Zechereien waren üblich unter Studenten, einige mussten wegen ihrer Trinksucht sogar Kredit nehmen. (Stammbuchmalerei aus Jena, um 1750)
Noch einen Zacken schärfer
Die "Zeit des tiefsten Tiefstandes studentischer Sittlichkeit überhaupt" war das 17. Jahrhundert - so beschreibt es der Historiker Wilhelm Bruchmüller. An der Art der Verfehlungen hatte sich nichts geändert, doch betrieben die Studenten ihre "Sitten" nun noch einen Zacken schärfer als zuvor. Und sie hatten einen neuen Weg gefunden, Neulinge - die so genannten Pennale - zu quälen: Während ihres ersten Jahres an der Universität mussten die Neulinge sich den Älteren andienen, auf eigene Kosten Schmäuse und Zechgelage ausrichten, Misshandlungen und Demütigungen über sich ergehen lassen - erst dann gehörten sie "richtig" dazu (und durften ihrerseits Studienanfänger quälen). Ein anderer Auswuchs studentischer Zügellosigkeit waren Renkontres. Diese spontanen Zweikämpfe zwischen Studenten folgten auf echte oder eingebildete Ehrverletzungen. Im Unterschied zu Duellen wurden sie jedoch fast ohne Regeln und ohne Verzug an Ort und Stelle ausgeführt.
Galantes Verhalten hält nach und nach auch bei Studenten Einzug: Der tanzende Student. (Kupferstich von Johann Georg Puschner, um 1725)
Um Studenten, die über die Stränge schlugen, Einhalt zu gebieten, gab es das Universitätsgericht. Das hatte exklusive Gewalt über alle Leipziger Studiosi, denn Universitätsangehörige waren von städtischer und Landesgerichtsbarkeit ausgenommen. Vergebung hatten Übeltäter dennoch nicht zu erwarten: Die Liste der Strafen war lang und reichte von Geldbußen über Karzer und Relegation (befristeter oder unbefristeter Ausschluss von der Universität) bis hin zum Landesverweis. Für heutige Verhältnisse mögen einige Strafen drakonisch erscheinen: Zum Beispiel verwies das Gericht einen Studenten für fünf Jahre der Universität, weil er einen Buchhändler beleidigt hatte. Und doch sprach das Universitätsgericht in der Regel mildere Urteile als andere Gerichte, und Studenten kamen mit vergleichsweise geringen Strafen davon.
Er konnte nicht anders
An der "eisernen Hand" des Gesetzes wird es also kaum gelegen haben, dass die Leipziger Studenten im Laufe des 18. Jahrhunderts ihre Rüpeljahre hinter sich ließen. Universitätsstädte wie Jena und Halle erzitterten damals noch unter Horden von tobenden Studenten - der Leipziger Studioso aber war fast zu einem Vorbild an Rechtschaffenheit und Tugend mutiert. Goethe erinnert sich in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit: "In Jena und Halle war die Rohheit aufs Höchste gestiegen, körperliche Stärke, Fechtergewandtheit, die wildeste Selbsthilfe war dort an der Tagesordnung... Dagegen konnte in Leipzig ein Student kaum anders als galant sein, sobald er mit reichen, wohl und genau gesitteten Einwohnern in einigem Bezug stehen wollte."
Traumberuf Bürger
Vermutlich waren es tatsächlich die gesitteten Einwohner Leipzigs, die halfen, die Studiosi zu bekehren. Immerhin waren sich beide Gruppen im Laufe der Zeit näher gekommen: Um sich über Wasser zu halten, hatten viele Studenten Stellen als Hauslehrer angenommen oder arbeiteten als Autoren und Redaktoren für Buchdrucker. Der Eintritt in die bürgerliche Welt erschien ihnen als lohnenswertes Ziel. Und der Weg, das zu erreichen, führte über Selbstkontrolle und Disziplin.
In Studentenverbindungen leben die alten Sitten weiter: Mitglied des Corps Lusatia in Leipzig. (Aquarell um 1824/25)
Sogar im Aussehen und Auftreten machte sich der Mentalitätswandel bemerkbar: Hervorstechend unter den Leipziger Studenten war nun der geschniegelte und gebügelte Stutzer, der, so Bruchmüller, "mit wohlgepudertem Schopf, in seidenen Strümpfen und Kleidern von Samt und Atlas einherläuft, nach Pomade und Parfüm duftet, seine 'Scharmante' umtänzelt und in puncto des Degens sehr friedfertigen Anschauungen huldigt." Für seine weniger solventen Kommilitonen und deren burschikose Sitten hatte der Stutzer höchstens Herablassung übrig.
Ein "zweites Mittelalter"
Ausgestorben sind die alten Bräuche, die Initiationsriten und Fechtereien, dennoch nicht. Sie leben heute in entschärfter Form in Burschenschaften und Corps weiter. Nicht zufällig sind die ersten solchen Vereinigungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden, als sich das "wilde" Studentenleben auch außerhalb Leipzigs zivilisierte. Ein Fazit der "guten alten Zeit" zog der Thüringer Dichter Ludwig Bechstein 1836: "Das deutsche Studentenleben war eine wichtige, beachtungswerthe Zeiterscheinung, auf welche die Nachwelt einst blicken wird, wie auf ein zweites Mittelalter, dessen Ritterlichkeit es eben so zu bewahren suchte, wie dessen Rohheiten."
Urte Paul (29.10.2009)
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Eine Auswahl bedeutender Persönlichkeiten an der Universität Leipzig
Petrus Mosellanus (1493 bis 1524) immatrikulierte sich 1515 in Leipzig und übernahm 1517 den Lehrstuhl für griechische Sprache. Mosellanus war einer humanistischen Theologie verpflichtet und erschloss seinen Studenten das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. 1519 eröffnete und protokollierte er die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck.
Otto Mencke (1644 bis 1707) hatte ab 1669 die Leipziger Professur für Moral und Politik inne. Unter seiner Federführung erschien 1682 erstmals die Acta eruditorium: die erste deutsche Gelehrtenzeitschrift, mit Auszügen aus neuen Büchern, mit Rezensionen und kleineren Aufsätzen.
Christian Thomasius (1655 bis 1728), Philosoph, Jurist und Aufklärer, hielt 1687 eine Vorlesung in deutscher Sprache - ein damals unerhörtes Vorgehen. Außerdem wetterte er gegen die Schwerfälligkeit und Pedanterie der deutschen Gelehrsamkeit und machte sich dadurch viele Feinde. 1690 ging Thomasius nach Halle und begründete dort die Universität mit.
Johann Christoph Gottsched (1700 bis 1766) kam 1725 als Privatdozent an die Universität Leipzig, war später Professor für Poetik sowie für Logik und Metaphysik. Der Schriftsteller und Literaturtheoretiker setzte sich für eine Reform der deutschen Sprache ein und weckte in weiten Kreisen das Interesse an deutscher Literatur.
Karl Ferdinand Hommel (1722 bis 1781), ab 1750 Professor an der juristischen Fakultät, machte sich für die Humanisierung des Strafrechts und des Strafvollzugs stark. Er sprach sich gegen Folter und Todesstrafe aus und schaffte es, die Gerichtssprache zu vereinfachen.
Wilhelm Wundt (1832 bis 1920), Arzt und Philosoph, gründete 1879 in Leipzig das erste Institut für experimentelle Psychologie. Wundts Studien trugen dazu bei, die Psychologie als Naturwissenschaft zu etablieren.
Paul Flechsig (1847 bis 1929) studierte von 1865 bis 1870 Medizin, arbeitete dann als Assistent in der Pathologie und übernahm schließlich eine Professur für Psychiatrie. Durch seine hirnanatomischen Analysen an der 1878 errichteten Klinik für Geisteskranke erwarb er sich einen Ruf als bedeutender Neuroanatom und Hirnforscher.
Karl Bücher (1847 bis 1930) arbeitete als Lehrer und Redakteur, bevor er Ordinarius für Nationalökonomie wurde. 1892 kam er nach Leipzig. Dort gründete er 1916 Deutschlands erstes Institut für Zeitungswissenschaft, mit dem Ziel, Journalisten akademisch fundiert auszubilden und die Presse wissenschaftlich zu erforschen.
Petrus Mosellanus (1493 bis 1524) immatrikulierte sich 1515 in Leipzig und übernahm 1517 den Lehrstuhl für griechische Sprache. Mosellanus war einer humanistischen Theologie verpflichtet und erschloss seinen Studenten das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. 1519 eröffnete und protokollierte er die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck.
Otto Mencke (1644 bis 1707) hatte ab 1669 die Leipziger Professur für Moral und Politik inne. Unter seiner Federführung erschien 1682 erstmals die Acta eruditorium: die erste deutsche Gelehrtenzeitschrift, mit Auszügen aus neuen Büchern, mit Rezensionen und kleineren Aufsätzen.
Christian Thomasius (1655 bis 1728), Philosoph, Jurist und Aufklärer, hielt 1687 eine Vorlesung in deutscher Sprache - ein damals unerhörtes Vorgehen. Außerdem wetterte er gegen die Schwerfälligkeit und Pedanterie der deutschen Gelehrsamkeit und machte sich dadurch viele Feinde. 1690 ging Thomasius nach Halle und begründete dort die Universität mit.
Johann Christoph Gottsched (1700 bis 1766) kam 1725 als Privatdozent an die Universität Leipzig, war später Professor für Poetik sowie für Logik und Metaphysik. Der Schriftsteller und Literaturtheoretiker setzte sich für eine Reform der deutschen Sprache ein und weckte in weiten Kreisen das Interesse an deutscher Literatur.
Karl Ferdinand Hommel (1722 bis 1781), ab 1750 Professor an der juristischen Fakultät, machte sich für die Humanisierung des Strafrechts und des Strafvollzugs stark. Er sprach sich gegen Folter und Todesstrafe aus und schaffte es, die Gerichtssprache zu vereinfachen.
Wilhelm Wundt (1832 bis 1920), Arzt und Philosoph, gründete 1879 in Leipzig das erste Institut für experimentelle Psychologie. Wundts Studien trugen dazu bei, die Psychologie als Naturwissenschaft zu etablieren.
Paul Flechsig (1847 bis 1929) studierte von 1865 bis 1870 Medizin, arbeitete dann als Assistent in der Pathologie und übernahm schließlich eine Professur für Psychiatrie. Durch seine hirnanatomischen Analysen an der 1878 errichteten Klinik für Geisteskranke erwarb er sich einen Ruf als bedeutender Neuroanatom und Hirnforscher.
Karl Bücher (1847 bis 1930) arbeitete als Lehrer und Redakteur, bevor er Ordinarius für Nationalökonomie wurde. 1892 kam er nach Leipzig. Dort gründete er 1916 Deutschlands erstes Institut für Zeitungswissenschaft, mit dem Ziel, Journalisten akademisch fundiert auszubilden und die Presse wissenschaftlich zu erforschen.



