Die Ausnahme
Einzelne kämpften gegen die Barbarei, als die breite Masse schwieg. Es war eine Tat fast ohne Chance auf Erfolg, doch um des "rechten Handelns" willen."Der Führer lebt", tönte es in der Nacht auf den 20. Juli 1944 über alle Kanäle des Großdeutschen Rundfunks. Und wie zum Beweis hörte das Volk noch einmal die schon brüchige Stimme seines Diktators: "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen..." Fast, so lesen wir in manchen Geschichtsbüchern, wäre ein Attentat gelungen, das den Verlauf der Ereignisse hätte ändern, den Untergang Deutschlands wenige Monate später hätte abwenden können. Stimmt das?
Selbstzweifel und Skrupel
Die Verschwörung im Sommer des Jahres 1944 erstreckte sich von der französischen Westfront, wo knapp zuvor alliierte Truppen gelandet waren, über die Hauptstadt Berlin bis hin zu einzelnen hohen Befehlshabern der Wehrmachtverbände im Osten. Es war eine Konspiration nicht der einfachen Soldaten und Feldkommandeure - die standen mehrheitlich treu zu ihrem "Führer" - sondern von wenigen hohen Stabsoffizieren, Generale oft, isoliert und im Kern auf die Kreise des preußischen Adels begrenzt. Sie war Akt des Widerstands einzelner, ohne Rückhalt in der Bevölkerung, aus einem breiten Spektrum von Motiven heraus, von Selbstzweifeln und moralischen Skrupeln durchsetzt.
"Die Welt wird uns beschimpfen"
Denn auf eine Rettung ihres Vaterlandes, die alles gerechtfertigt hätte, durften Stauffenberg, Beck, Tresckow und York nicht mehr hoffen. Ob mit oder ohne Hitler, den Gegnern in West und Ost galt die Zerschlagung Deutschlands längst als ausgemacht. Als sie Deutschland schließlich besetzt hatten, wurde jede Erwähnung des Widerstands um den 20. Juli von den alliierten Kontrollmächten verboten: Preußen, der Generalstab, die Nazis, Hitler - alles sollte in einen Topf geworfen werden. "Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen", sagte Henning von Tresckow, einer der Hauptverschwörer, kurz vor seinem Tod zu einem Freund. Damit hatte er Recht.
Staatstragender preußischer Adel
Fast immer und überall ist es die Ausnahme-Persönlichkeit, die sich zum Widerstand berufen fühlt. Dies gilt um so eher in auswegloser Situation. Moralischer Mut gehört dazu, den Ruf des Verräters, des Staatsfeindes, auf sich zu nehmen. Solcher Mut, wenn es ihn ausnahmsweise gibt, kommt nicht von ungefähr: Der preußische Adel war "vielleicht die einzige, sicher die stärkste herrschaftsfähige und staatstragende Kraft, die Deutschland in der Neuzeit hervorgebracht hat", schreibt der Historiker Sebastian Haffner. Und weiter: Er allein habe besessen, "was eine herrschende Klasse braucht und was weder der deutsche Hochadel noch das deutsche Bürgertum noch, wie es scheint, die deutsche Arbeiterschaft hatten oder haben: Geschlossenheit, Stil, Herrschaftswillen, Durchschlagkraft, Selbstsicherheit, Selbstdisziplin, Moral."
Die Tat um ihrer selbst willen
Das sollte für die Verschwörer des 20. Juli zur Grundlage eines Mutes werden, mit dem sich keine praktische Hoffnung mehr verband - zur Grundlage der Tat um ihrer selbst, um des "rechten Handelns" willen. So erscheint der unglaubliche Zufall irgendwie folgerichtig, dass Hitler den Anschlag nahezu unverletzt überlebte. Folgerichtig erscheint auch der dann praktisch widerstandslose Zusammenbruch der Militärverschwörung in Berlin und im von der Wehrmacht okkupierten Paris. Wer hätte denn noch Widerstand leisten sollen, außer einigen mit Pistolen bewaffneten Stabsoffizieren? ...
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1943 erarbeiteten Generalstäbler den Plan Walküre. Er sollte offiziell in Kraft treten im Fall eines Aufstands ausländischer Zwangsarbeiter in Deutschland. Geplant war der militärische Schutz von Regierung, Dienststellen der SS und des Sicherheitsapparates unter Einsatz des sogenannten Ersatzheeres.
1943 und Anfang 1944 bereiteten die Verschwörer um Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg unter dem Deckmantel von Walküre den militärischen Aufstand gegen Hitler vor.
Im Frühsommer 1944 fiel in den Verschwörerkreisen, denen vor allem Mitglieder der alten preußischen Aristokratie angehörten, die keineswegs einstimmige Entscheidung für den tödlichen Anschlag auf Hitler, Himmler und andere Exponenten des Regimes. Der Befehlshabers des Ersatzheeres, Generaloberst Fromm, billigte den Entschluss. Gleichzeitig wurden mit General von Stülpnagel, Wehrmachtsbefehlshaber Frankreich, die Details zum Putsch in Paris vereinbart.
Am Vormittag des 20. Juli 1944 erschien Oberst Graf Stauffenberg zum Lagebericht bei Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg. Er platzierte eine Bombe in unmittelbarer Nähe des "Führers" unter dem massiv-eichenen Konferenztisch. Stauffenberg verließ unter einem Vorwand den Raum, die Bombe detonierte und zerriss die leichten Wände der Baracke buchstäblich in Späne. Stauffenberg glaubte Hitler tot, flog nach Berlin und löste Walküre aus.
Am Nachmittag des 20. Juli 1944 hatte der Stab Hitlers im Hauptquartier Wolfsschanze Verbindung mit Regierungsstellen in Berlin aufgenommen. Mitgeteilt wurde, dass Hitler nur leicht verletzt und handlungsfähig sei. Der Detonationsdruck der Bombe war durch die leichten Barackenwände entwichen, die schwere Tischplatte hatte den "Führer" geschützt.
In Berlin riss Goebbels das Heft des Handelns an sich. Er bestellte den Kommandeur des Berliner Wachbataillons, Major Otto Ernst Remer, in sein Büro und ließ ihn telefonisch direkt mit Hitler sprechen. Hitler beförderte Remer auf der Stelle zum Oberst und befahl ihm, die Bendlerstraße, den Sitz der Verschwörer, abzuriegeln. Von Goebbels herbeigerufene Verstärkungen durch die nahe Berlins stationierte SS-Leibstandarte Adolf Hitler waren im Anmarsch.
(Fortsetzung in Teil 2)
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