"Heiliges Deutschland"
Die Person verschwindet im Schatten der Tat: Dabei ist die Tat des Hitler-Attentäters ohne seine politischen Ziele nicht zu erklären. Was für ein Land wollte Stauffenberg?Frank Mehnert, Bildhauer aus dem Kreis um Stefan George, schuf 1929 die Büste des jungen Stauffenberg. (DHM)
Hochverrat oder Landesverrat, dies war den Männern des 20. Juli '44 das schreckliche Dilemma: Ihren Obersten Befehlshaber mit seiner wahnsinnigen Strategie gewähren zu lassen, hätte Verrat an Deutschland bedeutet; ihn zu töten oder zu entmachten erfüllte eindeutig den Tatbestand des Hochverrats.
In der Nation lag für Stauffenberg und wenige andere schließlich der überragende Wert: "Es lebe das heilige Deutschland!" - jener Satz, ausgerufen in den letzten Sekunden vor dem Erschießungskommando im Hof des Bendlerblocks, brachte die innere Haltung des gescheiterten Attentäters auf den Punkt.
Welches Deutschland?
Aber - und hier beginnen die Fragen - welches Deutschland wollte Stauffenberg? Welchen Weg sollte sie gehen, die Nation, ohne den Diktator zwar, doch eingeklemmt in auswegloser Lage, zwischen russischen Offensiven im Osten und dem Vormarsch der Anglo-Amerikaner im Westen? Zur Tragik des deutschen militärischen Widerstands gehört, dass er Perspektiven nicht bieten konnte.
Längst war ja die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation - ob mit oder ohne Hitler - Grundlage alliierter Politik; längst waren die tastenden Versuche der Verschwörer, Kontakt zum Gegner zu knüpfen, alliierterseits zurückgewiesen.
Kriegsziel: Totale Entmachtung
"Seit August 1941 hatte Premierminister Churchill die totale Entmachtung Deutschlands als Kriegsziel festgelegt", schreibt der Stauffenberg-Biograf Wolfgang Venohr. "Das ... hieß konkret, dass es dem Westen primär gar nicht um den Kampf gegen Hitler und den Faschismus, sondern dass es in Wahrheit um die Vernichtung Deutschlands als Staat und Großmacht ging."
Wenn es noch Illusionen der Verschwörer über ein Einlenken des Westens gab, so waren diese bis zum 20. Juli 1944 jedenfalls ausgeräumt.
Stauffenberg, der gesamte aktionsfähige deutsche Widerstand, passte den Gegnern Deutschlands nicht ins Konzept - konnte nicht passen, weil das Motiv der Verschwörer ja gerade die Erhaltung Deutschlands als eigenständige Macht in der Mitte Europas war. Andernfalls wären sie - auch im eigenen Wertesystem - Landesverräter gewesen, ihr Hochverrat wäre ohne Sinn.
Zerrissener Held
Ziel des Attentäters Stauffenberg war folglich nicht das Deutschland, welches in den Jahren nach 1945 unter alliierter Besatzung entstand, weder in seiner westlichen noch in seiner östlichen Variante. Was war es dann? Über lange Nachkriegsjahre hinweg lag die Antwort auf diese Frage unter dem Nebelschleier der Ideologien.
Was dachte Stauffenberg wirklich? Fasst man seine überlieferten Äußerungen zusammen, war der Graf Revolutionär und Konservativer: Forderung nach einem dienenden Verhältnis von Technik, Industrie und Wirtschaft zum Staat, Ablehnung jeglicher Parteiendemokratie, also des Parlamentarismus, direkte Volksvertretung aus Berufsgruppen, Gemeinden, Interessenverbänden, geteilte Verantwortung von Unternehmern und Ausführenden gegenüber dem Ganzen, aristokratische Frontstellung gegen die "Bedürfnisse" des Massenkonsums und gegen die Herrschaft des Finanzkapitals.
Dieses Deutschland ist von beiden ideologischen "Lagern", in die sich die Welt nach 1945 teilte, weit entfernt, hat mit neoliberaler Ökonomik des Westens so wenig am Hut wie mit den politischen Diktaturen des Ostens.
Das dem Land Gemäße
Wer den Hochverrat auf sich nimmt, um dem Landesverrat zu entgehen, der muss tief überzeugt sein, das seinem Land Gemäße zu bezwecken. Darin liegt Stauffenbergs Aktualität.
Michael Schmittbetz (12.07.2004)
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Eigenwillige Köpfe...
waren die Stauffenbergs seit Generationen. Zwar gelangte die unabhängige Reichsritterschaft im 18. Jahrhundert an ihr Ende, doch noch Claus von Stauffenbergs Urgroßvater, Freiherr Ludwig Schenk von Stauffenberg, zeigte durchaus "knorriges" Profil: Gegen den Willen seines Königs, Ludwig II. von Bayern, machte er sich 1870/71 um die deutsche Einheit verdient.
Claus von Stauffenberg ist der dritte Sohn des Grafen Alfred Schenk von Stauffenberg und dessen Frau Caroline, einer geborenen Gräfin Uxkull-Gyllenband. Am 15. November 1907 in Jettingen im bayerischen Schwaben geboren, folgte er den Zwillingsbrüdern Berthold und Alexander nach. Die Kindheit des späteren Obersts Stauffenberg war geprägt vom Krieg und vom Umsturz, seine Jugend von Aufstieg und Scheitern der Weimarer Republik.
waren die Stauffenbergs seit Generationen. Zwar gelangte die unabhängige Reichsritterschaft im 18. Jahrhundert an ihr Ende, doch noch Claus von Stauffenbergs Urgroßvater, Freiherr Ludwig Schenk von Stauffenberg, zeigte durchaus "knorriges" Profil: Gegen den Willen seines Königs, Ludwig II. von Bayern, machte er sich 1870/71 um die deutsche Einheit verdient.
Claus von Stauffenberg ist der dritte Sohn des Grafen Alfred Schenk von Stauffenberg und dessen Frau Caroline, einer geborenen Gräfin Uxkull-Gyllenband. Am 15. November 1907 in Jettingen im bayerischen Schwaben geboren, folgte er den Zwillingsbrüdern Berthold und Alexander nach. Die Kindheit des späteren Obersts Stauffenberg war geprägt vom Krieg und vom Umsturz, seine Jugend von Aufstieg und Scheitern der Weimarer Republik.
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Vom "Neuen Reich" zum Protest
Weniger spannend wäre die Geschichte des Claus Graf Schenk von Stauffenberg, wenn der Hitler-Attentäter von Anfang an ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen wäre. Doch es war nicht an dem: Wie viele andere junge Reichswehroffiziere auch, stand der Leutnant von Stauffenberg nach 1933 auf Seiten Hitlers, der die tief greifende Erneuerung Deutschlands versprach.
Das "Neue Reich" des Dichters Stefan George (von diesem rein geistig gemeint), zu dessen Kreis Stauffenberg zeitweise gehört hatte, schien endlich reale Gestalt anzunehmen. Befreiung aus den Fesseln des Versailler Vertrags, Aufbau einer größeren Wehrmacht, Gleichberechtigung für Deutschland in der Welt - in solchen Absichten sahen nicht nur Angehörige des Militärs oder anderer elitärer Zirkel erstrebenswerte Ziele.
Auch Hitlers Angriffskriege gegen Polen und Frankreich deutete Stauffenberg - er nahm als Hauptmann am Frankreich-Feldzug teil - unter diesem Gesichtspunkt. Der Angriff auf die Sowjetunion allerdings, und die dabei geübte Praxis, brachten manches ins Rollen. Insbesondere stürzte den Major, später Oberstleutnant im Generalstab, die kompromisslose Kriegspolitik Hitlers - trotz deutscher personeller und technischer Unterlegenheit bei dramatisch schrumpfenden Reserven - in tiefe Zweifel.
Nach der Rückkehr aus Afrika erst, wo Stauffenberg seine Verwundungen an Hand und Augen erlitt, wurde aus dem nunmehrigen Oberst der Inspirator der militärischen Anti-Hitler-Opposition. Stauffenberg, der konservative Aristokrat, rückte auch unter dem Einfluss des Mitverschwörers Dr. Julius Leber mehr und mehr auf die Position eines "preußischen Sozialismus".
Weniger spannend wäre die Geschichte des Claus Graf Schenk von Stauffenberg, wenn der Hitler-Attentäter von Anfang an ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen wäre. Doch es war nicht an dem: Wie viele andere junge Reichswehroffiziere auch, stand der Leutnant von Stauffenberg nach 1933 auf Seiten Hitlers, der die tief greifende Erneuerung Deutschlands versprach.
Das "Neue Reich" des Dichters Stefan George (von diesem rein geistig gemeint), zu dessen Kreis Stauffenberg zeitweise gehört hatte, schien endlich reale Gestalt anzunehmen. Befreiung aus den Fesseln des Versailler Vertrags, Aufbau einer größeren Wehrmacht, Gleichberechtigung für Deutschland in der Welt - in solchen Absichten sahen nicht nur Angehörige des Militärs oder anderer elitärer Zirkel erstrebenswerte Ziele.
Auch Hitlers Angriffskriege gegen Polen und Frankreich deutete Stauffenberg - er nahm als Hauptmann am Frankreich-Feldzug teil - unter diesem Gesichtspunkt. Der Angriff auf die Sowjetunion allerdings, und die dabei geübte Praxis, brachten manches ins Rollen. Insbesondere stürzte den Major, später Oberstleutnant im Generalstab, die kompromisslose Kriegspolitik Hitlers - trotz deutscher personeller und technischer Unterlegenheit bei dramatisch schrumpfenden Reserven - in tiefe Zweifel.
Nach der Rückkehr aus Afrika erst, wo Stauffenberg seine Verwundungen an Hand und Augen erlitt, wurde aus dem nunmehrigen Oberst der Inspirator der militärischen Anti-Hitler-Opposition. Stauffenberg, der konservative Aristokrat, rückte auch unter dem Einfluss des Mitverschwörers Dr. Julius Leber mehr und mehr auf die Position eines "preußischen Sozialismus".



