Vergebliches Hoffen
War der Untergang der Kursk vermeidbar? Zu viel kam zusammen: Mängel in Technik, Ausbildung, Motivation. Doch einen Teil der Besatzung hätte man retten können.Hier das Schwesterschiff der Kursk, die Omsk: Auch sie gehört zur Oscar-Klasse, deren Hauptbewaffnung Raketen sind.
Hungerrevolte
Überhaupt nicht zum Selbstverständnis einer Kampfelite passte, was wenig später geschah: K-141 Kursk, so die offizielle Bezeichnung, stand kurz vor der Meuterei. Grund: unzureichende Verpflegung. Kapitän Viktor Roschkow bat schließlich den Bürgermeister der Stadt Kursk um Hilfe. Ab Mitte 1996 rollten vierteljährlich Lastwagen mit Nahrungsmitteln aus Kursk zum Liegeplatz des millionenteuren Schiffes. Roschkow quittierte 1997 entnervt den Dienst.
Unentdeckt vor Gibraltar
Ein Jahr später stellte sich heraus, dass Waffensysteme und Sensoren der hochmodernen Einheit überholungsbedürftig waren. Im September 1999, fast fünf Jahre nach der Indienststellung, begann die Kursk ihren ersten Einsatz: Unentdeckt passierte K-141 unter dem neuen Kommandanten Gennadi Ljatschin die Straße von Gibraltar.
Vorgesehen war überraschendes Auftauchen im Mittelmeer, um parallel zu den Nato-Luftattacken auf Jugoslawien militärische Stärke zu zeigen. Doch der Erfolg hielt nicht an: Von Sonarbojen geortet und von Nato-Kampfschiffen verfolgt, brach die Kursk ihre Mission ab. Nach 78 Seetagen lief sie wieder im Heimathafen ein.
Zwei Detonationen
Das Schicksal ereilte K-141 am 12. August 2000: Norwegische Seismografen registrierten um 11:28 Uhr Moskauer Zeit eine Erschütterung der Stärke 1,5 auf der Richterskala. Zwei Minuten später folgte eine weitere Erschütterung der Stärke 3,5. Die Kursk, zu dieser Zeit beteiligt an einem Manöver der Nordmeerflotte, sank mit 118 Mann Besatzung rund 180 Kilometer nördlich von Murmansk auf 108 Meter Tiefe.
Auch der Raketenkreuzer Peter der Große befand sich in der Nähe des Unglücksorts. In ersten Berichten wurde er sogar als die Ursache der Katastrophe genannt.
Was dann passierte, war ein Gemisch aus Eifersüchteleien, Kleben an militärischer Geheimhaltung, vielleicht einfach Schlamperei: Russische Rettungsversuche mit Tauchkapseln scheiterten bald, und doch wies die Admiralität ausländische, vor allem norwegische Hilfsangebote ab. Tagelang blieb unklar, ob es im Rumpf der gesunkenen Kursk Überlebende gab; monatelang blieb die Ursache des Unglücks im Dunkel der Tiefe verborgen. Spekulationen schossen ins Kraut.
Verhängnisvoller 12. August
Gehoben wurde die Kursk am 8. Oktober 2001 von der niederländischen Firma Mammoet und Smit International. Den Bug mit den Torpedos hatte man wegen Explosionsgefahr abgetrennt. Im Juni 2002 veröffentlichte die Untersuchungskommission der russischen Regierung endlich ihren abschließenden Bericht. Mit der Erklärung von Unglücksursache und -hergang lag nun auch offen, was sich an jenem verhängnisvollen 12. August im Bootsinneren abgespielt hatte.
Ein Rohrkrepierer
Beim Versuch, einen Übungstorpedo abzufeuern, nahmen Matrosen den Antriebsmotor des Torpedos zu früh vor dem Abschuss in Betrieb. So fehlte die notwendige Kühlung, die normalerweise vom Meerwasser kommt. Das mit Wasserstoffperoxid gefüllte Geschoss überhitzte und detonierte im Torpedoschacht. Der Rohrkrepierer setzte seine Umgebung in Brand; zwei Minuten später brachte das Feuer die übrigen, im Bugtorpedoraum lagernden Sprengköpfe zur Explosion.
Anzunehmen ist, dass die Mehrheit der Besatzung spätestens bei der zweiten, stärkeren Explosion den Tod fand. Mindestens 23 Besatzungsmitglieder aber überlebten zunächst in der abgeschotteten Rumpfsektion 9. Das Schicksal dieser Männer, die einen qualvollen Erstickungstod starben, ist das eigentliche Politikum. Denn sie hätte man retten können - wenn kompetente Helfer rechtzeitig vor Ort gewesen wären. Wenigstens diese 23 Menschen hat die russische Militärbürokratie mit ihrem Zaudern und Zögern auf dem Gewissen.
Grabmal aus schwarzem Granit
"Man darf die Hoffnung nicht aufgeben", lautet die Inschrift auf einem Grabmal aus schwarzem Granit. 32 Opfer der Kursk-Katastrophe sind im Schatten dieses Denkmals, auf dem Friedhof Serafimowskoje in Sankt Petersburg begraben. Die Worte der Grabinschrift stammen aus den letzten Aufzeichnungen eines Offiziers, des Kapitänleutnants Dimitrij Kolesnikow. Er gehörte zu den Eingeschlossenen in Sektion 9.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 26.04.2011)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| U-Boote | ![]() |
Infobox
Raketenträger
K-141 Kursk gehörte zur so genannten Oscar-II-Klasse (Nato-Jargon). Die offizielle Klassenbezeichnung lautet: atomgetriebener Flugkörper-Unterwasserkreuzer. Heute zählen zu dieser Klasse vermutlich sechs Atom-U-Boote der russischen Marine. Die ältesten Einheiten stehen seit 1986 im Dienst. Wie seine Schwesterschiffe hatte K-141 eine reguläre Besatzung von 94 Mann. Während des Unglücks befanden sich zusätzlich zivile und militärische Spezialisten an Bord.
Die Wasserverdrängung betrug 14.700 Tonnen. Zwei Druckwasserreaktoren beschleunigten das 143 Meter lange Schiff auf 32 Knoten (Seemeilen pro Stunde) unter Wasser. Seine Hauptbewaffnung bestand aus SS-N-19-Raketen in 24 Startbehältern, die für den gleichzeitigen Abschuss angelegt waren. Insgesamt acht Torpedorohre unterschiedlicher Kaliber kamen hinzu. Die im nebenstehenden Text erwähnte Sektion 9 enthielt den Notausstieg, Elektromotoren und diverse Reservesysteme.



