"Will keiner trinken? keiner lachen?
Ich will euch lehren Gesichter machen!
Ihr seyd ja heut wie nasses Stroh,
Und brennt sonst immer lichterloh."
(Der Student Frosch in Faust: Auerbachs Keller in Leipzig)
Wilde Jahre
Lehre und Forschung - darum ging es von Beginn an auch an der Uni Leipzig. Manchen Studenten aber reichte das nicht: Vor allem zwischen Spätmittelalter und 19. Jahrhundert liebten sie das bunte Treiben.Eine Plastik am Eingang von Auerbachs Keller in Leipzig erinnert an die raufenden Studenten in Goethes Faust. (Bild: Illner, Deutsches Bundesarchiv. Lizenz: Creative Commons)
Die Lücke im Programm
Aber fehlt da nicht etwas? Gab es in Leipzig kein Leben jenseits von wissenschaftlichen Höhenflügen und Ausnahmestudenten? Gerade Goethe, von 1765 bis 1768 Jurastudent an der Alma Mater Lipsiensis, hat doch im Faust eine lebhafte Schilderung des Leipziger Studentenlebens hinterlassen: Von Saufgelagen, Pöbeleien und Raufereien ist da die Rede. Ins Festprogramm mögen solche Geschichten nicht passen. Interessant sind sie dennoch. Blicken wir zurück auf jene Zeiten zwischen Spätmittelalter und frühem 19. Jahrhundert, als sich so mancher Student bevorzugt Wein, Weib und Gesang hingab!
Braver Anfang
Begonnen hatte das Studentenleben in Leipzig eher brav: 46 Magister und 369 Scholaren nahmen dort 1409 den Lehrbetrieb auf, nachdem sie wegen eines Streits mit dem böhmischen König die alte Universitätsstadt Prag verlassen hatten. Unterkunft fanden sie in Bursen oder Kollegien im so genannten "lateinischen Viertel". Dort lebten Lehrende und Lernende, alle unverheiratet, in fast klösterlicher Gemeinschaft. Ab fünf Uhr morgens wechselten Gebets- und Studienzeiten einander ab. Gegessen wurde gemeinsam, man sprach - auch bei Tisch - ausschließlich Latein. Viel Zeit für Erholung und Zerstreuung war den Scholaren nicht vergönnt.
Studenten während der Deposition: dem Neuling werden die Hörner geschliffen. (Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert)
Die Magister sollten als rutenbewehrte Zuchtmeister über den Lernfortschritt ihrer Schützlinge und über die Einhaltung der Regeln wachen. Die Realität sah freilich anders aus. Nicht wenige Studiosi frönten weltlichen Genüssen: Oft verlangten aus Gasthäusern heimkehrende Studenten noch nach dem Zapfenstreich lautstark Einlass an der Bursentüre. Auch Damenbesuch in den Quartieren war üblich; und in manchen Bursenkellern soll es Weinschänken gegeben haben.
Herzlich Willkommen!
Bevor sich der Student allerdings solchen Genüssen hingeben konnte, musste er ein Initiationsritual über sich ergehen lassen. Die Deposition symbolisierte die Verwandlung des Studienanfängers vom "wilden Tier" zum Menschen. Dazu steckte man den Neuling in ein phantasievolles Kostüm, inklusive Kopfschmuck mit Hörnern, hölzerner "Zähne" und wildem Bart- und Haarschmuck. Unter Spottreden und Hänseleien befreiten die älteren Semester den Unglücklichen dann von seiner tierischen Verkleidung - wobei sie auch Werkzeuge, Schläge und Tritte anwendeten. Dass es nicht die Neulinge waren, die sich bei der Deposition wie wilde Tiere verhielten, sei am Rande erwähnt.
Degen zur Selbstverteidigung
Als Student durfte man eben nicht zimperlich sein: Beleidigungen und kleine Raufereien gehörten auch nach der Deposition zum "guten" Umgangston. Nach außen hingegen traten die Studiosi mit Standesbewusstsein auf und hielten als Gemeinschaft zusammen. Das mussten sie auch, denn nicht alle Stadtbewohner waren den Scholaren wohl gesinnt. Vor allem Schuster- und Kürschnergesellen neigten zu Provokationen und Übergriffen; viele Studenten trugen zur Selbstverteidigung Degen, wenn sie durch Leipzigs Gassen gingen.
Das Leid mit dem Kleid
Das Waffentragen war auch deshalb beliebt unter Studenten, weil sie sonst äußerlich nicht viel hermachten. Der Scholar trug eine Tracht, die der des Klerikers ähnelte - einen dunklen Mantel oder einen Rock, der an einen Talar erinnerte. Doch mit der Zeit entdeckten auch Studenten die Mode für sich: Unbedeckte Hälse und Nacken, große Hüte, bunte Hosen und entblößte Gliedmaßen erregten gegen Ende des 15. Jahrhunderts Anstoß bei den Universitätsoberen. Entsprechende Verbote stießen auf wenig Verständnis: Studenten protestierten und tobten und belagerten sogar das Haus des Rektors, um ihn zu zwingen, die Kleiderordnung zu lockern...
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Eine kurze Chronik der Universität Leipzig
Juni 1409: Magister und Scholaren, die aus Prag fortgezogen sind, finden in Leipzig Aufnahme. Stadt und Landesherren stiften ihnen mehrere Häuser und bewilligen einen jährlichen Etat von fünfhundert Gulden. Am 24. Oktober beginnt der Lehrbetrieb; offizielles Gründungsdatum ist der 2. Dezember 1409.
1415: Die medizinische Fakultät wird gegründet.
1446: Die juristische Fakultät nimmt den Betrieb auf.
1502: Ein "gemeiner Tisch" für arme Studenten wird eingerichtet.
1539: Die Universität beschließt, die reformatorische Lehrnorm anzunehmen, und ordnet in den kommenden Jahren den Lehrbetrieb neu.
1543: Auf Betreiben des Rektors Caspar Borner vermacht Herzog Moritz der Universität das ehemalige Dominikanerkloster St. Pauli samt Kirche. Im Paulinum findet auch die ein Jahr zuvor gegründete Universitätsbibliothek Platz. 1545 weiht Martin Luther St. Pauli zur Universitätskirche.
1580: Die Universität Leipzig unterhält 23 Professuren: 5 für Theologie, 5 für Juristerei, 4 für Medizin und 9 für Philosophie. Etwa achthundert Studenten sind Ende des 16. Jahrhunderts an der Universität eingeschrieben.
1661: Per kurfürstlich-sächsischem Erlass versucht man, den Pennalismus zu unterbinden. Wenige Jahre später ergeht ein Erlass gegen das studentische Duell.
1697: Der Rektor warnt die Studenten davor, Kaffee- und Teestuben zu besuchen. Vier Jahre später wird ihnen untersagt, in Schlafrock und Nachtmütze durch die Straßen zu ziehen.
1760: Von den rund dreißigtausend Leipzigern sind etwa sechshundert Studenten (zwei Prozent).
1813: Die Universität verliert die Gerichtsbarkeit über die Studenten; 1822 muss sie auch die Polizeigewalt abgeben.
1830: Eine neue Universitätsverfassung reformiert den Aufbau der Universität: Alle Professoren sind nun gleichgestellt, ein akademischer Senat wird einberufen.
1836: Ein neues Universitätshauptgebäude, das Augusteum, öffnet die Pforten.
1870: Erstmals lässt die Universität Frauen zu, allerdings nur als Gasthörerinnen.
1891: Die von Arwed Roßbach erbaute Universitätsbibliothek wird eingeweiht. Wenige Jahre später ist auch der Um- und Ausbau von Augusteum und Paulinum beendet.
1906: Frauen dürfen sich jetzt als Studentinnen einschreiben.
1911: Auf Initiative des Rektors Karl Lamprecht bildet sich eine allgemeine Studentenvertretung.
1923: Die Universität erhält eine veterinärmedizinische Fakultät: Die tierärztliche Hochschule Dresden siedelt nach Leipzig über.
1933: Aus politischen und rasseideologischen Gründen entlässt die Universität 21 Hochschullehrer.
1946: Die Universität nimmt den Lehrbetrieb wieder auf. Der Krieg hat schwere Schäden hinterlassen: Viele Gebäude sind zerstört, tausende Bücher vernichtet, Dutzende Wissenschaftler haben Leipzig verlassen.
1948: Die SED lässt den Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek festnehmen - der hatte gegen die Gleichschaltung der Universität protestiert.
1953: Die Universität bekommt den Namen Karl-Marx-Universität.
1968: Im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes wird die alte Universität samt Paulinerkirche gesprengt. Bis 1972 wächst das Uni-Hochhaus in die Höhe. Studierende der Universität graben in den 1970ern Teile der alten Stadtbefestigung aus und bauen sie bis 1982 zum Studentenclub Moritzbastei um.
1991: Nach der Wiedervereinigung will sich die Universität grundlegend erneuern. Sie kehrt zurück zum Namen Universität Leipzig, veranlasst die Wiedererrichtung und Neugründung von 14 Fakultäten und mehr als 150 Instituten und schreibt alle Professorenstellen neu aus.
2002: Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Universitätsbibliothek Bibliotheca Albertina wird nach der Sanierung wiedereröffnet (siehe Video).
2003: Rektor Volker Bigl und die Prorektoren treten zurück. Hintergrund ist der Streit um den geplanten Universitätsneubau und die Frage, ob die 1968 gesprengte Paulinerkirche wieder aufgebaut werden soll. 2004 entscheidet man sich für einen Entwurf, der eine Kombination aus Aula und Kirche vorsieht und dessen Äußeres an die zerstörte Kirche erinnert.
Juni 1409: Magister und Scholaren, die aus Prag fortgezogen sind, finden in Leipzig Aufnahme. Stadt und Landesherren stiften ihnen mehrere Häuser und bewilligen einen jährlichen Etat von fünfhundert Gulden. Am 24. Oktober beginnt der Lehrbetrieb; offizielles Gründungsdatum ist der 2. Dezember 1409.
1415: Die medizinische Fakultät wird gegründet.
1446: Die juristische Fakultät nimmt den Betrieb auf.
1502: Ein "gemeiner Tisch" für arme Studenten wird eingerichtet.
1539: Die Universität beschließt, die reformatorische Lehrnorm anzunehmen, und ordnet in den kommenden Jahren den Lehrbetrieb neu.
1543: Auf Betreiben des Rektors Caspar Borner vermacht Herzog Moritz der Universität das ehemalige Dominikanerkloster St. Pauli samt Kirche. Im Paulinum findet auch die ein Jahr zuvor gegründete Universitätsbibliothek Platz. 1545 weiht Martin Luther St. Pauli zur Universitätskirche.
1580: Die Universität Leipzig unterhält 23 Professuren: 5 für Theologie, 5 für Juristerei, 4 für Medizin und 9 für Philosophie. Etwa achthundert Studenten sind Ende des 16. Jahrhunderts an der Universität eingeschrieben.
1661: Per kurfürstlich-sächsischem Erlass versucht man, den Pennalismus zu unterbinden. Wenige Jahre später ergeht ein Erlass gegen das studentische Duell.
1697: Der Rektor warnt die Studenten davor, Kaffee- und Teestuben zu besuchen. Vier Jahre später wird ihnen untersagt, in Schlafrock und Nachtmütze durch die Straßen zu ziehen.
1760: Von den rund dreißigtausend Leipzigern sind etwa sechshundert Studenten (zwei Prozent).
1813: Die Universität verliert die Gerichtsbarkeit über die Studenten; 1822 muss sie auch die Polizeigewalt abgeben.
1830: Eine neue Universitätsverfassung reformiert den Aufbau der Universität: Alle Professoren sind nun gleichgestellt, ein akademischer Senat wird einberufen.
1836: Ein neues Universitätshauptgebäude, das Augusteum, öffnet die Pforten.
1870: Erstmals lässt die Universität Frauen zu, allerdings nur als Gasthörerinnen.
1891: Die von Arwed Roßbach erbaute Universitätsbibliothek wird eingeweiht. Wenige Jahre später ist auch der Um- und Ausbau von Augusteum und Paulinum beendet.
1906: Frauen dürfen sich jetzt als Studentinnen einschreiben.
1911: Auf Initiative des Rektors Karl Lamprecht bildet sich eine allgemeine Studentenvertretung.
1923: Die Universität erhält eine veterinärmedizinische Fakultät: Die tierärztliche Hochschule Dresden siedelt nach Leipzig über.
1933: Aus politischen und rasseideologischen Gründen entlässt die Universität 21 Hochschullehrer.
1946: Die Universität nimmt den Lehrbetrieb wieder auf. Der Krieg hat schwere Schäden hinterlassen: Viele Gebäude sind zerstört, tausende Bücher vernichtet, Dutzende Wissenschaftler haben Leipzig verlassen.
1948: Die SED lässt den Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek festnehmen - der hatte gegen die Gleichschaltung der Universität protestiert.
1953: Die Universität bekommt den Namen Karl-Marx-Universität.
1968: Im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes wird die alte Universität samt Paulinerkirche gesprengt. Bis 1972 wächst das Uni-Hochhaus in die Höhe. Studierende der Universität graben in den 1970ern Teile der alten Stadtbefestigung aus und bauen sie bis 1982 zum Studentenclub Moritzbastei um.
1991: Nach der Wiedervereinigung will sich die Universität grundlegend erneuern. Sie kehrt zurück zum Namen Universität Leipzig, veranlasst die Wiedererrichtung und Neugründung von 14 Fakultäten und mehr als 150 Instituten und schreibt alle Professorenstellen neu aus.
2002: Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Universitätsbibliothek Bibliotheca Albertina wird nach der Sanierung wiedereröffnet (siehe Video).
2003: Rektor Volker Bigl und die Prorektoren treten zurück. Hintergrund ist der Streit um den geplanten Universitätsneubau und die Frage, ob die 1968 gesprengte Paulinerkirche wieder aufgebaut werden soll. 2004 entscheidet man sich für einen Entwurf, der eine Kombination aus Aula und Kirche vorsieht und dessen Äußeres an die zerstörte Kirche erinnert.



