Strahlender Mai
Mit Schweigen wollte die DDR den GAU von Tschernobyl überstehen, auch LKW-Fahrer auf dem Weg in die Ukraine blieben uninformiert - stark verstrahlt kehrten sie mit ihren Fahrzeugen zurück.So verharmlosend informierte die DDR: Streichholzschachtelgroße Meldung auf Seite 5 im Neuen Deutschland vom 29. April 1986.
"Umkehren!", schreien sie dann, "Kontaminiert!". Ungläubig wenden die Männer ihre Fahrzeuge, stehen Stunden später ratlos vor ihren Vorgesetzten. Niemand weiß, was los ist. In Tschernobyl ist ein Reaktor explodiert - in der DDR strahlt nur die Sonne.
Ahnungslos nach Tschernobyl
Ohne Unterbrechung verkehren in diesen Tagen ostdeutsche LKW trotz des GAUs zwischen DDR und Ukraine. Stark verstrahlt kehren sie zurück, die Fahrer und deren Kombinate hat niemand informiert. Erst auf der Weiterfahrt nach Westdeutschland rücken Beamte der BRD an - und verweigern die Durchfahrt. Die kontaminierten Fahrzeuge sammeln sich im Kraftfahrkombinat Mühlhausen, der dortige Leiter versucht, irgendetwas von seinen Vorgesetzen in Erfurt oder Berlin zu erfahren. "Waschen" lautet schließlich die Antwort.
"Völlig harmlos"
Ein Trupp von acht Männern wird zusammengestellt, sie sollen die nach Mühlhausen zurückgeschickten LKW reinigen. Spezialausrüstung gibt es keine, die Putzmannschaft wäscht mit Gummistiefeln, Putzlappen und bloßen Händen. Erst als sogar die gewaschenen LKW wieder von der Grenze zurückkommen, erhalten die Männer einen Geigerzähler. Der knattert so laut und dauerhaft vor sich hin, dass man noch einmal nach Erfurt telefoniert: "Völlig harmlos" heißt es dort. Der Geigerzähler wird stumm geschaltet. Innerhalb von sechs Wochen waschen die Männer dreihundert verstrahlte LKW und wechseln deren Luftfilter.
Professionelle Dekontamination bei einer Schau der Schweizer Armee: Luftdichte Schutzanzüge und spezielle Chemikalien sind Pflicht.
1988 stellen Ärzte beim ersten der acht Männer zwei Arten Lungenkrebs gleichzeitig fest, er stirbt wenige Monate darauf. Bis 1995 sterben fünf weitere aus der Putzmannschaft - alle an Krebs. Ein siebter, Klaus Neukirch, leidet zu dieser Zeit ebenfalls an zwei Arten Krebs.
Erst jetzt fällt der Verdacht auf die Putzaktion von 1986. Doch Verantwortliche sind nicht mehr zu finden - Akten gibt es keine, Protokolle wurden nicht geführt, Aufzeichnungen schon vor der Wende vernichtet. Offiziell hat es die Aktion nie gegeben. Auch die NVA, die Ausrüstung und Reinigungschemikalien für solche Fälle besaß, hatte niemand hinzugezogen.
Schicksal?
Klaus Neukirch beantragt 1996 bei der jetzt zuständigen Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltung die Anerkennung der Krebserkrankungen als Berufskrankheit. Die lehnt ab, es kommt zur Klage: Neukirch erhält Recht. Damit haben er und alle anderen Hinterbliebenen Ansprüche auf eine Rente. Doch die Genossenschaft legt Widerspruch ein, Klaus Neukirch stirbt 1998.
2001 hebt das Thüringer Landessozialgericht das Urteil von 1996 auf, Neukirchs tödliche Erkrankung ist jetzt nur noch "schicksalhaft", reiner Zufall. Von den acht Männern der Putzmannschaft von 1986 lebt heute nur noch einer - und geht einmal im Jahr zur Krebsvorsorge.
Christian Fleck (17.12.2008)
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Selbstschutz geht vor
Das Wort Kontamination stammt vom lateinischen contaminatio, was so viel wie "Befleckung" bedeutet. Gemeint ist heute die gefährliche Verunreinigung von Oberflächen mit einem oder mehreren unerwünschten Stoffen - dabei kann es sich um atomare, biologische oder chemische (ABC) Verunreinigungen handeln.
Die professionelle Entfernung (Dekontamination) dieser Stoffe ist im zivilen Bereich die Aufgabe der Feuerwehr, im militärischen Bereich sind die ABC-Abteilungen der Bundeswehr zuständig - in Notsituationen können beide zusammenarbeiten. Selbstschutz ist der wichtigste Bestandteil der Dekontamination: moderne Schutzanzüge sind wasser- und ölabweisend, luftdicht, antistatisch, säure- und feuerfest. Eine Gasmaske gehört ebenso zur Ausrüstung wie Schutzhandschuhe und -stiefel.
Der Anzug schützt dabei nicht vor radioaktiven Strahlen, soll aber verhindern, dass gefährliche oder strahlende Partikel in Kontakt mit der Haut kommen oder in die Lunge gelangen. Kontaminierte Oberflächen werden mit bindenden Chemikalien besprüht und abgespült. Dabei muss die abgespülte Wasser-Chemikalien-Mischung in Schutzbecken aufgefangen und speziell entsorgt werden.
Das Wort Kontamination stammt vom lateinischen contaminatio, was so viel wie "Befleckung" bedeutet. Gemeint ist heute die gefährliche Verunreinigung von Oberflächen mit einem oder mehreren unerwünschten Stoffen - dabei kann es sich um atomare, biologische oder chemische (ABC) Verunreinigungen handeln.
Die professionelle Entfernung (Dekontamination) dieser Stoffe ist im zivilen Bereich die Aufgabe der Feuerwehr, im militärischen Bereich sind die ABC-Abteilungen der Bundeswehr zuständig - in Notsituationen können beide zusammenarbeiten. Selbstschutz ist der wichtigste Bestandteil der Dekontamination: moderne Schutzanzüge sind wasser- und ölabweisend, luftdicht, antistatisch, säure- und feuerfest. Eine Gasmaske gehört ebenso zur Ausrüstung wie Schutzhandschuhe und -stiefel.
Der Anzug schützt dabei nicht vor radioaktiven Strahlen, soll aber verhindern, dass gefährliche oder strahlende Partikel in Kontakt mit der Haut kommen oder in die Lunge gelangen. Kontaminierte Oberflächen werden mit bindenden Chemikalien besprüht und abgespült. Dabei muss die abgespülte Wasser-Chemikalien-Mischung in Schutzbecken aufgefangen und speziell entsorgt werden.



