Rommels Grab in Herrlingen: Wo dieses simple Kreuz an den Generalfeldmarschall erinnert, plante Hitler ein Monument aus Marmor.
"Soldatisches Gewissen"
20. Juli 1966, im Ehrenhof des Bendlerblocks, Stauffenbergstraße, Berlin: Vor Politikern und Offizieren der Bundeswehr hält General a. D. Dr. Hans Speidel die Festansprache zum Gedenken an die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944. Einer der beiden Männer, welche der Redner hervorhebt, ist der "große Truppenführer und Feldmarschall" Erwin Rommel.Rommels "Schauder"
Erwin Rommels Haltung beim gescheiterten Umsturzversuch gegen den Diktator scheint für Speidel klar: "Als sich auf allen Gebieten Irrtümer und Verbrechen Hitlers mehrten, stellte Rommel mit Schauder die Schreckensmacht der Hybris fest... Weil ihm Ansehen und Leben seines Volkes höher standen als die eigene Person, bereitete er eine Yorcksche Tat vor. Erkenntnis und Entschluss Rommels kamen spät. Das soldatische Gewissen hatte sich erst allmählich zum politischen erweitert..."
"Wohlweislich konstruiert"
Doch "kamen" Rommels "Erkenntnis und Entschluss" überhaupt? Die Frage ist nicht erst seit heute in der Diskussion, obwohl sie durch den Historiker Ralf Georg Reuth jüngst wieder aufgegriffen - und negativ beantwortet wurde. Reuth urteilt über Rommel: "Und dieser Figur fehlte nur eines, um zum Vorbild oder Idol zu werden: die Zugehörigkeit zum 20. Juli, die man im Nachhinein wohlweislich konstruiert hat." Widersprüchlicher als die geschilderten Standpunkte können Auffassungen kaum sein. Außerdem stellen sich die klassischen Folgefragen: Wer ist "man"? Wer hat den Mythos von Rommels Widerstand gegen Hitler "wohlweislich konstruiert", und warum?
Schwerwiegende Wandlungen
Im Anschluss an die bittere Niederlage von El Alamein hatte Erwin Rommel nur noch knapp zwei Lebensjahre vor sich, bis zum von Hitler angeordneten Selbstmord durch Gift am 14. Oktober 1944. "Hitlers Lieblingsgeneral" machte in den letzten Monaten seines Daseins tatsächlich schwerwiegende Wandlungen durch: Der hochtalentierte Taktiker und "kurzsichtige Stratege" (Rommel war das übrigens auch im physischen Sinn) begriff mehr und mehr das Schwinden der deutschen Siegeschancen.
Auftrag im Westen
Nach neuen Niederlagen deutscher Truppen in Tunesien, deren Kapitulation Rommel nicht selbst erleben muss, und einem italienischen Zwischenspiel, landet der Feldmarschall im Dezember 1943 auf französischem Boden. Sein Auftrag: die Abwehr der zu erwartenden Invasion organisieren. Hitler ernennt ihn zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, dessen Verantwortungsbereich die bedrohte Küste umfasst.
Das Praktische im Blick
Hier tut Rommel das, was seinem Charakter entspricht: er geht an taktische Probleme heran mit einer Intensität, die viele der im Wohlleben des besetzten Frankreich lauschig eingerichteten deutschen Stäbe aus der Bequemlichkeit reißt. Deutsche Soldaten und französische Freiwillige legen auf Rommels Veranlassung im Küstenvorfeld Hindernisse an, wirken am pioniermäßigen Ausbau der betonierten Bunkeranlagen, rammen im Hinterland Pfähle in die Erde, um Landungen feindlicher Lastensegler zu erschweren. Wie in jeder Phase seiner bisherigen Laufbahn sieht Rommel das Praktische, Naheliegende...
Infobox
Nach der Niederlage bei El Alamein ist der Stern Rommels im Sinken. Interne Gegner im deutschen Oberkommando hat der wenig orthodoxe Feldmarschall lange schon genug. Zusätzliche Kontroversen und auch Rommels allgemeine Kritik verschärfen die Situation. Vor allem Hitler aber gibt Rommel bis fast zum Schluss Rückhalt. Nach dem Attentat - und dem Verdacht auf Mitwisserschaft gegen Rommel - verschwindet die Unterstützung. So ist es kein Zufall, dass sich das "Ehrengericht" der Wehrmacht insgeheim für Speidel (keine klare Schuld nachweisbar) und gegen Speidels Vorgesetzten Rommel entscheidet. Rommel, vor die Wahl zwischen einem seine Familie gefährdenden Verfahren vor dem "Volksgerichtshof" und "ehrenvollem" Selbstmord - als natürlicher Tod kaschiert - gestellt, wählt letzteres.


