Henri Dunant
Es gibt viele Rote Kreuze, sei es als weltweit agierender Verein in Genf oder, im nationalen Rahmen, in fast allen Staaten der Erde. Am Anfang standen ein schlichter, humaner Gedanke - und ein Mensch.Der Genfer Geschäftsmann Henri Dunant in jungen Jahren.
Scheitern und Ausschluss
Denn immer noch stark ist das geistige Erbe des Reformators Calvin: Erfolg beweist die Gnade Gottes, belegt, dass der Erfolgreiche zu den Guten gehört. Da kann er dann auch, nebenbei, barmherzige Werke tun. Misserfolg, Scheitern jedoch führt zu unerbittlicher Ächtung und Ausschluss. So ein Geächteter ist der ehemalige Bewohner des Hauses in der Rue de Verdaine. Sein Name: Henri Dunant.
Leicht neben der Norm
Etwas verrückt war der Geschäftsmann Dunant schon immer - nicht eigentlich verschroben, aber doch leicht neben der Norm: eine Art Businessman mit sozialer Ambition, Mitbegründer des YMCA, hin und wieder abseits offizieller christlicher Lehren ins Mystische schweifend. Wie noch jeder Mensch, der wähnt, seinen Zeitgenossen an Einsicht voraus zu sein, neigte Dunant zur Selbstüberschätzung. Dem Kerngeschäft, einer Mühlengesellschaft im fernen, französisch besetzten Algerien, tat das nicht gut. Wacklig war das Ganze, und drohte am Widerstand der kolonialen Behörden in die Brüche zu gehen.
Den Kaiser sprechen
Wenn die Behörden nicht spuren, warum dann nicht mit dem zuständigen Kaiser sprechen? Ist der doch vielleicht bei Laune, besonders, wenn er gerade einen Krieg gewonnen hat. Also ging der wunderliche Handelsmann 1859 auf Reisen - im Zeichen des Mammons, nicht der Menschlichkeit. Ein Sonderling muss dieser Dunant schon gewesen sein, um zu glauben, der Kaiser Frankreichs hätte ein Ohr für seine Geschäfte!
Auf Messers Schneide
Ein Ohr für Dunant hatte Napoleon III. nicht, und auch nicht den Nerv. Zu der Zeit kämpfte der Kaiser der Franzosen mit seinem Heer ja gegen die Österreicher. Nicht nur Dunants Mühlenprojekt war kippelig, auch das Schicksal von Franzosen und Italienern stand auf des Messers Schneide. Immerhin gelangte Dunant in die Nähe seines Wunsch-Gesprächspartners, als am Abend des 28. Juni 1859 bei Solferino, südlich des Gardasees, die entscheidende Schlacht geschlagen war. Ziemlich genau zu jener Stunde, in der Dunant bei Solferino eintraf, ritt der siegreiche Kaiser mit großer Eskorte über das Schlachtfeld.
Nach der Schlacht von Solferino hatten beide Seiten rund 6.000 Todesopfer zu beklagen. (Bild: unbekannter Künstler)
Dabei wurde Majestät leider übel. Den Gestank eines eilig besuchten Feldlazaretts ertrug der kleinwüchsige Mann mit anfälligem Magen schon gar nicht mehr. Speiend und im Zustand des Nervenzusammenbruchs schafften ihn Adjutanten ins behagliche Quartier. Dies unterscheidet den Kaiser vom Handelsmann: Dunant, der nie zuvor die Schrecken eines Schlachtfelds gesehen hat, krempelt die Ärmel hoch.
Sechstausend Leichen
Sein weißer Anzug färbt sich mehr und mehr mit Blut, hatten dort doch zwei Kaiser (der von Frankreich und der von Österreich) sowie ein König (von Piemont) unter Einsatz von 300.000 Stück Menschenmaterial knapp 6.000 Leichen produziert. Wie das Ergebnis - jenseits der abstrakten Zahlen - aussieht, wird Dunant später in seiner Erinnerung an Solferino beschreiben. Vor dem Schreiben aber steht die Tat: Dunant, kompletter medizinischer Laie, organisiert im nahen Ort Castiglione den Sanitätsdienst. Nach und nach sorgt er für Helfer unter den ortsansässigen Bauern, hält Sterbenden die Hände, schafft Verbandmaterial und Wasser heran...
Längst ist der ursprüngliche Reisezweck vergessen. Alles wird überstrahlt von einem schlichten Gedanken: "Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?", fragt Dunant später in der Erinnerung an Solferino.
Unheilvolle Nacht
Und weiter: "Welchen Nutzen hätte eine Schar tatkräftiger, begeisterter und mutiger Helfer auf dem Felde der Vernichtung bringen können in jener unheilvollen Nacht, als Tausende von Verwundeten vor Qual stöhnten und herzzerreißend um Hilfe riefen... Menschlichkeit und Zivilisation verlangen gebieterisch, dass man ein Werk, wie wir es hier angedeutet haben, in Angriff nimmt." Die Idee des Roten Kreuzes ist geboren!
Offene Türen
Nicht in Frage gestellt ist dabei der Krieg; es geht um Linderung seiner Folgen. Nicht in Frage gestellt ist das Recht der Nationen, Kriege zu führen. So fällt es auch den kriegerischsten Herrschern leicht, Dunants Ideen aufzugreifen. Die Erinnerung an Solferino - in den Zentralen der Macht, von Paris bis Petersburg, reißt man sich um sie. Dunant, voller messianischem Anspruch, ist zudem ein glänzender Überreder. Er eilt, von Regierung zu Regierung, von Vortrag zu Vortrag. Daneben laufen die algerischen Geschäfte. Und sie laufen schlecht.
Schriftführer in Genf
Im Oktober 1863 tritt in Genf eine Konferenz zusammen. Sechsundzwanzig Vertreter von siebzehn Nationen nehmen Teil, dazu fünf Abgesandte schweizerischer gemeinnütziger Gesellschaften. Das Heft fest in der Hand hat General Dufour, Mitglied jenes Fünf-Männer-Komitees, das Dunant Monate zuvor ins Leben rief. Dunant selbst, kommerziell schon angeschlagen und nie sehr realistisch im Umgang mit Bürokratien, ist auf die Rolle des Schriftführers beschränkt. Er sagt kein Wort. Paragraphen, Abkommen, Beschlüsse sind seine Sache nicht. Im August des folgenden Jahres entsteht nach langer Beratung ein Staatsvertrag: die Genfer Konvention.
Sturz in den Abgrund
Manchmal erscheint auf der Bühne des Weltgeschehens ein Mensch. Noch ist ihm das Außergewöhnliche seiner Bestimmung kaum anzumerken. Er tut, was er aus einem schwer erklärbaren Inneren heraus tun muss. Und verschwindet dann im Nirgendwo. Dunants Schicksal ist hart, groß und einzigartig. Schon bei den Verhandlungen von 1864 ist der Mann, der später als Gründer des Roten Kreuzes gelten soll, auf die Funktion des Frühstücksdirektors gesunken. Mit anderen Worten: Er kümmert sich um die Zerstreuungen der Staatsvertreter. Vier Jahre später beschuldigt man ihn des betrügerischen Bankrotts. Sein Komitee sagt sich von ihm los.
Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, kurz vor seinem Tod 1910.
Fast zwanzig Jahre lang irrt Dunant durch Europa, liegt nachts in Wartesälen und auf Parkbänken. Im englischen Plymouth bricht er 1872 während eines Vortrags vor Hunger zusammen. Ab 1875 hält ihn die Öffentlichkeit für tot. 1888 setzt ihm seine Familie eine bescheidene Rente aus, mit der er sich im Appenzeller Dorf Heiden verkriecht. Die Rente genügt für das Zimmer Nummer 12 im dortigen Armenspital. Zwei Jahre darauf entdeckt ihn da ein Dorfschullehrer. Wieder fünf Jahre, bis 1895, dauert es, bis die Weltpresse überraschend meldet: "Der Gründer des Roten Kreuzes lebt!" Nun gilt es, den wieder Berühmten, aber in biblischer Apokalyptik Versunkenen ruhig zu stellen. Was wäre, wenn er jemanden kritisierte?
"Ich bin ein Jünger Christi..."
Ehrungen und Preise häufen sich - bis zum Friedensnobelpreis. Nichts von dem sprudelnden Geldsegen verwendet der Armenhäusler für sich. Dunant malt Bilder, auf großen Holztafeln, in Zimmer Nummer 12. Sie zeigen, abgeleitet aus der biblischen Offenbarung, den Weg der Menschheit zum Untergang. Am 30. Oktober 1910 stirbt Henri Dunant, 82 Jahre alt. Dies sind seine letzten Worte: "Ich wünsche zu Grabe getragen zu werden wie ein Hund, ohne eine einzige von euern Zeremonien, die ich nicht anerkenne. Ich rechne auf eure Güte zuversichtlich, über meinen letzten irdischen Wunsch zu wachen. Ich zähle auf eure Freundschaft, dass es so geschehe. Ich bin ein Jünger Christi wie im ersten Jahrhundert, und sonst nichts."
Michael Schmittbetz (22.10.2003)
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Schlacht um Norditalien
Noch lange nach dem Wiener Kongress 1815 gehörte Norditalien zum österreichischen Staat. Doch eine machtvolle und populäre Freiheitsbewegung kämpfte bald für Italiens Einheit, für die neue italienische Nation.
In Camillo Benso von Cavour, dem Ministerpräsidenten des italienischen Teilstaats Piemont, hatte diese Bewegung ihren Führer. Cavour verbündete sich mit dem französischen Kaiser Napoleon III. Französische und piemontesische Truppen auf der einen und Österreicher auf der anderen Seite standen sich am Morgen des 28. Juni 1859 bei Solferino gegenüber.
Das Gemetzel dauerte an, bis am Abend Gewitter und Wolkenbrüche alle Aktionen beendeten. Österreichs Kaiser Franz Joseph II., dessen Einheiten teilweise in Panik gerieten, zog sich vom Schlachtfeld zurück. Von Strategie war auf keiner Seite viel zu bemerken. Lediglich die Fehler des senilen österreichischen Feldmarschalls Gyulai übertrafen die der Franzosen.
Deshalb ist Solferino eine wenig "interessante" Schlacht, gemessen an den Kriterien von Militärenthusiasten. Meist hatten die höheren Stäbe alle Übersicht verloren - ein Vorgeschmack auf den Ersten Weltkrieg, in dem oft völlig untalentierte Heerführer Millionen-Armeen in die Knochenmühlen schickten.
Noch lange nach dem Wiener Kongress 1815 gehörte Norditalien zum österreichischen Staat. Doch eine machtvolle und populäre Freiheitsbewegung kämpfte bald für Italiens Einheit, für die neue italienische Nation.
In Camillo Benso von Cavour, dem Ministerpräsidenten des italienischen Teilstaats Piemont, hatte diese Bewegung ihren Führer. Cavour verbündete sich mit dem französischen Kaiser Napoleon III. Französische und piemontesische Truppen auf der einen und Österreicher auf der anderen Seite standen sich am Morgen des 28. Juni 1859 bei Solferino gegenüber.
Das Gemetzel dauerte an, bis am Abend Gewitter und Wolkenbrüche alle Aktionen beendeten. Österreichs Kaiser Franz Joseph II., dessen Einheiten teilweise in Panik gerieten, zog sich vom Schlachtfeld zurück. Von Strategie war auf keiner Seite viel zu bemerken. Lediglich die Fehler des senilen österreichischen Feldmarschalls Gyulai übertrafen die der Franzosen.
Deshalb ist Solferino eine wenig "interessante" Schlacht, gemessen an den Kriterien von Militärenthusiasten. Meist hatten die höheren Stäbe alle Übersicht verloren - ein Vorgeschmack auf den Ersten Weltkrieg, in dem oft völlig untalentierte Heerführer Millionen-Armeen in die Knochenmühlen schickten.



