"Keine Maschine, kein Kühlschrank, kein Nichts"
Mit 15 Jahren heuerte Hans Peter Jürgens auf dem Windjammer Priwall an. Im Interview mit LexiTV erinnert sich der heute 88-Jährige an das Leben an Bord: gezerrte Muskeln, miserables Essen, gefährliche Stürme.LexiTV: Herr Jürgens, Sie sind ein Kaphoornier, das heißt, Sie sind auf einem Großsegler um Kap Hoorn gefahren - das war 1939. Was ist das Besondere daran?
Hans Peter Jürgens: Die Gewässer um Kap Hoorn gelten als die stürmischsten Gewässer überhaupt, wegen der Westwindlagen und Tiefs. Zwischen der Antarktis und dem südamerikanischen Festland, in der Drake-Straße, entsteht eine Düsenwirkung, die extremes Wetter hervorbringt. Man kann sagen, es war die hohe Schule der Seemannschaft.
LexiTV: Düsenwirkung und Stürme - das klingt gefährlich.
Jürgens: Das ist es auch. Etwa zehntausend Seeleute sind im Laufe der Jahrhunderte vor Kap Hoorn verschollen, über sechshundert Schiffe sind dort gesunken. Und es hat Winter gegeben, Winterwetterlagen, da sind Dutzende von Schiffen verschwunden oder mussten mit gebrochenen Masten umkehren.
LexiTV: Wie haben Sie Ihre eigene Kapumrundung damals erlebt?
Jürgens: Unser Schiff, die Priwall, hat den harten Weg genommen: im Südwinter gegen den Sturm. 19 Tage hat die Umrundung gedauert, wir hatten Stürme bis zu Orkanstärken. Das Leben an Bord, gerade in solchen Schlechtwettergebieten, war muskel- und nervenzerrend. Es konnte ständig heißen "Freiwache an Deck!", es herrschte Tag und Nacht Betrieb.
Die Priwall unter Segeln: Das Schiff lief 1917 vom Stapel und gehörte zu den legendären Flying P-Linern der Reederei Laeisz.
Jürgens: Die Verpflegung war miserabel. Es gab auf See nur Dauerproviant, vor allem eingetrocknete Kartoffeln. Wir hatten anfangs Schweine an Bord, die wurden irgendwann geschlachtet. Trotzdem, die warmen Gerichte waren auch nicht von bester Qualität. Man hatte das Gefühl, dass die Reederei den Notproviant der Dampfer nach einigen Jahren auf die Segelschiffe schickte, um die Reste zu verbrauchen. Das Essen war gerade für junge, heranwachsende Menschen sehr karg bemessen. Komischerweise wurden sie dennoch alle groß und kräftig, und das auch schnell.
LexiTV: Das hört sich an wie alte Seefahrergeschichten aus der Zeit der Entdecker...
Jürgens: Das Leben an Bord war auch eher urtümlich. Die Segelschiffe hatten sich seit Jahrtausenden eigentlich nicht verändert. Sie sind größer geworden, ja, aber sie hatten keine Maschinen an Bord, keinen Kühlschrank, kein Nichts. Die einzige Maschine, die wir an Bord hatten, war ein kleiner Motor, der einen Notsender betreiben konnte. Zwar waren die Schiffe inzwischen aus Metall, die Masten und das Tauwerk waren zum guten Teil aus Stahl. Aber die urtümlichen Umstände sind geblieben und wurden bewahrt auf diesen Schiffen.
LexiTV: Wie war das Verhältnis der Besatzungsmitglieder untereinander?
Jürgens: Der Ton war rau. Und es gab gewisse Übergriffe von Seiten der Dampferseeleute. Diese Matrosen gehörten eigentlich nicht an Bord, mussten aber ihre Fahrzeiten machen. Unter den Auszubildenden aber, den so genannten Zöglingen, war der Umgang kameradschaftlich bis zum Letzten. Die vertrugen sich alle.
LexiTV: Sie waren mit 15 Jahren der Jüngste an Bord der Priwall. War es Ihr Traum, zur See zu fahren?
Jürgens: Ja. Mein Vater war Kapitän, er ist auf Segelschiffen groß geworden und hat Kap Hoorn etliche Male umrundet. Und meine Vorfahren waren Walfänger. Ich bin also vorherbestimmt gewesen, es ihnen gleich zu tun.
LexiTV: Dabei müssen Sie aus Erzählungen und Geschichten doch gewusst haben, welche Entbehrungen und Gefahren auf Sie zukommen.
Jürgens: Ich wusste natürlich manches vom Hörensagen. Aber das schreckt einen jungen Menschen ja kaum. Ich habe wirklich die erste Möglichkeit genutzt, zur See zu gehen, und hatte das Glück, auf einer der wenigen verbliebenen Viermastbarken angenommen zu werden.
LexiTV: Hat Ihr Vater, der Kapitän, das gutgeheißen?
Jürgens: Mein Vater hat das gutgeheißen und hat es auch eingerührt. Er hat mich auf dem Schiff untergebracht.
LexiTV: Beim Auslaufen mit der Priwall glaubten Sie ja, es würde eine kurze Reise werden...
Jürgens: Als wir am 16. Mai 1939 ausliefen, waren wir überzeugt, dass wir Weihnachten wieder zu Hause sein würden. Zwei Tage vorher hatte ich noch auf der Schulbank gesessen, dann ging ich aufs Schiff. Erst nach sieben Jahren kehrte ich zurück.
LexiTV: Ich nehme an, das hatte mit dem Krieg zu tun?
Jürgens: Ja, zwei Jahre blieb das Schiff in Chile liegen, weil der Krieg ausgebrochen war, und anschließend war ich fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft.
In späteren Jahren wandte sich Kapitän Jürgens verstärkt der Malerei zu: hier eine Ansicht der Priwall.
Jürgens: Die Priwall wurde 1941 an die chilenische Marine verschenkt. Den Krieg über hat sie als Ladung tragendes Schulschiff gedient. 1945 ist sie auf See ausgebrannt, mit einer Salpeterladung auf dem Weg nach Nordamerika. Etliche Menschen sind dabei ums Leben gekommen.
LexiTV: Sie haben nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft das Kapitänspatent erworben, sind weiter zur See gefahren, haben als Lotse gearbeitet und nebenher gemalt. Das klingt nach einem erfüllten Leben.
Jürgens: Ich bin so alt geworden, dass ich natürlich eine Menge erlebt habe. Insofern muss ich sagen, dass ich ein bevorzugtes Leben geführt habe, trotz vielen negativen Aspekten. Das Leben hat mir immer Spaß gemacht, bis zum heutigen Tag.
LexiTV: Bis vor ein paar Jahren waren Sie auch in der Internationalen Bruderschaft der Kaphoorniers aktiv. 2003 hat sich die Bruderschaft aufgelöst - warum?
Jürgens: Die Umrundung von Kap Hoorn auf einem reinen Segelschiff ist heute nicht mehr möglich: Es gibt diese Art von Schiffen einfach nicht mehr. Der Bruderschaft der Kaphoorniers gehörten darum nur ältere Seeleute an, von denen viele inzwischen gestorben sind. Das Auflösen der Bruderschaft war zwangsweise eine Folge des Wegsterbens dieser alten Männer. Ich bin einer der letzten Überlebenden.
LexiTV: Fahren Ihre Kinder zur See, haben sie in irgendeiner Weise mit der Seefahrt zu tun?
Jürgens: Nein, sie haben einen anderen Weg eingeschlagen.
LexiTV: Sind Sie darüber enttäuscht?
Jürgens: Nein. Von der Seefahrt, wie sie heute ist, würde ich doch sehr abraten. Das hat mit der Seefahrt, wie sie über Jahrtausende war, nichts mehr zu tun. Dieses straßenbahnmäßige Fahren mit Containerschiffen ist doch ziemlich reizlos. Sicherlich verdient man eine Menge Geld. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es Spaß macht.
LexiTV: Kapitän Jürgens, vielen Dank für das Gespräch!
Für den Text auf der Website: Urte Paul (25.08.2011)
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Unser Interviewpartner
Hans Peter Jürgens wurde am 3. März 1924 in Cuxhaven geboren. Als 15-Jähriger brach er die Schule ab und fuhr mit einem Windjammer nach Chile. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte Jürgens' Heimkehr; 1941 geriet der junge Mann in Kriegsgefangenschaft. Während dieser Zeit entdeckte Jürgens sein Talent fürs Malen.
Nachdem er eine Weile auf Fischkuttern und Handelsschiffen Dienst getan hatte, erwarb Jürgens 1953 das Kapitänspatent. Nach ein paar weiteren Jahren auf See ließ er sich 1960 in Kiel nieder und arbeitete fortan als Lotse. "Ich wollte meine beiden Kinder aufwachsen sehen", begründete Jürgens diese Entscheidung. Nebenher widmete sich der junge Familienvater verstärkt der Malerei.
Jürgens entwickelte autodidaktisch "eine ganz eigene Aquarelltechnik", wie es auf der Website zu einer seiner Ausstellungen heißt, "mit der er die Trias von Himmel, Schiff und Wasser in ebenso leuchtenden wie harmonischen Farben ins Bild setzt".
Der Kapitän a. D. hält die Seefahrt in realistischen Darstellungen fest - seien es Szenen während einer Regatta oder Schiffe auf See. Jürgens' Bilder waren unter anderem im Flensburg, in Brake und auf Spiekeroog zu sehen. Außerdem betätigt sich der Aquarellmaler als Illustrator und Autor.
Hans Peter Jürgens wurde am 3. März 1924 in Cuxhaven geboren. Als 15-Jähriger brach er die Schule ab und fuhr mit einem Windjammer nach Chile. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte Jürgens' Heimkehr; 1941 geriet der junge Mann in Kriegsgefangenschaft. Während dieser Zeit entdeckte Jürgens sein Talent fürs Malen.
Nachdem er eine Weile auf Fischkuttern und Handelsschiffen Dienst getan hatte, erwarb Jürgens 1953 das Kapitänspatent. Nach ein paar weiteren Jahren auf See ließ er sich 1960 in Kiel nieder und arbeitete fortan als Lotse. "Ich wollte meine beiden Kinder aufwachsen sehen", begründete Jürgens diese Entscheidung. Nebenher widmete sich der junge Familienvater verstärkt der Malerei.
Jürgens entwickelte autodidaktisch "eine ganz eigene Aquarelltechnik", wie es auf der Website zu einer seiner Ausstellungen heißt, "mit der er die Trias von Himmel, Schiff und Wasser in ebenso leuchtenden wie harmonischen Farben ins Bild setzt".
Der Kapitän a. D. hält die Seefahrt in realistischen Darstellungen fest - seien es Szenen während einer Regatta oder Schiffe auf See. Jürgens' Bilder waren unter anderem im Flensburg, in Brake und auf Spiekeroog zu sehen. Außerdem betätigt sich der Aquarellmaler als Illustrator und Autor.
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Der Geist von Saint-Malo
Die Solidarität unter Seeleuten verschiedener Nationen ist legendär. Ein gutes Beispiel dafür ist die Internationale Bruderschaft der Kapitäne auf großer Fahrt, Kaphoorniers. 35 Französische Kapitäne riefen 1937 in Saint-Malo eine zunächst rein französische Bruderschaft ins Leben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich die Organisation international; Belgier, Briten, Deutsche und anderen kamen hinzu. Sektionen der Bruderschaft entstanden auch in Chile, Dänemark, Finnland, Nordamerika, den Niederlanden, Neuseeland und anderen Ländern.
Stand die Mitgliedschaft zunächst nur Kapitänen offen, die ein Schiff um Kap Hoorn kommandiert hatten, durften später auch Seeleute Mitglieder werden, die ihr Patent erst nach der Umrundung erwarben.
In den 1960er Jahren zählten die Kaphoorniers rund 2.600 Mitglieder. Symbol der internationalen Bruderschaft war der Albatros, ein oft gesehener Begleiter von Schiffen auf See. Auch glauben Seeleute, dass die Seelen verstorbener Kameraden in Albatrossen Gestalt annehmen.
Die Bruderschaft wollte vor allem die Kameradschaft unter den Seeleuten, die die außergewöhnliche Erfahrung einer Kap-Hoorn-Umrundung mitgemacht hatten, fördern und erhalten. Regelmäßig kam man zu Treffen zusammen, schwelgte in Erinnerungen an die Schiffe und an den Mut der Besatzungen.
Die Bruderschaft bewahrte auch das Andenken derer, die auf See umkamen. So entstand auf Anregung der deutschen Kaphoorniers das Bronzemonument Madonna der Meere, das seit 1985 auf dem Fischmarkt in Altona steht.
Über die Jahrzehnte nahm die Mitgliederzahl der Bruderschaft stetig ab. Es gab einfach keinen Nachwuchs mehr; 1949 war der letzte Frachtsegler, die Pamir, um Kap Hoorn gesegelt. 2003 beschloss man daher die Auflösung der Internationalen Bruderschaft. Die deutsche Sektion schloss 2004.
Einen anderen Weg ging die chilenische Bruderschaft: Sie nimmt inzwischen alle Kapitäne auf, die Kap Hoorn umfahren sind, egal auf welchem Schiff.
Das Motto der Bruderschaft prägte ein deutscher Kapitän in den 1950er Jahren, der überrascht war über die Herzlichkeit und Freundlichkeit, mit der er so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich empfangen wurde: "Vive l'esprit de Saint-Malo!" - "Es lebe der Geist von Saint-Malo!"
"Der Geist von Saint-Malo", erläuterte der Kaphoornier Hans Peter Jürgens einmal in einem Interview, "ist der Geist von Völkerverständigung und Kameradschaft. Das Wissen, dass nur alle gemeinsam die Herausforderung der stürmischen See vor Kap Hoorn meistern können."
Die Solidarität unter Seeleuten verschiedener Nationen ist legendär. Ein gutes Beispiel dafür ist die Internationale Bruderschaft der Kapitäne auf großer Fahrt, Kaphoorniers. 35 Französische Kapitäne riefen 1937 in Saint-Malo eine zunächst rein französische Bruderschaft ins Leben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich die Organisation international; Belgier, Briten, Deutsche und anderen kamen hinzu. Sektionen der Bruderschaft entstanden auch in Chile, Dänemark, Finnland, Nordamerika, den Niederlanden, Neuseeland und anderen Ländern.
Stand die Mitgliedschaft zunächst nur Kapitänen offen, die ein Schiff um Kap Hoorn kommandiert hatten, durften später auch Seeleute Mitglieder werden, die ihr Patent erst nach der Umrundung erwarben.
In den 1960er Jahren zählten die Kaphoorniers rund 2.600 Mitglieder. Symbol der internationalen Bruderschaft war der Albatros, ein oft gesehener Begleiter von Schiffen auf See. Auch glauben Seeleute, dass die Seelen verstorbener Kameraden in Albatrossen Gestalt annehmen.
Die Bruderschaft wollte vor allem die Kameradschaft unter den Seeleuten, die die außergewöhnliche Erfahrung einer Kap-Hoorn-Umrundung mitgemacht hatten, fördern und erhalten. Regelmäßig kam man zu Treffen zusammen, schwelgte in Erinnerungen an die Schiffe und an den Mut der Besatzungen.
Die Bruderschaft bewahrte auch das Andenken derer, die auf See umkamen. So entstand auf Anregung der deutschen Kaphoorniers das Bronzemonument Madonna der Meere, das seit 1985 auf dem Fischmarkt in Altona steht.
Über die Jahrzehnte nahm die Mitgliederzahl der Bruderschaft stetig ab. Es gab einfach keinen Nachwuchs mehr; 1949 war der letzte Frachtsegler, die Pamir, um Kap Hoorn gesegelt. 2003 beschloss man daher die Auflösung der Internationalen Bruderschaft. Die deutsche Sektion schloss 2004.
Einen anderen Weg ging die chilenische Bruderschaft: Sie nimmt inzwischen alle Kapitäne auf, die Kap Hoorn umfahren sind, egal auf welchem Schiff.
Das Motto der Bruderschaft prägte ein deutscher Kapitän in den 1950er Jahren, der überrascht war über die Herzlichkeit und Freundlichkeit, mit der er so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich empfangen wurde: "Vive l'esprit de Saint-Malo!" - "Es lebe der Geist von Saint-Malo!"
"Der Geist von Saint-Malo", erläuterte der Kaphoornier Hans Peter Jürgens einmal in einem Interview, "ist der Geist von Völkerverständigung und Kameradschaft. Das Wissen, dass nur alle gemeinsam die Herausforderung der stürmischen See vor Kap Hoorn meistern können."



