Herr des parallelen Universums
Der Stalinismus hat seinen Namensgeber überlebt: Ohne Stalin hätte es keinen "real existierenden Sozialismus" gegeben. Auch daher kommt dem, was Stalin tat, historische Bedeutung zu.So wollte er gesehen werden: väterlich, weise, überlegen... Stalin (1879 bis 1953) erhob den Terror zur Staatsräson.
Auch sie riskierten nur scheue Blicke, und stürzten wieder davon. Viel später erst, im Lauf des Vormittags, irrlichterten Mediziner ums Totenbett und zitternde Funktionäre. Fast siebzig Stunden dauerte die Agonie: Der Diktator klammerte sich ans Leben.
Auf der Todesliste
Dies ist die wahrscheinlichste Geschichte vom Ende des berühmten Georgiers - und doch nur eine von vielen, welche Anspruch auf Wahrheit erheben. Dramatischere Versionen berichten von Mord: Berija, Chef der Geheimpolizei, soll seine blutbefleckten Hände um den Hals des Sterbenden gepresst haben, bis das letzte Funkeln in den furchterregenden Augen erlosch. Denn auch Berijas Name stand schon auf des Diktators neuester Todesliste.
Wessen Darstellung man am Ende nun glaubt, in jedem Fall verreckte der Woschd, der Führer, wie ein armseliger Hund. Offenbar kannte der Tod kein Erbarmen, kam nicht rasch und leicht. Es war wie ein Beweis, dass mit dem Sensenmann schlecht Handel treiben ist: Riesige Leichenberge, vom Diktator als Opfer dargebracht, bewirkten weder Aufschub noch Milderung.
Weltweite Trauer
Was im engen Zimmer geschah, in Stalins Datscha in Kunzewo, bildete einen seltsamen Kontrast zum Geschehen draußen: Am 6. März 1953, als Radio Moskau Stalins Tod offiziell verkündete, versanken Millionen in echter Trauer. Nicht nur Bürger des Sowjetlands beweinten ihren Führer.
Rund um den Erdball trauerten Menschen um Stalin - Arbeiter, Bauern, Intelligenzler. Er war ihnen Symbol der Hoffnung gewesen auf wahre Freiheit, in dieser von Ausbeutung gezeichneten Welt, er, Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili: Sohn eines Säufers, Kind einfacher Leute, der Massenmörder. Wie kam es dazu?
Stalin als Führer der Oktoberrevolution? Das Bild des Malers Trokimenko überhöht Stalins Rolle bewusst.
Bekannt sind Stalins Weg zu den Sozialrevolutionären, die Orte der Verbannung, die Rolle Stalin als Streikorganisator, als Bankräuber und als Bombenleger in der Zarenzeit.
In der zweiten Reihe
Nicht wie Lenin, Trotzki und andere intellektuelle Berufsrevolutionäre saß der Mann in Berner Cafés herum, spann an Theorien oder trug lächerliche Fraktionsquerelen einer Handvoll emigrierter Verschwörer aus. Stalin kämpfte in Russland - und stand doch 1917 bestenfalls in der zweiten Reihe, als Lenins Bolschewiki, geführt von den ehemaligen Caféhausdebattierern, zum Sturz Kerenskis riefen.
Stalin schien nützlich, er war kein Kopf: Er war ein Macher, Lenins "Störungssucher" im Krieg gegen die Weißen Armeen. Nur bürokratisch organisierte Gewalt könne Menschen zum Handeln zwingen, so seine Maxime. Jede Romantik ging dabei den Bach hinunter, auch jede Kultur und Moral…
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Infobox
21. Dezember 1879 bis 1893: Als Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili kommt Stalin in Gori (Georgien) zur Welt. Sein Vater, ein Kleinunternehmer und Alkoholiker, prügelt ihn regelmäßig. Die Prügel legen die Grundlage für Jossifs Hass auf Autoritäten. Jeder, der mehr Macht hat als er, erinnert ihn an seinen Vater.
1894 bis 1899: Der junge Jossif besucht das orthodoxe Priesterseminar in Tiflis, nachdem er die örtliche Schule mit Auszeichnung absolviert hat. Dort fällt er durch Lesen verbotener Bücher auf. 1898 tritt Dschugaschwili der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands SDAPR bei, Deckname Koba. 1899 wird er aus dem Priesterseminar ausgeschlossen und bald wegen Bankraub - im Auftrag der Partei - und Mord gesucht.
1900 bis 1912: Koba organisiert Demonstrationen und Streiks und wird erstmals nach Sibirien verbannt. 1903 schließt er sich den Bolschewiki an. Ab 1912 trägt er den Kampfnamen Stalin und flieht zeitweise nach Österreich. Weitere Verhaftungen und Fluchten folgen.
1913 bis 1918: Stalin lebt in der Verbannung und gehört nach der Februarrevolution 1917 in Petrograd zur Redaktion der Prawda. Er heiratet Nadeshda Sergejewna Allilujewa. Mit der Oktoberrevolution hat er wenig zu tun. Die zentrale Rolle spielt Leo Trotzki. Nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1918 ist Stalin Kommandeur der Südfront und agiert in Lenins Auftrag.
1919 bis 1936: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) ernennt Stalin 1922 zu seinem Generalsekretär. Lenins Tod macht ihm den Weg frei. 1927 entfernt Stalin seinen Widersacher Trotzki aus der Partei und ist, nach vielen internen Kämpfen, Alleinherrscher der Sowjetunion. Er beschreitet den Weg des "Aufbaus des Sozialismus in einem Land" und der forcierten Industrialisierung. Der schon von Lenin errichtete Terrorapparat wird ausgebaut.
1937 bis 1939: Nach der Ermordung des Parteifunktionärs Sergej Kirow, die Stalin wahrscheinlich angeordnet hat, beginnt die Große Säuberung (russisch: Tschistka). Anderthalb Millionen Menschen kommen allein in diesen knapp zwei Jahren um. 1939 schließt Stalin den Nichtangriffspakt mit Hitler.
1940: Stalin unterstützt Hitlers Politik. Die Nähe zu seinem Verbündeten bedingt auch Verfolgungen emigrierter Kommunisten in der Sowjetunion. Die Rote Armee okkupiert Teile Polens, des Baltikums und Rumäniens und führt Krieg gegen Finnland. Stalin versorgt Hitler mit Rohstoffen, was den Angriff auf Frankreich ermöglicht.
1941 bis 1945: Großer Vaterländischer Krieg gegen Hitlerdeutschland. Der Kriegsausbruch überrascht Stalin. Im Kriegsverlauf lässt der Despot ganze Bevölkerungsgruppen deportieren. Das Lagersystem wird ausgebaut. Schätzungen über die Zahl der Häftlinge schwanken zwischen 3,7 und 28,4 Millionen zum jeweiligen Zeitpunkt.
1946 bis 1948: Trotz Hungersnöten setzt Stalin den Wiederaufbau der Schwerindustrie durch und beginnt das sowjetische Atomprogramm.
1949 bis 1952: Erneute "Säuberungen" sowie eine antijüdische Kampagne zeugen von der zunehmenden Paranoia Stalins, der sich nunmehr als Führer des Weltproletariats betrachtet.
5. März 1953: Stalin stirbt in seiner Datscha Kunzewo bei Moskau an einem Schlaganfall.
1894 bis 1899: Der junge Jossif besucht das orthodoxe Priesterseminar in Tiflis, nachdem er die örtliche Schule mit Auszeichnung absolviert hat. Dort fällt er durch Lesen verbotener Bücher auf. 1898 tritt Dschugaschwili der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands SDAPR bei, Deckname Koba. 1899 wird er aus dem Priesterseminar ausgeschlossen und bald wegen Bankraub - im Auftrag der Partei - und Mord gesucht.
1900 bis 1912: Koba organisiert Demonstrationen und Streiks und wird erstmals nach Sibirien verbannt. 1903 schließt er sich den Bolschewiki an. Ab 1912 trägt er den Kampfnamen Stalin und flieht zeitweise nach Österreich. Weitere Verhaftungen und Fluchten folgen.
1913 bis 1918: Stalin lebt in der Verbannung und gehört nach der Februarrevolution 1917 in Petrograd zur Redaktion der Prawda. Er heiratet Nadeshda Sergejewna Allilujewa. Mit der Oktoberrevolution hat er wenig zu tun. Die zentrale Rolle spielt Leo Trotzki. Nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1918 ist Stalin Kommandeur der Südfront und agiert in Lenins Auftrag.
1919 bis 1936: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) ernennt Stalin 1922 zu seinem Generalsekretär. Lenins Tod macht ihm den Weg frei. 1927 entfernt Stalin seinen Widersacher Trotzki aus der Partei und ist, nach vielen internen Kämpfen, Alleinherrscher der Sowjetunion. Er beschreitet den Weg des "Aufbaus des Sozialismus in einem Land" und der forcierten Industrialisierung. Der schon von Lenin errichtete Terrorapparat wird ausgebaut.
1937 bis 1939: Nach der Ermordung des Parteifunktionärs Sergej Kirow, die Stalin wahrscheinlich angeordnet hat, beginnt die Große Säuberung (russisch: Tschistka). Anderthalb Millionen Menschen kommen allein in diesen knapp zwei Jahren um. 1939 schließt Stalin den Nichtangriffspakt mit Hitler.
1940: Stalin unterstützt Hitlers Politik. Die Nähe zu seinem Verbündeten bedingt auch Verfolgungen emigrierter Kommunisten in der Sowjetunion. Die Rote Armee okkupiert Teile Polens, des Baltikums und Rumäniens und führt Krieg gegen Finnland. Stalin versorgt Hitler mit Rohstoffen, was den Angriff auf Frankreich ermöglicht.
1941 bis 1945: Großer Vaterländischer Krieg gegen Hitlerdeutschland. Der Kriegsausbruch überrascht Stalin. Im Kriegsverlauf lässt der Despot ganze Bevölkerungsgruppen deportieren. Das Lagersystem wird ausgebaut. Schätzungen über die Zahl der Häftlinge schwanken zwischen 3,7 und 28,4 Millionen zum jeweiligen Zeitpunkt.
1946 bis 1948: Trotz Hungersnöten setzt Stalin den Wiederaufbau der Schwerindustrie durch und beginnt das sowjetische Atomprogramm.
1949 bis 1952: Erneute "Säuberungen" sowie eine antijüdische Kampagne zeugen von der zunehmenden Paranoia Stalins, der sich nunmehr als Führer des Weltproletariats betrachtet.
5. März 1953: Stalin stirbt in seiner Datscha Kunzewo bei Moskau an einem Schlaganfall.



