Japanische Kriegsgefangene auf Guam - 15. August 1945: Gesenkten Hauptes lauschen sie der Kapitulationsrede ihres Kaisers. (Bild: NARA)
Tenno und Shogun
Am 15. August 1945, gegen Mittag, hören Japans Bürger zum ersten Mal die Stimme ihres Kaisers. Per Rundfunk spricht Hirohito zum Volk, in kurzen, verklausulierten Sätzen: Die Lage habe sich für Japan nicht vorteilhaft entwickelt, es gelte nun, das Unvermeidliche zu ertragen. Gemeint ist die bedingungslose Kapitulation - ein ungeheuerlicher Vorgang, beispiellos in der japanischen Geschichte.Imperialer Traum
Japan verlor während des Zweiten Weltkriegs über drei Millionen Menschen. Zertrümmerte Städte, versenkte Schiffe, zerstörte Industrie - der Preis war hoch für ein Abenteuer, das dem "Reich der aufgehenden Sonne" die Führerschaft in Ostasien verschaffen sollte. Spätestens unter den atomaren Blitzen von Hiroshima und Nagasaki endete der imperiale Traum. Hirohito, Tenno ("Himmelssohn") und Staatsoberhaupt seit 1926, hatte mehr als nur mitgeträumt: Der Kaiser zählte für manchen, wohl mit Recht, zu den Kriegsverantwortlichen ersten Ranges; in Hirohitos Namen hatten Nippons Soldaten gekämpft, gelitten - und Verbrechen begangen, die sich vielen Völkern tief ins Gedächtnis brannten.
Vom Willen des Volkes
Hirohito jedoch stirbt nicht am Galgen wie andere politische und militärische Führer. Seine Amtszeit reicht bis zum Januar 1989, dem Monat seines friedlichen Todes. Japans Nachkriegsverfassung von 1947, erstellt unter Regie der US-amerikanischen Besatzer, beginnt - wie noch jede Konstitution zuvor - mit einer Definition der Rolle des Monarchen: "Der Kaiser ist das Symbol des Staates und der Einheit des Volkes, der seine Stellung vom Willen des Volkes ableitet, bei dem die Souveränität liegt", heißt es in Artikel 1.
Westliche Irritation
Seither haben zahlreiche Historiker und Politologen nach Erklärungen für das glückliche Schicksal Hirohitos gesucht: Ein Tenno, der sein Volk zum Gehorsam gegenüber den Besatzern ermahnt, war für die USA eben nützlicher als ein abgesetzter - und verurteilter - Monarch. So lautet die einfachste, westliche Interpretation. Sie schreibt aber möglicherweise nur fort, was in der frühen Neuzeit mit den ersten Kontakten zwischen Europas Zivilisationen und der isolierten östlichen Insel seinen Anfang nahm: Irritation über die Funktion des Tenno im japanischen Machtgefüge.
Langlebige Dynastie
Man muss die Suche nach Erklärungen nicht beim legendären Urkaiser Jimmu beginnen, der von 660 bis 585 v. Chr. geherrscht haben soll. Ob es den gab, gar noch als Abkömmling der Sonnengöttin Amaterasu und Oberpriester des Shintoismus, steht sowieso in den Sternen. Sicher datieren lassen sich Kaiser (und Kaiserinnen) ab 539 n. Chr. Langlebig also ist die bis heute vermutlich nie unterbrochene Dynastie auf jeden Fall...
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Menschen, Tiere, Dinge, abstrakte Wesen - sie alle können Verkörperungen der Kami sein: Kami sind Gottheiten des Shintoismus, einer fast ausschließlich in Japan beheimateten, animistischen Religion. Über das Land verteilte Schreine dienen als heilige Stätten dieser Glaubensform - ganz an der Spitze der Schrein der Sonnengöttin namens Amaterasu. Die wiederum gilt als mythische Urahnin der japanischen Kaiser. Der Tenno ist deshalb jeweiliges Oberhaupt des Shinto, also eine Art Oberpriester. Heute ist die Position nicht mehr von realer Bedeutung. In der Ära des Nationalismus, vor und während des Zweiten Weltkriegs, wog sie hingegen schwer: Dem Tenno wurde sogar ein göttlicher Status zugeschrieben. Hirohitos Verzicht auf seine Göttlichkeit nach der japanischen Niederlage begriffen Japans Bürger als wichtiges Signal.



