Mauerzeit
Es war Frieden. Frieden war damals - gegen Ende der 1950er Jahre - kein leeres Wort: Noch lebten die Menschen in Ost und West zwischen Trümmern, geistig und materiell. Frieden, in Ruhe leben, war nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges wichtiger als die Entscheidung für dieses oder jenes soziale System. Wer in der Politik eine Stimme hatte, betrieb "Friedenssicherung". Zum guten Ton gehörte es allerdings, die jeweils andere Seite als "Kriegshetzer" zu denunzieren.Europa in Angst
Bloß wenige Jahre war es her, da hatte ein neuer blutiger Konflikt neuen Schrecken verbreitet: Fern von Europa, in Korea, starben bis zum Sommer 1953 fast sechs Millionen Menschen, meist Zivilisten, während des ersten fast ungezügelten Clashs der Systeme. Europa erstarrte in Angst: Grausig stand das Gespenst der atomaren Katastrophe am Horizont.
Wirtschaftliche Erfolge
Doch Angst vor wechselseitiger Vernichtung bewirkte bald ein Patt im gar nicht so friedlichen Spiel der Supermächte. Die Deutschen, abhängig von Moskau oder Washington, lebten mit der Vernichtungsangst wie unter einem Schirm: Aus den Städten verschwanden die Ruinen; wirtschaftliche Erfolge, vom Marshallplan gestützt, gab es unübersehbar westlich der Elbe - aber es gab sie auch in der DDR: Binnen zehn Jahren, bis 1960, verdoppelte sich das Nationaleinkommen des Ostens. Trotz allgegenwärtiger Knappheit kam bescheidener Wohlstand auf.
Trotz Posten und Stacheldraht
Fiel es da ins Gewicht, dass seit 1952 die Zonengrenze zum Westen militärisch abgeriegelt war? Dass "Sperrgebiete" bestanden, "Schutzzonen" und "Sicherungszäune" - auf 1.378 Kilometern, von der Ostsee bis zum Erzgebirge? Dass "Republikflucht" schon damals eine mit Haft geahndete Straftat war? Und dass die "demokratische Republik" sich immer mehr als Diktatur entpuppte? Ja, es fiel ins Gewicht. Den Beleg liefern die Fakten: Fast anderthalb Millionen Menschen flohen zwischen 1949 und 1960 vom Gebiet der DDR in die Bundesrepublik - trotz Posten und Stacheldraht. Die Einwohnerzahl östlich der Elbe schrumpfte von 18,4 auf rund 17 Millionen.
Kollaps oder Gesichtsverlust
Sehnsucht nach Freiheit, nach westlichem Konsum - die Gründe der Fluchten mögen vielfältig gewesen sein. Folge der Massenflucht war ein existenzielles Dilemma: Schlossen die Machthaber der DDR ihre Grenze hermetisch, vor allem natürlich die noch offenen Übergänge zwischen dem Ost- und Westteil Berlins, dann kannten sie den Preis: Gesichtsverlust in der Welt und beim eigenen Volk. Sah das Politbüro dem Exodus jedoch tatenlos zu, stand der wirtschaftliche Kollaps bevor. Wie so oft entschied ökonomischer Zwang.
Weltpolitisch wichtig?
Vom Coup der DDR-Führung am 13. August 1961 waren Politiker und Geheimdienste des Westens angeblich überrascht. Ob das zutrifft, oder ob man nur nicht wahrnehmen wollte, was man sowieso hinnehmen musste, sei dahingestellt. Sprüche gab es viele; anhaltend tönte der Ruf nach Freiheit aus den Lautsprecherboxen. Allerdings blieb es dabei - um des lieben Friedens willen. Welcher US-Amerikaner, Franzose, Brite oder Italiener hätte auch den Frieden wegen ein paar eingesperrter Ostdeutscher riskiert? Den riskierte man gut ein Jahr später wegen weltpolitisch wichtiger Dinge: Chrustschows Raketenbatterien vor der Nase der USA auf Kuba.
Ruhe im Osten
Die Ostdeutschen selber zeigten wenig Renitenz; anders als im Juni 1953 gab es keinen "Volksaufstand", kaum Anflüge spontanen Protests. Es herrschte Ruhe, obwohl das Perverse des "antifaschistischen Schutzwalls" jedem ersichtlich war...
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Infobox
Über genau 1.378 Kilometer zog sich die innerdeutsche Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik. Der Grenzverlauf entsprach bis auf wenige Ausnahmen exakt dem Verlauf der Demarkationslinie zwischen den Besatzungszonen der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszone der Sowjetunion. Bis 1949 sicherten vor allem sowjetische Truppen entlang der auf der Konferenz von Jalta 1945 vereinbarten Linie. Mit der Gründung der DDR 1949 übernahmen zunächst freiwillige ostdeutsche Polizeikräfte einen wesentlichen Teil der Sicherungsaufgaben. Ab 1956 traten die Grenztruppen der DDR an deren Stelle. Zur verstärkten Abriegelung kam es in Etappen 1952, 1954 und 1956. Danach war die alte Interzonengrenze ohne offizielle Erlaubnis so gut wie unpassierbar. Nur wer Schlupflöcher kannte und Tipps von Einheimischen bekam, hatte eine Chance. Offen blieben allerdings die Übergänge zwischen dem sowjetischen Sektor und den Westsektoren innerhalb Berlins. Diese offenen Übergänge nutzten vor allem von 1952 bis 1961 Hunderttausende zur Flucht.
Infobox
Die verstärkte Abriegelung der Grenze war von drastischen Aktionen begleitet: So deklarierte man bereits 1952 Sperrzonen und siedelte "unzuverlässige" Personen teils gewaltsam um (Aktion Ungeziefer). Das wiederholte sich in großem Maßstab 1961 während der Aktion Kornblume. Ab dem 13. August 1961 (Mauerbau) waren nicht nur die Zugänge nach Westberlin geschlossen, auch die Landgrenze zur Bundesrepublik war dicht. Selbst das unerlaubte Betreten von Sperrzonen war bald hochriskant: Experten schätzen, dass neunzig Prozent aller Fluchtversuche schon im Grenzvorfeld, also in den Sperrzonen, vereitelt wurden. Dabei spielten die so genannten "freiwilligen Grenzhelfer", oft Einheimische in Schlüsselpositionen, etwa als Gastwirte oder Taxifahrer, eine unheilvolle Rolle.




