Balance und Pietät
Goldenes Besteck, brillantengespickte Tabaksdosen, ein rubinbesetzter Feldmarschallstab: Unersetzliche Kostbarkeiten lagen wohl behütet auf der Burg Hohenzollern. Bis im Juli 1953 ein Langfinger in die Festung einbrach.Trutzig thront die Burg Hohenzollern hoch über der Schwäbischen Alb auf dem Gipfel des Zollernberges. Massiv stehen die Mauern, uneinnehmbar, unüberwindlich. Jedoch: Der Anschein trügt. Woran eine große Armee vielleicht gescheitert wäre, gelang einem Dieb 1953 im Alleingang: Er drang in die Schatzkammer der Burg ein, wo er sich aus dem dort ausgestellten Fundus der hohenzollernschen Kronjuwelen bediente.
Die Verbindung ziviler Schlossarchitektur mit festungsähnlicher Wehrhaftigkeit verleiht der Anlage ihren imposanten Charakter - ein Charakter, der auf potenzielle Angreifer eher abschreckend gewirkt haben dürfte. Nicht so auf den Einbrecher Paul Falk. Schon seit Monaten hatte er, als Tourist getarnt, immer wieder an Führungen durch die Burg teilgenommen und sich so den Weg zur Schatzkammer eingeprägt. Leitern und Werkzeug lagen in Verstecken bereit, als Falk in der Nacht zum 31. Juli 1953 seinen Plan in die Tat umsetzte.
Planmäßiger Einbruch
Zuerst überwindet Falk die Außenmauer, indem er zwei Leitern zusammen bindet - ein Hindernis, das der ehemalige Zirkusartist ohne Schwierigkeiten bewältigt. Dann rasch im Dunkeln über den Innenhof, geduckt im Schatten huschend, hinüber zum Außenfenster der ehemaligen Schlossküche. Dort lagern die Juwelen des Hauses Hohenzollern. Die improvisierte Schatzkammer ist mickrig abgesichert: Weder Alarmanlage noch Nachtwächter hüten die Kostbarkeiten.
Der Eindringling zersägt die Eisenstäbe vor dem Fenster, biegt sich eine Öffnung zurecht, gerade groß genug, seinen schlanken Körper hindurchzuzwängen. Er zertrümmert die Vitrinen, packt Geschmeide und Goldgefäße in einen Sack, flieht auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Seine Beute vergräbt Falk im Wald; später kommt er zurück, um sie abzuholen.
Tabaksdosen und ein Taufgeschenk
Am nächsten Morgen wird der Diebstahl entdeckt. Die Verantwortlichen, allen voran Burgverwalter Graf von Hardenberg, starren fassungslos auf den Tatort. Unersetzliche Stücke hat der Einbrecher entwendet, unter anderem sechs brillantengespickte Tabaksdosen Friedrichs II., einen Feldmarschallstab, mit Diamanten und Rubinen besetzt, sowie eine goldene Besteckgarnitur, Taufgeschenk Königin Viktorias von England für ihren Enkel Wilhelm, den nachmaligen Kaiser Wilhelm II.
Zurückgelassen: Die Krone Wilhelms II., auch Hohenzollernkrone genannt, nahm der Dieb nicht mit - angeblich aus Pietät. (Bild: FDV, Lizenz: Creative Commons)
Beute im Main
Aufgespürt hat die Polizei den "Mann im Nebel", wie ihn die Presse titulierte, durch einen Zufall: Spielende Kinder hatten im Wald eine Werkzeugtasche gefunden und mit nach Hause genommen. Paul Falk dürfte sich gewundert haben, als er bei seinem ersten Einbruchsversuch sein Arbeitsgerät nicht an Ort und Stelle vorfand. Also deckte sich der Ganove neu ein - im gleichen Geschäft wie zuvor. Die Produktionsnummer eines Bolzenschneiders aus dem Fund der Kinder brachte die Fahnder schließlich auf seine Fährte; acht Monate später ermittelten sie Paul Falk in Frankfurt am Main.
Dort versuchte Falk, das Diebesgut unter dem "Künstlernamen" Del Monte an den Mann zu bringen. Allerdings nicht im Originalzustand: Vielmehr hatte er die meisten Schmuckstücke bereits eingeschmolzen und bot das Gold nach Gewicht an, offerierte auch die herausgebrochenen Edelsteine. Doch bevor es zum Verkauf kam, ergriffen ihn Beamte der Kripo. Viele der Schmuckstücke sind dennoch für immer verloren: Um sich ihrer zu entledigen, hatte "Del Monte" Teile der Beute in den Main geworfen.
Jene Tabaksdose, die Friedrich II. in der Schlacht bei Kunersdorf das Leben rettete, ist heute gut bewacht im Museum der Burg Hohenzollern ausgestellt. (Bild: Saxo, Lizenz: Creative Commons)
Im anschließenden Prozess wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Einige der geraubten Preziosen, darunter Imitationen der Tabakdosen des Preußenkönigs Friedrich II., liegen heute wieder in der Schatzkammer der Burg Hohenzollern.
Diese wird mittlerweile besser überwacht, um möglichen Nachahmern der Tat von 1953 die Arbeit zu erschweren. Denn informieren, auf welchem Weg Paul Falk in die Schatzkammer gelangte, kann sich jeder: Das Kriminalmuseum Freiburg widmete dem kriminalhistorisch herausragenden Husarenstück eine eigene Abteilung.
Kai Müller (aktualisiert 07.05.2012)
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Die Burg Hohenzollern...
bei Hechingen ist Stammsitz des gleichnamigen Adelshauses, das seit 1701 die preußischen Könige, ab 1871 dann die deutschen Kaiser stellte. In einer Urkunde aus dem Jahr 1267 taucht sie zum ersten Mal namentlich auf. Trotz der strategisch günstigen Lage wurde die Burg mehrmals im Lauf der Zeit zerstört, erobert und wieder auf- oder umgebaut.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts verfiel das Festungswerk allerdings zusehends. Was sich dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (dem späteren Friedrich Wilhelm IV.) bei einem Besuch 1819 darbot, war nur mehr eine Ruine.
Dem Hohenzoller stieß schon damals sauer auf, die Wiege seiner Ahnen derart heruntergekommen zu sehen. 1850 gab er, jetzt preußischer König, den Auftrag für einen Neubau im neogotischen Stil, der sein Repräsentationsbedürfnis befriedigen sollte.
Siebzehn Jahre später weihte sein Nachfolger auf dem Thron, Wilhelm I., die Burg ein, die weniger als Wohnsitz denn als "nationaldynastisches Denkmal" (Kunsthistoriker Ulrich Feldhahn) konzipiert war. Doch so solide der Bau auch scheint - Naturgewalt könnte ihm im Ernstfall ein bröckelndes Ende bereiten: Der Zollerngraben ist eine der erdbebenaktivsten Regionen Mitteleuropas.
bei Hechingen ist Stammsitz des gleichnamigen Adelshauses, das seit 1701 die preußischen Könige, ab 1871 dann die deutschen Kaiser stellte. In einer Urkunde aus dem Jahr 1267 taucht sie zum ersten Mal namentlich auf. Trotz der strategisch günstigen Lage wurde die Burg mehrmals im Lauf der Zeit zerstört, erobert und wieder auf- oder umgebaut.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts verfiel das Festungswerk allerdings zusehends. Was sich dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (dem späteren Friedrich Wilhelm IV.) bei einem Besuch 1819 darbot, war nur mehr eine Ruine.
Dem Hohenzoller stieß schon damals sauer auf, die Wiege seiner Ahnen derart heruntergekommen zu sehen. 1850 gab er, jetzt preußischer König, den Auftrag für einen Neubau im neogotischen Stil, der sein Repräsentationsbedürfnis befriedigen sollte.
Siebzehn Jahre später weihte sein Nachfolger auf dem Thron, Wilhelm I., die Burg ein, die weniger als Wohnsitz denn als "nationaldynastisches Denkmal" (Kunsthistoriker Ulrich Feldhahn) konzipiert war. Doch so solide der Bau auch scheint - Naturgewalt könnte ihm im Ernstfall ein bröckelndes Ende bereiten: Der Zollerngraben ist eine der erdbebenaktivsten Regionen Mitteleuropas.
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Dresdens Schätze
Das einzigartige Schatzkammermuseum Grünes Gewölbe in Dresden beherbergt eine der schönsten und vielfältigsten Kleinodiensammlungen Europas. Seinen Namen erhielt es von dem Grünton, in dem der Tresorraum des Dresdner Residenzschlosses gestrichen war. Die sächsischen Kurfürsten verwahrten darin ursprünglich ihre Schmuckstücke und Juwelen, die sie vor fremden Augen und Fingern schützen wollten.
August der Starke (1670 bis 1733) aber beschritt den umgekehrten Weg: Statt seine Schätze wegzuschließen, machte er sie der Öffentlichkeit zugänglich, ließ dazu eigens sieben gewölbte Räume reichverziert herrichten. Das Publikum war freilich auf Hochadel und Bildungsbürgertum beschränkt; Angehörige der Unterschichten wurden erst 1831 zum Besuch zugelassen.
Bis zum Zweiten Weltkrieg änderte sich nur wenig an dem erstaunlichen Ensemble aus Prachtobjekten und Prunkarchitektur. Dann kam die Dresdner Bombennacht, die drei der Ausstellungsräume verwüstete; wohlweislich hatte man die Kunstgegenstände in die Festung Königstein ausgelagert.
Nach fünfzig Jahren Provisorium, als das Albertinum in Dresden das Grüne Gewölbe beherbergte, zog ein Viertel der Sammlung 2004 zurück ins teilrestaurierte Residenzschloss. Seit Ende 2006 werden nun alle rund viertausend Exponate wieder an ihrem ursprünglichen Standort präsentiert.
Das einzigartige Schatzkammermuseum Grünes Gewölbe in Dresden beherbergt eine der schönsten und vielfältigsten Kleinodiensammlungen Europas. Seinen Namen erhielt es von dem Grünton, in dem der Tresorraum des Dresdner Residenzschlosses gestrichen war. Die sächsischen Kurfürsten verwahrten darin ursprünglich ihre Schmuckstücke und Juwelen, die sie vor fremden Augen und Fingern schützen wollten.
August der Starke (1670 bis 1733) aber beschritt den umgekehrten Weg: Statt seine Schätze wegzuschließen, machte er sie der Öffentlichkeit zugänglich, ließ dazu eigens sieben gewölbte Räume reichverziert herrichten. Das Publikum war freilich auf Hochadel und Bildungsbürgertum beschränkt; Angehörige der Unterschichten wurden erst 1831 zum Besuch zugelassen.
Bis zum Zweiten Weltkrieg änderte sich nur wenig an dem erstaunlichen Ensemble aus Prachtobjekten und Prunkarchitektur. Dann kam die Dresdner Bombennacht, die drei der Ausstellungsräume verwüstete; wohlweislich hatte man die Kunstgegenstände in die Festung Königstein ausgelagert.
Nach fünfzig Jahren Provisorium, als das Albertinum in Dresden das Grüne Gewölbe beherbergte, zog ein Viertel der Sammlung 2004 zurück ins teilrestaurierte Residenzschloss. Seit Ende 2006 werden nun alle rund viertausend Exponate wieder an ihrem ursprünglichen Standort präsentiert.




