Zeit der Phrasen
Lange Zeit galten Revolutionen als Motor der Geschichte. Doch lösten die Umwälzungen oft nur ein Unrecht durch das nächste ab. Vielen brachte der lang ersehnte Umsturz nur leere Worte und Schlimmeres.Spekulanten hatten den Brotpreis in die Höhe geschraubt. Doch dies allein ist kein Grund für eine Revolution. Andere Motive als bloßer Hunger - denn an den war man gewöhnt - trieben am Vormittag des 14. Juli 1789 eine Menschenmenge vor das Tor der Bastille: Hass, Verachtung gegenüber dem Hof im nahen Versailles, vielleicht auch Lust an der Randale.
Im Palais Royal - einem ehemaligen Bordell - heizten Agitatoren die Stimmung an. Das täppische Handeln des Königs - darunter die Entlassung des populären Finanzministers Necker - lieferte Anlässe genug.
"Zwingburg des Despotismus"
Der Sturm auf die Bastille, eine kleine Stadtfestung im Zentrum von Paris, war keine große Sache: Bewacht von einer Handvoll Invaliden unter dem unglücklichen Kommandanten de Launay besaß die "Zwingburg des Despotismus" eher symbolischen Wert. Ihre Kerker standen in schrecklichem Ruf, zu Unrecht allerdings: Als der Sturm gelungen war, befreite die Menge vier Urkundenfälscher, zwei Geisteskranke und einen adligen Pornografen - den Marquis de Sade. Dessen Familie hatte um die komfortable Sicherheitsverwahrung gebeten.
Auf Heugabeln gespießt
Die Zahl der Opfer auf Seiten der Angreifer soll um die achtzig betragen haben: De Launay hatte in seiner Verzweiflung feuern lassen. Ein Fleischer köpfte ihn gleich nach der Kapitulation. De Launays Kopf - und den eines Wachsoldaten - trug der Pöbel jubelnd auf Heugabeln herum. In Versaille regierte fortan die Angst. Der Brotpreis sank dadurch nicht.
Sternstunde der Menschheit?
Die Bastille ist längst verschwunden: Ihr Abriss begann zwei Tage nach dem Sturm und war im Oktober 1789 beendet. Noch heute aber heißt der Platz, auf dem die "Zwingburg" einst ragte, Place de la Bastille. Am Boden ist der Verlauf ihrer Mauern markiert. Und noch heute ist der Sturm auf die Bastille ein Fanal: Zur Sternstunde der Menschheit verklärt, repräsentiert das etwas wüste Geschehen den historischen Fortschritt schlechthin.
Am 18. Brumaire VIII, dem 9. November 1799, ist die französische Revolution zu Ende: Napoleon Bonaparte wird Erster Konsul und damit Alleinherrscher. (Gemälde von François Bouchot, 1840)
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Was ist eine Revolution? Geht man vom klassischen Fall aus, dem französischen Modell, handelt es sich vor allem um eine Zeit der Phrasen: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", wobei "Brüderlichkeit" spätere Ersetzung ist. Ursprünglich stand da: "Eigentum".
Freiheit also - von aristokratischer Bedrückung, aber ebenso von traditioneller Verantwortlichkeit; Gleichheit - nicht der Lebensumstände und Chancen, sondern, abstrakt gedacht, vor dem Gesetz; Eigentum, als Bestandssicherung von bürgerlichem Besitz. Den kleinen Leuten, den "Massen", brachte das nicht viel, und sollte es wohl auch nicht.
"Göttliche Vernunft"
Um dennoch Massen zu mobilisieren, trat die Ideologie auf den Plan: "Göttliche Vernunft" musste - natürlich - hinter der Erklärung der Menschenrechte stecken. Wehe, wer an sie nicht glaubte! Für den endeten die Menschenrechte auf dem Schafott. Mehr als 40.000 Franzosen fielen allein vom Herbst 1793 bis zum Frühjahr 1794 dem Terror zum Opfer. Die Götter dürsten heißt ein Roman des französischen Schriftstellers Anatole France. Schicksale unter der Herrschaft der Jakobiner sind in ihm nachgezeichnet.
Auffallende Parallelen
Es ist umstritten, ob die zweite "klassische" Revolution der Weltgeschichte, die russische Revolution von 1917 bis in die 1920iger Jahre, das französische Modell deshalb in wichtigen Etappen kopierte, weil Menschen in überlieferten Begriffen dachten, oder ob allgemein Gültiges solche Parallelität bedingt. Tatsächlich folgte in beiden Revolutionen dem kurzen Freiheitstaumel der Terror, etablierten sich Führungseliten, deren Herrschaft an Brutalität die der gestürzten "Despoten" weit übertraf.
Mafiaartige Strukturen
Den Jakobinern Robespierres entspricht aus dieser Sicht Lenins Partei der Bolschewiki; den Thermidorianern - das auf pure Bereicherung erpichte Bürgertum im französischen Revolutionsverlauf - entspricht die Stalinsche Politbürokratie mit ihren mafiaartigen Strukturen. Und immer am Anfang: der Wirbel um ein an sich unbedeutendes Ereignis, um eine Farce, die zwanghaft zum ideologischen Zauber gehört: hier die Bastille, dort der Sturm auf das Winterpalais.
Nur bei den Folgen, ausgedrückt in der Zahl der Opfer, fällt ein Vergleich schwerer: Von bis zu sechzehn Millionen Toten spricht der Historiker Orlando Figes in seinem Buch über die russische Revolution.
Erschütterndes Resultat
Fast ist es überflüssig, darauf hinzuweisen, dass den großen Heilsversprechen der Revolutionäre die Realität auch Jahrzehnte nach den Revolutionen krass entgegenstand. Für alle von der Macht Ausgeschlossenen war das Resultat erschütternd. Warum aber hat dennoch der Mythos Revolution die jeweilige Ernüchterung überdauert? Natürlich liegt es nahe, an die Deutungsmacht zu erinnern, die ja regelmäßig in die Hände der Revolutionäre, oder ihrer selbst ernannten Erben überging. Ganz befriedigt solche Erklärung kaum.
Revolutionäre Sehnsucht
Vielleicht ist die Sehnsucht, mit einem Kraftakt unerträgliche Zustände gleichsam aufzusprengen, irgendwo tief in uns Menschen verankert. Vielleicht aber können Zustände auch so unerträglich sein, dass jede Rebellion recht ist, wenn sie nur Veränderung bringt. Am Brotpreis allein liegt es gewöhnlich nicht.
Michael Schmittbetz (09.02.2006)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Revolution | ![]() |
Infobox
Erfolgreiche Revolutionen...
waren spätestens ab Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts nur an den Rändern der großen Machtblöcke möglich. Zu den bedeutsameren Umstürzen jener Zeit zählt die Machtergreifung der M26-7 ("Bewegung des 26. Juli") unter Fidel Castro auf Kuba.
Aktiv unterstützt von einer Mehrheit der Kubaner marschierten Castros Barbudos ("Bartträger") zum Jahreswechsel 1958/59 in Havanna ein und stürzten den Diktator Fulgencio Batista. Erst beinahe zwei Jahre später wurde der Charakter dieses Umsturzes als kommunistische Revolution deutlich.
Im Kuba von heute passt zu den revolutionären Versprechungen von damals wenig. Grund: es gelang der neuen Elite nie, eine effektive Wirtschaft zu organisieren. Die völkerrechtswidrige US-Blockade dient den Machthabern oft als Argument, um eigenes Versagen zu bemänteln.
Im Gegensatz zum revolutionären Ideal der Gleichheit ist Kuba derzeit eine Dreiklassengesellschaft aus Devisenbesitzern, höheren Funktionären und Militärs, sowie devisenlosen Normalbürgern. Kritiker werden verfolgt, kommen allerdings auch deshalb nicht zum Zuge, weil die Auswanderung vor allem junger Menschen für das Regime des "Bartmannes" (Castro) ein Sicherheitsventil darstellt.
Viele Kinder und Enkel der ehemals revolutionären Kubaner sehen im Verlassen ihrer Heimat den einzig gangbaren Weg. Denn ein Sturz des immer unbeliebteren Castro-Regimes hätte vermutlich nur vertiefte Armut und den Verlust des zwar materiell dürftigen aber unentgeltlichen Bildungs- und Gesundheitswesens zur Folge: das Dilemma der "revolutionären Insel".
waren spätestens ab Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts nur an den Rändern der großen Machtblöcke möglich. Zu den bedeutsameren Umstürzen jener Zeit zählt die Machtergreifung der M26-7 ("Bewegung des 26. Juli") unter Fidel Castro auf Kuba.
Aktiv unterstützt von einer Mehrheit der Kubaner marschierten Castros Barbudos ("Bartträger") zum Jahreswechsel 1958/59 in Havanna ein und stürzten den Diktator Fulgencio Batista. Erst beinahe zwei Jahre später wurde der Charakter dieses Umsturzes als kommunistische Revolution deutlich.
Im Kuba von heute passt zu den revolutionären Versprechungen von damals wenig. Grund: es gelang der neuen Elite nie, eine effektive Wirtschaft zu organisieren. Die völkerrechtswidrige US-Blockade dient den Machthabern oft als Argument, um eigenes Versagen zu bemänteln.
Im Gegensatz zum revolutionären Ideal der Gleichheit ist Kuba derzeit eine Dreiklassengesellschaft aus Devisenbesitzern, höheren Funktionären und Militärs, sowie devisenlosen Normalbürgern. Kritiker werden verfolgt, kommen allerdings auch deshalb nicht zum Zuge, weil die Auswanderung vor allem junger Menschen für das Regime des "Bartmannes" (Castro) ein Sicherheitsventil darstellt.
Viele Kinder und Enkel der ehemals revolutionären Kubaner sehen im Verlassen ihrer Heimat den einzig gangbaren Weg. Denn ein Sturz des immer unbeliebteren Castro-Regimes hätte vermutlich nur vertiefte Armut und den Verlust des zwar materiell dürftigen aber unentgeltlichen Bildungs- und Gesundheitswesens zur Folge: das Dilemma der "revolutionären Insel".



