Hoffen auf Zgorzelec
Einst erstreckte sich Görlitz zu beiden Seiten der Neiße - nach den Zweiten Weltkrieg aber wurde die Stadt durch eine Landesgrenze geteilt. Seit den 1990er Jahren kommen sich die Stadtteile wieder näher.Die weithin sichtbaren Türme der Kirche St. Peter und Paul bestimmen das Bild der Görlitzer Altstadt.
Historisches Bühnenbild
Vom Reichtum ist nicht viel geblieben, das Ansehen kehrt langsam zurück: Touristen bewundern heute die schöne Görlitzer Altstadt, ein einzigartiges Ensemble von über dreieinhalbtausend aufwändig sanierten Gebäuden aus Spätgotik, Renaissance, Barock, Gründerzeit und Jugendstil - Deutschlands größtes zusammenhängendes Flächendenkmal. Sogar Hollywood und Babelsberg haben Görlitz' glanzvolle Fassaden entdeckt, als historisches Bühnenbild für Filme wie In 80 Tagen um die Welt oder Goethe!.
Drama hinter den Kulissen
Fernab schillernder Filmwelten spielen sich hinter den Kulissen dramatische Szenen ab - unter dem traurigen Titel Schrumpfung. Fast unbeschadet überstand Görlitz den Zweiten Weltkrieg. Dann wurde die Altstadt dem Verfall preisgegeben, zugunsten des sozialistischen Wohnungsbauprogramms. Von vier Jahrzehnten DDR hat sich das architektonische Kleinod dank privater Investoren und Subventionen in Millionenhöhe inzwischen erholt.
Leere statt Leben
Die Strukturprobleme der Stadt vermag der neue Glanz aber kaum zu überstrahlen. Jeder sechste Görlitzer hat keine Arbeit; gerade junge Leute verlassen deshalb die Stadt. Zählte Görlitz 1990 noch etwa 85.000 Einwohner, sind es heute knapp unter 56.000. Etwa 27 Prozent der Gebäude in der Görlitzer Innenstadt stehen leer. Gegen den Bevölkerungsschwund können auch schöne Fassaden nicht helfen.
Blick über die Neiße nach Zgorzelec: Seit dem Jahr 2004 ist der polnische Stadtteil über die neue Altstadtbrücke mit Görlitz verbunden.
(Bild: Jerzy Bereszko; Creative Commons)
(Bild: Jerzy Bereszko; Creative Commons)
Während Görlitz auf Hochglanz poliert wurde, versprüht Zgorzelec auf der anderen Seite der Neiße noch immer den Charme des Maroden. Die ehemalige Görlitzer Vorstadt, die seit 1945 zu Polen gehört, ist nicht schön. Doch im Unterschied zu Görlitz herrscht dort Bewegung. Statt Touristen säumen Klienci, Kunden, die Straßen. Auch aus Görlitz kommen sie, zum Tanken, zum Einkaufen - und neuerdings sogar zum Arbeiten.
Am östlichen Ufer der Neiße liegt die Arbeitslosenrate unter 13 Prozent. Auch von einer demografischen Katastrophe ist Zgorzelec weit entfernt: Von vielen Polen als Tor in den Westen gesehen, zieht die Stadt vor allem junge Leute an. In Zgorzelec wurden in den vergangenen Jahren mehr als tausend neue Arbeitsplätze geschaffen - ein Trend, von dem auch die Görlitzer profitieren können.
Grenzen überwinden
Im deutschen Rathaus ist man sich der Situation und der damit verbundenen Chancen bewusst. Nicht erst seit dem Beitritt Polens zur EU und zum Schengenraum richtet sich Görlitz' Blick in die Zukunft nach Osten. Bereits 1998 haben sich die zwei Städte diesseits und jenseits der Neiße zur Europastadt zusammengeschlossen. Gemeinsam bewarben sie sich um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2010. Mittels Kultur sollen Grenzen überwunden, wirtschaftliche Impulse geschaffen werden.
Brücken schlagen
Wichtiges Symbol für die Annäherung ist die Altstadtbrücke. Deren Vorgängerbau wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört - ohne Übergang zwischen den Stadtteilen war die Neiße für Jahrzehnte Sinnbild der Trennung. Seit Oktober 2004 gibt es eine neue Brücke an historischer Stelle; heute können sich Deutsche und Polen wieder frei zwischen den Stadtteilen bewegen. Noch aber wird das Zusammenleben, wenn man es überhaupt so nennen kann, von Vorurteilen, Misstrauen und Ängsten überschattet - auf beiden Seiten des Flusses.
Wir sprechen auch Polnisch
Nationale Ressentiments, teilweise noch in der Geschichte begründet, und Existenzsorgen erschweren das Überwinden tiefer Gräben. An manchen Orten aber scheinen die Grenzen schon zu verschwinden. Mowimy tez po polsku - Wir sprechen auch Polnisch - ist in vielen Görlitzer Schaufenstern zu lesen. Immer häufiger kommen die Kundenströme aus der anderen Richtung - tausend neue Arbeitsplätze in Zgorzelec bedeuten auch Kaufkraft für Görlitz.
Im aufwändig restaurierte Schönhof hat seit 2006 das Schlesische Museum seinen Sitz. (Bild: Kocurik, Creative Commons)
Neues Stadtzentrum
Die Bewerbung um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt - obwohl sie scheiterte - hat wichtige Impulse für ein Zusammenwachsen der geteilten Stadt gegeben. Ein nächster Schritt in dieser langen, tief greifenden Entwicklung wird der Bau des Brückenparks sein - für 53 Millionen Euro soll entlang der Verbindungsachse zwischen den Innenstädten von Zgorzelec und Görlitz ein neues Stadtzentrum mit Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten entstehen. Mit der räumlichen Annäherung, so die Hoffnung, könnten schließlich auch gesellschaftliche und mentale Barrieren fallen.
Ulrike Wolf (aktualisiert 19.04.2011)
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Infobox
Die Teilung
Über viele Jahrhunderte war Görlitz eine einheitliche Stadt. Seit 1945 führt eine Grenze entlang der Neiße durch Görlitz: Aus den Stadtvierteln am rechten Ufer des Flusses entstand Zgorzelec.
Nach der Vertreibung der deutschstämmigen Schlesier siedelten dort vor allem Polen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in der heutigen Ukraine verlassen mussten. Folge der radikalen Umsiedlungsaktionen in den Jahren 1945 bis 1948 war nicht nur eine politische Grenze, sondern auch die Errichtung ethnischer, sprachlicher und kultureller Barrieren.
Mit Ausnahme der 1970er Jahre war die deutsch-polnische Grenze kaum durchlässig und es bestanden nur wenige Kontakte zwischen den beiden Teilstädten und ihren Bewohnern. Die nahezu hermetische Trennung der zwei Städte über fast ein halbes Jahrhundert führte zu tief greifenden historischen und kulturellen Differenzen, die den Prozess der Integration noch lange bestimmen werden.
Über viele Jahrhunderte war Görlitz eine einheitliche Stadt. Seit 1945 führt eine Grenze entlang der Neiße durch Görlitz: Aus den Stadtvierteln am rechten Ufer des Flusses entstand Zgorzelec.
Nach der Vertreibung der deutschstämmigen Schlesier siedelten dort vor allem Polen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in der heutigen Ukraine verlassen mussten. Folge der radikalen Umsiedlungsaktionen in den Jahren 1945 bis 1948 war nicht nur eine politische Grenze, sondern auch die Errichtung ethnischer, sprachlicher und kultureller Barrieren.
Mit Ausnahme der 1970er Jahre war die deutsch-polnische Grenze kaum durchlässig und es bestanden nur wenige Kontakte zwischen den beiden Teilstädten und ihren Bewohnern. Die nahezu hermetische Trennung der zwei Städte über fast ein halbes Jahrhundert führte zu tief greifenden historischen und kulturellen Differenzen, die den Prozess der Integration noch lange bestimmen werden.
Infobox
Die schlesische Episode
Am 13. Mai 2006 eröffnete in Görlitz das Schlesische Museum. Im aufwändig sanierten Schönhof, dem ältesten Renaissance-Bürgerhaus Deutschlands, präsentiert es neun Jahrhunderte schlesische Geschichte.
Görlitz erlebte in der "schlesischen Episode" im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zweite Blüte. Die Entwicklung von Industrie und kommunaler Selbstverwaltung nach dem Übergang an Preußen 1815 bescherten der Stadt einen erstaunlichen Aufschwung. Görlitz wurde zum wirtschaftlichen, politischen und geistigen Zentrum der niederschlesischen Oberlausitz, wo sich Verwaltung und Gerichtsbarkeit konzentrierten, Verkehrswege kreuzten.
Als Standort industrieller Großbetriebe und mittelständischer Unternehmen bot Görlitz Arbeitsplätze und Wohnmöglichkeiten. Ein Großteil der Bevölkerung fand eine beachtliche Lebensqualität. Doch die Weltkriege unterbrachen den steten Aufstieg.
Erst nach 1990 begannen sich die Görlitzer wieder ihrer Vergangenheit zu erinnern, nachdem die zu DDR-Zeiten fast in Vergessenheit geraten war. Heute gleicht die Brüderstraße, die vom Obermarkt zum Museum führt, einer schlesischen Promenade: Geschäfte mit regionalen Andenken reihen sich an Reisebüros, die Exkursionen ins polnische Schlesien anbieten.
Am 13. Mai 2006 eröffnete in Görlitz das Schlesische Museum. Im aufwändig sanierten Schönhof, dem ältesten Renaissance-Bürgerhaus Deutschlands, präsentiert es neun Jahrhunderte schlesische Geschichte.
Görlitz erlebte in der "schlesischen Episode" im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zweite Blüte. Die Entwicklung von Industrie und kommunaler Selbstverwaltung nach dem Übergang an Preußen 1815 bescherten der Stadt einen erstaunlichen Aufschwung. Görlitz wurde zum wirtschaftlichen, politischen und geistigen Zentrum der niederschlesischen Oberlausitz, wo sich Verwaltung und Gerichtsbarkeit konzentrierten, Verkehrswege kreuzten.
Als Standort industrieller Großbetriebe und mittelständischer Unternehmen bot Görlitz Arbeitsplätze und Wohnmöglichkeiten. Ein Großteil der Bevölkerung fand eine beachtliche Lebensqualität. Doch die Weltkriege unterbrachen den steten Aufstieg.
Erst nach 1990 begannen sich die Görlitzer wieder ihrer Vergangenheit zu erinnern, nachdem die zu DDR-Zeiten fast in Vergessenheit geraten war. Heute gleicht die Brüderstraße, die vom Obermarkt zum Museum führt, einer schlesischen Promenade: Geschäfte mit regionalen Andenken reihen sich an Reisebüros, die Exkursionen ins polnische Schlesien anbieten.



