Gewagtes Leben
Der Widerstand war nicht auf den 20. Juli 1944 begrenzt. Es gab da einen Widerständler auf Lebenszeit, der in keinem Schulbuch erwähnt wird. Sein Name ist Ernst Niekisch.Hans und Sophie Scholl mit ihrem Freund und Verbündeten Christoph Probst: Die Mitglieder der Weißen Rose wurden 1943 hingerichtet
Angepasst und satt
Massenprotest hingegen finden wir in der Regel dort, wo die Risiken kalkulierbar bleiben, wo die Macht schon zahnlos ist, zum Rückzug neigt und ihre Kristallisationswirkung verloren hat. Während der Zeit des Nationalsozialismus gab es ihn bis zum Ende nicht. Es gab ihn nicht einmal, als dieses Ende längst vorüber war. So stark war die Macht Hitlers im Volk verwurzelt - und so stark war in der Endphase die Komplizenschaft, die Angst vor der unterschiedslosen Rache der Sieger. Zudem sind ja die Angepassten und Satten in fast jeder Gesellschaft angepasst und satt.
Warum gerade Stauffenberg?
Personen machen die Geschichte - und damit auch die Geschichte des Widerstands. Ihre geistigen und sozialen Hintergründe erklären vieles, immer jedoch bleibt ein kaum erklärbarer Rest. Den preußischen Aristokraten des 20. Juli 1944 mag ihr elitäres Selbstverständnis geholfen haben, ihr Bewusstsein als Schicht mit besonderer Tradition und besonderem moralischen Anspruch. Die meist kommunistischen Widerständler der Roten Kapelle stützte ihre Ideologie, ihr Orientieren an der Sowjetunion oder ihr ethisch motivierter Sozialismus. Den mutigen Studenten der Weißen Rose war es bürgerlich-humanistische Erziehung. Warum aber gerade ein Stauffenberg die Bombe legte, warum gerade ein Schulze-Boysen den Sowjets Informationen verschaffte, warum gerade Hans und Sophie Scholl ihr Leben wegen einiger Flugblätter opferten - wir wissen es nicht.
Harro Schulze-Boysen und seine spätere Ehefrau Libertas Haas-Heye (hier 1935) riskierten ihr Leben. (Bild: DHM)
Dieses Unerklärbare, Irrationale, zeigt sich auch darin, dass allen bekannten Strömungen des anti-nationalsozialistischen Widerstands, neben ihrem tragischen Finale, ein gemeinsames Merkmal eigen ist: das Fehlen einer durchdachten, umfassenden politischen Gegenkonzeption. Selbst dort, wo so etwas reklamiert wurde, war es irreal: Der preußisch-konservative Staat bildete keine Alternative zum Hitler-Regime, ebenso wenig die sozialistische Revolution. Und dem humanistischen Protest stellte sich das Problem gar nicht erst.
Umfassendes Konzept
Doch ist die Ausnahme in der Ausnahme möglich? Es gab tatsächlich einen heute fast vergessenen Mann des Widerstands, dessen Konzept die Vorstellungen der großen, bekannten Strömungen - von der Roten Kapelle bis zum 20. Juli - fast haargenau umspannte. Die Rede ist von Ernst Niekisch. Als "Synthese aus revolutionärem Sozialismus und preußischem Staatsdenken" beschreibt der Historiker Sebastian Haffner Niekischs Ideen. Wer war dieser Mann, was war das Besondere an ihm?
Preußischer Sozialismus
1889 in Schlesien geboren, wird der junge Niekisch Volksschullehrer. Als SPD-Anhänger ist er später an der Münchner Räterepublik beteiligt, erhält nach deren Niederlage Festungshaft. In der Gefangenschaft entsteht sein Konzept eines "preußischen Sozialismus", das gerichtet ist gegen das Bürgertum westlicher Prägung und den liberalen Kapitalismus. Politisch sind für Niekisch die soziale Revolution und die Befreiung Deutschlands aus den Fesseln des Versailler Vertrags zwei Seiten ein und derselben Sache: Das eine, meint Niekisch, habe durch das andere zu geschehen! ...
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Die Rote Kapelle
Unter der Bezeichnung Rote Kapelle fasste die Gestapo mehrere Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime zusammen. Zu diesen Gruppen zählte die Organisation um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Sie arbeiteten mit der Sowjetunion zusammen und betrieben Untergrundarbeit und Spionage. Ziel war es, die NS-Herrschaft zu unterminieren und den Krieg zu beenden.
Die Gestapo kam ihnen durch einen abgefangenen Funkspruch auf die Spur und zerschlug die Gruppe Ende 1942. Der "Volksgerichtshof" verurteilte in Geheimprozessen 58 Menschen zum Tode und viele weitere zu hohen Haftstrafen.
Die Rolle der Roten Kapelle ist umstritten. Während ihre Mitglieder in der alten Bundesrepublik als Kommunisten missachtet wurden, galten sie in der DDR als antifaschistische Helden. Akten, die seit der Wiedervereinigung zugänglich sind, belegen den eigenständigen Beitrag zum Widerstand im Innern Deutschlands.
Unter der Bezeichnung Rote Kapelle fasste die Gestapo mehrere Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime zusammen. Zu diesen Gruppen zählte die Organisation um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Sie arbeiteten mit der Sowjetunion zusammen und betrieben Untergrundarbeit und Spionage. Ziel war es, die NS-Herrschaft zu unterminieren und den Krieg zu beenden.
Die Gestapo kam ihnen durch einen abgefangenen Funkspruch auf die Spur und zerschlug die Gruppe Ende 1942. Der "Volksgerichtshof" verurteilte in Geheimprozessen 58 Menschen zum Tode und viele weitere zu hohen Haftstrafen.
Die Rolle der Roten Kapelle ist umstritten. Während ihre Mitglieder in der alten Bundesrepublik als Kommunisten missachtet wurden, galten sie in der DDR als antifaschistische Helden. Akten, die seit der Wiedervereinigung zugänglich sind, belegen den eigenständigen Beitrag zum Widerstand im Innern Deutschlands.



