Stolz am Wind
Einst waren die Windjammer die schnellsten Schiffe der Welt und machten Rekordreisen um den Globus. Über hundert Meter lang, die Masten rund fünfzig Meter hoch, ziehen sie noch heute die Menschen in ihren Bann.Windjammer im Hamburger Hafen um 1900. Das Schiff links weist die typische Bemalung der Flying-P-Liner auf: schwarz, weiß und rot.
Bootsmänner brüllen Befehle, woraufhin einige der Jungen die Masten erklimmen, andere Taue zurren, wieder andere Stahlseile von den Winden drehen. Wenige Minuten später blähen sich die Segel, das Schiff gewinnt an Fahrt, rauscht übers Meer.
Herrscher der Langstrecken
Die Krusenstern ist ein Segelschulschiff des russischen Fischereiministeriums. Auf ihr lernt der Nachwuchs der Fischereiflotte mit Tau und Segel umzugehen. Segelschulschiffe gibt es in vielen Ländern, doch die Krusenstern ist etwas Besonderes: Sie ist einer der letzten historischen Windjammer, die zwischen den 1870er und 1950er Jahren als Frachtschiffe die Weltmeere befuhren.
Die Geschichte des Großseglers begann 1926: Unter dem Namen Padua lief er vom Stapel und wurde von der Reederei F.Laeisz in Hamburg in Dienst gestellt. F.Laeisz war zu jener Zeit eine der letzten Reedereien, die noch Windjammer unterhielten. Dampfschiffe hatten die Segler damals als Frachtschiffe weitgehend abgelöst.
Eine Ausnahme bildeten Langstrecken, waren sie doch für Dampfer unrentabel, da die Schiffe viel Brennstoff mitführen mussten. Segelschiffe hatten dieses Problem nicht. Bei günstigem Wind konnten sie sogar mit der Geschwindigkeit ihrer dampfbetriebenen Konkurrenten mithalten.
Rohstoff für Sprengstoff
Eine häufige Langstrecke für Großsegler war die so genannte Salpeterfahrt: Per Schiff holte man Salpeter aus Chile für die Herstellung von Sprengstoff nach Europa. Auf dieser Strecke erwarben die Windjammer der Reederei F.Laeisz ihren guten Ruf. Da ihre Namen alle mit P begannen, hießen sie zunächst P-Liner - Geschwindigkeit und Robustheit brachten ihnen schließlich den Spitznamen Flying-P-Liner ein.
"Meine Schiffe können und sollen schnelle Reisen machen!", verkündete der Reeder Carl Laeisz Ende des 19. Jahrhunderts. Und sie taten es, vor allem die Padua/Krusenstern: Für ihre Jungfernreise von Hamburg nach Talcahuano in Chile benötigte sie nur 87 Tage.
Kap der Gefahren
Der gefährlichste Teil jeder Salpeterfahrt war die Umrundung von Kap Hoorn. Die Region um das Kap ist vor allem wegen der Stürme berüchtigt: Der Wind saust hier ungebremst um die Erde, da in diesen Breiten kein Land liegt. Von Norden kommen häufig Tiefs, die Anden lenken sie in Richtung Kap. Stürme, Nässe und Kälte machen das Segeln zur Qual. Weit nach Süden ausweichen können Schiffe nicht - wegen der Nähe zur Antarktis herrscht dort Eisberggefahr.
Vielen Mannschaften wurde Kap Hoorn zum Verhängnis - rund sechshundert Schiffe sollen hier untergegangen sein. Flying-P-Liner gehörten nicht dazu, keines der Salpeterschiffe ging am Kap verloren. Einem von ihnen, der Priwall, gelang 1938 sogar die schnellste Umrundung: Sie benötigte nur fünf Tage und vierzehn Stunden.
Schinderei und Stolz
Von den Strapazen einer Salpeterfahrt berichtet der siebzehnjährige Schiffsjunge Herbert Schrödter in seinem Tagebuch. Er fuhr 1927 mit der Padua nach Chile - in sieben Tagen gelang ihr ebenfalls eine schnelle Kapumrundung. Nachdem das Schiff in Talcahuano und Valparaíso Halt gemacht hatte, löschte die Besatzung die Ladung in Iquique und lud Salpeter - dann ging es auf die Heimreise.
Nach sieben Monaten auf See lief die Padua im Januar 1928 wieder in Hamburg ein. Trotz Schindereien, schlechtem Essen, Stürmen und der langen Zeit auf See blieb für Herbert Schrödter ein Trost: "Der Stolz nach beendeter Rekordreise. Man flucht entsetzlich, aber hinterher ist man doch stolz auf die Leistung."
Im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum zeigt ein Modell, wie Getreidesäcke sicher unter Deck verstaut wurden - rutschende Ladung konnte ein Schiff sonst leicht zum Kentern bringen.
Mit der Weltwirtschaftskrise und der künstlichen Herstellung von Kaliumnitrat, die die Einfuhr von Salpeter überflüssig machte, kam auch das Ende der Salpetertransporte. Die Reederei F.Laeisz musste einige ihrer Schiffe, darunter die Pommern, die Passat und die Pamir, an den finnischen Reeder Gustaf Erikson verkaufen. Unter finnischer Flagge gingen sie erneut auf weite Reisen: Ihre Aufgabe war nun der Getreidetransport aus Australien.
Von 1921 bis 1939 und in den Jahren 1946 und 1949 wurde auf der Strecke Australien-Europa die so genannte Weizenregatta ausgetragen: Die mit Getreide beladenen Großsegler starteten zeitgleich in Australien, wer zuerst in Europa eintraf, erlangte Ehre und Prestige. Zehnmal gelang es Flying-P-Linern, zu gewinnen, neunmal davon segelten sie für Gustaf Erikson.
Ein nasses Grab
Die Ära der Fracht fahrenden Windjammer gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg an ihr Ende. Als Reparationsleistung ging die Padua an die Sowjetunion und erhielt ihren neuen Namen, Krusenstern. Wie sie wurden zahlreiche Windjammer in Segelschulschiffe umgewidmet, darunter auch die Pamir und die Passat, die 1949 noch eine letzte Weizenregatta bestritten hatten. 1957 geriet die Pamir in einen Hurrikan und ging unter, die Passat wurde kurz darauf außer Dienst gestellt. Der letzte Großsegler auf Frachtfahrt war die peruanische Omega - sie sank 1958.
Viele Segelschiffe der Windjammerära fanden in den Kriegen, aber auch aufgrund von Stürmen, Lecks und Zusammenstößen ein nasses Grab. Das letzte noch heute im Dienst befindliche Schiff dürfte die Krusenstern sein. Drei weitere Flying-P-Liner laden inzwischen als Museumsschiffe Besucher und Übernachtungsgäste ein: Die Pommern in Mariehamn (Finnland), die Peking in New York (USA) und die Passat in Lübeck-Travemünde.
Die nächste Generation
Die meisten Windjammer neuer Generation sind Schulschiffe, etwa die Gorch Fock der Deutschen Marine oder die aus der Bierwerbung bekannte, mit grünen Segeln ausgestattete Alexander von Humboldt.
Der schnellste Windjammer fährt unter russischer Flagge: Die Mir hat unter anderem den Sieg bei der Großen Kolumbus-Regatta 1992 errungen. Viele Schulschiffe stellen übrigens Plätze für zahlende Mitreisende zur Verfügung: Als Trainee kann man den Schiffsalltag kennen lernen, die Weite des Meeres genießen und selber mit anpacken.
Was fasziniert Menschen im 21. Jahrhundert so an den großen Segelschiffen, dass sie als Trainees anheuern oder bei Windjammerparaden und Regatten zu Hunderttausenden die Häfen bevölkern? Liegt es an der Schönheit der Segler, an ihrer Anmut, ihrer beeindruckenden Größe, den hohen Masten, die stolz in den Himmel ragen, den Segeln, die wie Wolken im Wind stehen? Oder ist es Sehnsucht nach dem Meer, nach Freiheit, nach atemberaubenden Sonnenuntergängen auf offener See und dem Rauschen des Ozeans?
Abenteuer und Prestige
Vielleicht, ja nur vielleicht hängt es auch mit der Erinnerung an alte Zeiten zusammen - an Zeiten, als Schiffe ohne Maschinen fuhren, kein Rattern und Rumpeln aus dem Schiffsrumpf drangen. Damals packte der Mensch selbst noch mit Muskelkraft an und trotzte den Elementen, setzte Segel statt Knöpfe zu drücken und Hebel umzulegen. Damals bedeutete Seefahrt nicht Luxusliner und Sonnendeck sondern Gefahr und Abenteuer, nicht Erholung und Entspannung sondern Kampf gegen die Elemente - und daran erinnern uns die Windjammer.
Urte Paul (aktualisiert 22.07.2011)
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Die den Wind drücken
Windjammer heißen große Segelschiffe aus Eisen oder Stahl, die seit etwa 1870 gebaut werden. Meist handelt es sich dabei um Barken oder Vollschiffe mit drei oder vier Masten - Fünfmaster (wie die Flying-P-Liner Potosí und Preußen) sind die Ausnahme.
Die Windjammer gingen aus den Klippern hervor und dienten ursprünglich als Frachtschiffe für Salpeter, Getreide, Zement und Guano. Sie fuhren hauptsächlich auf Langstrecken über die tiefen Ozeane, weshalb sie auch Tiefwassersegler genannt wurden.
Heute sind sie vor allem Segelschulschiffe oder werden für touristische Zwecke betrieben. Bewundern kann man sie bei jährlichen Windjammerparaden und -regatten, zum Beispiel während der Kieler Woche oder zur Baltic Sail.
Der Begriff Windjammer hat übrigens nichts mit Klagen und Jammern zu tun - er leitet sich ab vom englischen Verb "to jam the wind" und bedeutet in etwa "Schiffe, die vom Wind gedrückt werden".
Windjammer heißen große Segelschiffe aus Eisen oder Stahl, die seit etwa 1870 gebaut werden. Meist handelt es sich dabei um Barken oder Vollschiffe mit drei oder vier Masten - Fünfmaster (wie die Flying-P-Liner Potosí und Preußen) sind die Ausnahme.
Die Windjammer gingen aus den Klippern hervor und dienten ursprünglich als Frachtschiffe für Salpeter, Getreide, Zement und Guano. Sie fuhren hauptsächlich auf Langstrecken über die tiefen Ozeane, weshalb sie auch Tiefwassersegler genannt wurden.
Heute sind sie vor allem Segelschulschiffe oder werden für touristische Zwecke betrieben. Bewundern kann man sie bei jährlichen Windjammerparaden und -regatten, zum Beispiel während der Kieler Woche oder zur Baltic Sail.
Der Begriff Windjammer hat übrigens nichts mit Klagen und Jammern zu tun - er leitet sich ab vom englischen Verb "to jam the wind" und bedeutet in etwa "Schiffe, die vom Wind gedrückt werden".
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Auf der Padua
Das Leben auf der Padua 1927/1928 lief im Achtstundenrhythmus ab: Auf vier Stunden Wache folgten vier Stunden, in denen alles andere - Essen, Schlafen, Wäschewaschen - erledigt wurde. Die Arbeit an Bord war anstrengend, auch an Sonn- und Feiertagen wurde durchgeackert.
Offiziere schlugen ihre Untergebenen, die Matrosen setzten die Hackordnung an Bord mit Gewalt durch. Das Essen war scheußlich: Maden schwammen in der Suppe, im Brot lebten Käfer, der Käse war ungenießbar.
Den Schiffsjungen Herbert Schrödter beeindruckten besonders die Naturgewalten während eines Sturms: "Das große, schwere Schiff wird von den rasenden Wogen geschüttelt. Die Brecher donnern gegen die Bordwand, dass das Schiff erzittert. Man spürt es in den Füßen. Die Dünung rauscht heran und bricht krachend über dem Schiff zusammen.
Das Schiff bäumt sich auf und schießt dann wieder mit dem Klüverbaum tief in die schäumende See. Vor- und Achterdeck stehen dauernd unter Wasser. Die Pardunen und Wanten, fast armdicke Drahtseile, die die Masten halten, sind auf der Luvseite zum Zerreißen gespannt, während sie an Lee schlaff herumpendeln."
Das Leben auf der Padua 1927/1928 lief im Achtstundenrhythmus ab: Auf vier Stunden Wache folgten vier Stunden, in denen alles andere - Essen, Schlafen, Wäschewaschen - erledigt wurde. Die Arbeit an Bord war anstrengend, auch an Sonn- und Feiertagen wurde durchgeackert.
Offiziere schlugen ihre Untergebenen, die Matrosen setzten die Hackordnung an Bord mit Gewalt durch. Das Essen war scheußlich: Maden schwammen in der Suppe, im Brot lebten Käfer, der Käse war ungenießbar.
Den Schiffsjungen Herbert Schrödter beeindruckten besonders die Naturgewalten während eines Sturms: "Das große, schwere Schiff wird von den rasenden Wogen geschüttelt. Die Brecher donnern gegen die Bordwand, dass das Schiff erzittert. Man spürt es in den Füßen. Die Dünung rauscht heran und bricht krachend über dem Schiff zusammen.
Das Schiff bäumt sich auf und schießt dann wieder mit dem Klüverbaum tief in die schäumende See. Vor- und Achterdeck stehen dauernd unter Wasser. Die Pardunen und Wanten, fast armdicke Drahtseile, die die Masten halten, sind auf der Luvseite zum Zerreißen gespannt, während sie an Lee schlaff herumpendeln."
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Landratten an Bord
Wer wissen will, wie sich Sir Francis Drake - der britische Admiral und Freibeuter - auf seinen Schiffsreisen gefühlt hat, sollte auf einem Großsegler anheuern. Hier hat man zwar keinen persönlichen Einfluss auf die Steuerung des Schiffes, dafür kann man den Alltag in einer großen Mannschaft erleben. Es gibt Vereine und Stiftungen, die Reisen auf berühmten Segelschiffen anbieten - als Crewmitglied. "Learning by doing" ist die Devise.
Die Stammbesatzung bringt den Trainees, wie die Mitsegler genannt werden, Grundbegriffe des Segelns und die Aufgaben auf einem Segelschiff bei. Von der Teilnahme an Segelmanövern, dem Wache gehen und "Reinschiff machen" bis zum Kochen und Backen für die Besatzung arbeiten sich die Amateur-Matrosen durch alle Aufgabenbereiche.
Und wer den Werbetraum leben möchte: Das Schiff mit den grünen Segeln ("Dream your dream...") gehört der Deutschen Stiftung Sail Training (DSST) aus Bremerhaven und dient als "Windjammer für die Jugend". 25 Mann Stammbesatzung bringen auf Törns jeweils 35 Trainees die Grundlagen des Segelns bei, und das auf wahrhaft historischem Boden.
Die Alexander von Humboldt, so der Name des Schiffs, wurde 1906 gebaut, hat eine Länge von knapp 63 Metern und eine Segelfläche von über 1.000 Quadratmetern. Seit ihrer Indienststellung als Segelschulschiff 1988 hat die "Alex", wie sie von ihren Freunden liebevoll genannt wird, achtmal den Atlantik überquert und mehr als 400.000 Seemeilen zurückgelegt. Das entspricht 18mal dem Umfang des Äquators.
Fast 40.000 Trainees, männlich und weiblich, aus Deutschland, Europa und Übersee, wurden in traditioneller Seemannschaft ausgebildet. Unter anderem segelt das Schiff auf Humboldts Spuren in südamerikanischen und karibischen Gewässern. Der hatte sich vor über zweihundert Jahren von Europa aus auf große Südamerika-Expedition begeben - mit einem Segelschiff.
Wer wissen will, wie sich Sir Francis Drake - der britische Admiral und Freibeuter - auf seinen Schiffsreisen gefühlt hat, sollte auf einem Großsegler anheuern. Hier hat man zwar keinen persönlichen Einfluss auf die Steuerung des Schiffes, dafür kann man den Alltag in einer großen Mannschaft erleben. Es gibt Vereine und Stiftungen, die Reisen auf berühmten Segelschiffen anbieten - als Crewmitglied. "Learning by doing" ist die Devise.
Die Stammbesatzung bringt den Trainees, wie die Mitsegler genannt werden, Grundbegriffe des Segelns und die Aufgaben auf einem Segelschiff bei. Von der Teilnahme an Segelmanövern, dem Wache gehen und "Reinschiff machen" bis zum Kochen und Backen für die Besatzung arbeiten sich die Amateur-Matrosen durch alle Aufgabenbereiche.
Und wer den Werbetraum leben möchte: Das Schiff mit den grünen Segeln ("Dream your dream...") gehört der Deutschen Stiftung Sail Training (DSST) aus Bremerhaven und dient als "Windjammer für die Jugend". 25 Mann Stammbesatzung bringen auf Törns jeweils 35 Trainees die Grundlagen des Segelns bei, und das auf wahrhaft historischem Boden.
Die Alexander von Humboldt, so der Name des Schiffs, wurde 1906 gebaut, hat eine Länge von knapp 63 Metern und eine Segelfläche von über 1.000 Quadratmetern. Seit ihrer Indienststellung als Segelschulschiff 1988 hat die "Alex", wie sie von ihren Freunden liebevoll genannt wird, achtmal den Atlantik überquert und mehr als 400.000 Seemeilen zurückgelegt. Das entspricht 18mal dem Umfang des Äquators.
Fast 40.000 Trainees, männlich und weiblich, aus Deutschland, Europa und Übersee, wurden in traditioneller Seemannschaft ausgebildet. Unter anderem segelt das Schiff auf Humboldts Spuren in südamerikanischen und karibischen Gewässern. Der hatte sich vor über zweihundert Jahren von Europa aus auf große Südamerika-Expedition begeben - mit einem Segelschiff.



