgerechnet dieser Weg wurde von den Hildburghausern wiederholt blockiert: Stadtrat und Bürger votierten gegen die Exhumierung der Leiche. Bürgermeister Steffen Harzer will sich im Notfall gar "vor das Grab legen", um die Störung der Totenruhe zu verhindern. Wie einst unter Herzog Friedrich dient es offenbar dem Wohl der Stadt, wenn das Geheimnis der Dunkelgräfin gewahrt bleibt: nur das ungelöste Rätsel behält seinen Zauber - und damit seine Anziehungskraft für Besucher.
Michael März (17.10.2007)
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Infobox
Madame Royale
Die offizielle Geschichte der Tochter Ludwigs XVI. geht so: Am 19. Dezember 1778 in Versailles geboren, wuchs Marie Thérèse Charlotte zunächst in einer heilen Welt auf. Erst der Sturm auf die Bastille änderte die Lebensumstände am königlichen Hof.
Am 6. Oktober 1789, einen Tag nach dem Protestmarsch der Frauen nach Versailles, wurde ihre Familie nach Paris in das Palais des Tuileries gebracht. Bald darauf folgte die Gefangenschaft im Temple. 1793 starben König Ludwig XVI. und Marie Antoinette unter der Guillotine.
Als prominente Überlebende wurde Marie Thérèse Charlotte zum Spielball der Politik. 1795 durfte sie im Austausch gegen französische Kriegsgefangene nach Wien ausreisen. Dort verbrachte sie annährend vier Jahre am Hof des österreichischen Kaisers Franz I.
Am 10. Juni 1799 heiratete sie ihren Cousin Louis-Antoine de Bourbon, Herzog von Angoulême. Nach fünfzehn Jahren im Exil kehrten beide im Gefolge König Ludwigs XVIII. nach Paris zurück. Anlässlich der Julirevolution 1830 mussten die Bourbonen Frankreich wieder verlassen.
Louis-Antoine saß als Ludwig XIX. kurzzeitig auf dem Thron, bevor auch er ins Exil gehen musste. Damit war Marie Thérèse Charlotte bis zum Tod ihres Mannes im Jahre 1844 Titularkönigin von Frankreich. Sie erlag am 19. Oktober 1851 den Folgen einer Lungenentzündung.
Die offizielle Geschichte der Tochter Ludwigs XVI. geht so: Am 19. Dezember 1778 in Versailles geboren, wuchs Marie Thérèse Charlotte zunächst in einer heilen Welt auf. Erst der Sturm auf die Bastille änderte die Lebensumstände am königlichen Hof.
Am 6. Oktober 1789, einen Tag nach dem Protestmarsch der Frauen nach Versailles, wurde ihre Familie nach Paris in das Palais des Tuileries gebracht. Bald darauf folgte die Gefangenschaft im Temple. 1793 starben König Ludwig XVI. und Marie Antoinette unter der Guillotine.
Als prominente Überlebende wurde Marie Thérèse Charlotte zum Spielball der Politik. 1795 durfte sie im Austausch gegen französische Kriegsgefangene nach Wien ausreisen. Dort verbrachte sie annährend vier Jahre am Hof des österreichischen Kaisers Franz I.
Am 10. Juni 1799 heiratete sie ihren Cousin Louis-Antoine de Bourbon, Herzog von Angoulême. Nach fünfzehn Jahren im Exil kehrten beide im Gefolge König Ludwigs XVIII. nach Paris zurück. Anlässlich der Julirevolution 1830 mussten die Bourbonen Frankreich wieder verlassen.
Louis-Antoine saß als Ludwig XIX. kurzzeitig auf dem Thron, bevor auch er ins Exil gehen musste. Damit war Marie Thérèse Charlotte bis zum Tod ihres Mannes im Jahre 1844 Titularkönigin von Frankreich. Sie erlag am 19. Oktober 1851 den Folgen einer Lungenentzündung.



