27. Oktober 1806: Napoleon reitet durch das Brandenburger Tor. (Ölgemälde von Charles Meynier, 1810)
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"Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht." Überall in Berlin waren die Aushänge zu finden, welche Graf von der Schulenburg am 17. Oktober 1806 anbringen ließ. Drei Tage zuvor war die preußische Armee in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt durch Napoleons Truppen vernichtend geschlagen worden.Wie konnte es soweit kommen?
Berlins Stadtgouverneur, der noch vor dem Einmarsch der Franzosen am 27. Oktober in der Hauptstadt fluchtartig das Terrain verließ, hatte reichlich untertrieben: Preußen verlor nicht nur eine Schlacht - das Drama des 14. Oktober 1806 führte geradewegs in den Zusammenbruch des ganzen Staates. "Napoleon atmete Preußen an, und Preußen hörte auf zu bestehen", wird Heinrich Heine später sagen. Preußen, die europäische Großmacht - umgeblasen wie ein Kartenhaus. Wie konnte es soweit kommen?
Ruhe führt zum Scheitern
Die von Schulenburg befohlene "Ruhe", so der Historiker Franz Herre, sei schon im Vorfeld der Schlacht einer der wichtigsten Gründe für Preußens Scheitern gewesen. Friedrich Wilhelm III., der konfliktscheue preußische König, hatte sich lange jeder Auseinandersetzung mit Napoleon entzogen. Während andere europäische Großmächte gegen Frankreich Bündnisse schufen, blieb Preußen neutral.
Preußischer Schicksalstag 14. Oktober 1806: zeitgenössische Darstellung der Schlacht bei Jena. (Stadtmuseum Jena)
Als Österreich und Russland vereint gegen Napoleon in den Krieg ziehen, tritt Preußen der Dritten Koalition nicht bei. Friedrich Wilhelms Neutralitätskurs, der zur Niederlage der Koalitionstruppen bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 beiträgt, rächt sich schon bald.
Von Napoleon gedemütigt
Anfang August 1806 löst plötzliche Aktivität die Ruhe ab: Außenpolitisch isoliert, kann Preußen dem französischen Druck kaum noch standhalten. Während der preußische Außenminister Haugwitz fest daran glaubt, dass das Land "mit einer Armee wie die unsrige und mit unseren Staatskünsten" von Frankreich nichts zu befürchten habe, demütigt Napoleon Preußen, in dem er das kürzlich von preußischen Truppen besetzte Hannover, entgegen anders lautenden Absprachen, wieder dessen alten Herren, den Engländern, offeriert.
Das Ultimatum
Angesichts eines solchen "Verrats" stellt Preußen dem Kaiser am 26. August ein Ultimatum: bis zum 8. Oktober soll Napoleon seine Armee aus den besetzten süddeutschen Gebieten bis hinter den Rhein zurückziehen.
Überzogene Reaktion
Diese überzogene Reaktion resultiert aus einer völlig unrealistischen Bewertung der eigenen und der Weltlage. Dank der vorausgegangenen Schaukelpolitik - mal biedert man sich bei Napoleon an, mal
Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770 bis 1840) stand für das alte preußische Prinzip.
Krieg unabwendbar
Auch in Preußen ist man sich der Unabwendbarkeit eines militärischen Konflikts bewusst - und will das Gesetz des Handelns auf seiner Seite haben. Noch immer rekurriert man auf vergangenen Ruhm: Preußen, der Staat Friedrichs des Großen, dessen Armee als eine der schlagkräftigsten in Europa gilt.
Mit wirrer Mähne
Von den Franzosen dagegen ist nicht viel zu halten: mit wirrer Mähne kämen die Soldaten daher, statt das Haar ordentlich zum Zopf zu flechten. Und ihr Parademarsch sei einfach nur miserabel. Dass diese Armee von einem genialen Strategen angeführt wird, und seit Jahren Sieg auf Sieg feiert, kann die Zuversicht der Preußen nicht schmälern...
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Die Nachwelt bescheinigte ihm Trägheit. Ein sehr energischer Mann war König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770-1840) tatsächlich nicht. Seine Ehefrau, die Königin Luise, hatte schon eher die Hosen an. Aber, Friedrich Wilhelm stand für das alte Prinzip Preußens: die strikte Dreiteilung des Staatswesens in Regierung, Armee und Volk. Krieg etwa, Sache der Armee, habe das Volk nicht zu berühren. Ruhe sei, auch daher, erste Bürgerpflicht. Diesem Grundsatz, obwohl er die Unterlegenheit Napoleons Bürgerarmee gegenüber gewissermaßen programmierte, kann man gerade heute, nach einem Jahrhundert blutiger Bürgerkriege, durchaus humanen Sinn abgewinnen. Das Volk unter Waffen jedenfalls war dem Monarchen ein Gräuel. Lieber ertrug er zähneknirschend die Demütigung durch eine fremde Macht. Als, angefeuert vom spanischen Volkswiderstand, und der Niederlage Napoleons in Russland, Preußens Reformer zur Erhebung drängten, musste der König gezogen und geschoben werden. Schließlich aber, mit dem Aufruf an "mein Volk", trat Friedrich Wilhelm die Woge des antifranzösischen Patriotismus los und negierte so widerwillig das eigene Prinzip. Nach Befreiungskrieg und Wiener Kongress 1815 wuchs Preußen territorial zu vorher nie dagewesener Größe. Das alte Preußen aber war es zu jenem Zeitpunkt nicht mehr.



