Dynastie Romanow
Blutsauger waren sie, aus dem Blickwinkel sowjetischer Propaganda: Sie mussten herhalten für alle Finsternis im russischen Reich. Doch als Stalin aufs russische Nationalgefühl spekulierte, änderte sich das Bild.Die Welt, in die sie kamen, war vom Chaos geprägt: smutnoje wremja oder smuta nennen Russen jene Periode am Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert. Zu deutsch heißt das "Zeit der Wirren", steht aber auch für nebelverhüllte, unüberschaubare Landschaften - in unserem Fall für blutgetränkte Schlachtfelder, wüste Dörfer, geplünderte Herrensitze und daniederliegende Städte.
Katastrophales Erbe
Tatsächlich schien das alte Moskowiterreich am Ende. Die letzten Zaren der Rjurikiden-Dynastie, Iwan der Schreckliche und dessen Sohn Fjodor, hatten ein katastrophales Erbe hinterlassen. Im Wirbel um den "plebejischen" Wahlzaren Boris Godunow und eine Reihe von Thronanwärtern waren diverse Herrschaftszentren entstanden, meist gruppiert um Bojarensippen, die von Moskau aus mehr gegen als miteinander regierten. Polen und Schweden nutzten das Machtvakuum weidlich, um eigene Interessen durchzusetzen.
Der Zar im Kloster
Es ist beinahe ein Wunder, dass die russische Gesellschaft in solcher Lage Kräfte mobilisierte, die dem Chaos Einhalt geboten. Ein Heer aller Stände - der Fleischhauer Kusma Minin und der Fürst Posharski an der Spitze - befreite die Hauptstadt von polnischen Invasoren und plündernden Kosaken. Dort wählte man im Februar 1613 Michail Romanow - Mitglied eines der konkurrierenden Bojarengeschlechter und Verwandter des Hauses der Rjurikiden - zum Oberhaupt. Erst im März fanden aus Moskau gesandte Boten den künftigen Zaren im Ipatjew-Kloster in der Nähe von Kostroma.
Gutes Zar-Väterchen?
Die Art der Wahl des Michail Romanow, er herrschte von 1613 bis 1645, setzte das Leitmotiv für die neue Dynastie: Getragen vom Volk sollte sie sein, auf göttliche, mystische Weise mit dem Volk verbunden. "Batjuschka-Zar", das gute Zar-Väterchen der Märchen, hat hier seine historische Wurzel: der Zar kennt die Bauern und ihre Nöte, verteidigt sein Volk gegen Machtgier und Arroganz der bösen Bojaren. Doch was wirklich hinter dem dichten Schleier des byzantinischen Hofrituals geschah, blieb dem schon nach Millionen zählenden Volk der Russen verborgen - und dem Ausland mindestens ebenso.
Einigendes Symbol
Wahrscheinlich war ein derart dichter Schleier vonnöten, um die mythische Überhöhung der Zarengestalt, ihren Charakter als einigendes, identitätsstiftendes Symbol, zu bewahren. Denn die weitere Geschichte Russlands, und damit der Dynastie der Romanows, bewegt sich in einem scharfen Widerspruch: Rus kontra Rossija, das russische Volk, bodenständig und im alten Glauben verhaftet, auf der einen, das Imperium, mit seinen Zwängen und seinem Streben zur Moderne, auf der anderen Seite. Das Imperium beginnt gerade jetzt, am Anfang des 17. Jahrhunderts, zu wachsen. Immer weiter werden die Grenzen gezogen: an der Wolga gen Süden, Richtung Osten im sibirischen Raum, nach Norden an die See, und später nach Westen...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Zaren | ![]() |
Infobox
Der Modernisierer
Peter I., geboren am 9. Juni 1672, setzte als erster russischer Herrscher bewusst das bürokratische Prinzip gegen die alten, traditionellen Beziehungsgeflechte. Eine effizient funktionierende Verwaltung nach westlichem Vorbild, eine schlagkräftige Armee, gestützt von aufblühendem Manufakturwesen - das waren nur einige seiner teilweise erreichten Ziele.
Nach außen erweiterte Peter die Macht des Imperiums um den Zugang zur Ostsee (Sieg gegen Schweden in der Schlacht bei Poltawa 1709) und bekämpfte den türkischen Einfluss im Süden. "Da Peter sich völlig der Technik verschrieben hatte, betrachtete er auch seine Untertanen nur als 'Menschenmaterial', das gut durchgeschüttelt, umgeformt und zum Nutzen des Staates verwendet werden sollte.
Sein Regime machte zwar Geschichte, aber persönlich fehlte ihm für Geschichte jeder Sinn. Er hätte sonst kaum das Volk jener Mystik beraubt, mit der es seine Vorstellungen von Herrschaft zu umgeben gewohnt war", stellt die Romanow-Expertin E. M. Almedingen fest. Peter I. starb 1725 in Petersburg, der Stadt, die er 1703 gegründet hatte.
Peter I., geboren am 9. Juni 1672, setzte als erster russischer Herrscher bewusst das bürokratische Prinzip gegen die alten, traditionellen Beziehungsgeflechte. Eine effizient funktionierende Verwaltung nach westlichem Vorbild, eine schlagkräftige Armee, gestützt von aufblühendem Manufakturwesen - das waren nur einige seiner teilweise erreichten Ziele.
Nach außen erweiterte Peter die Macht des Imperiums um den Zugang zur Ostsee (Sieg gegen Schweden in der Schlacht bei Poltawa 1709) und bekämpfte den türkischen Einfluss im Süden. "Da Peter sich völlig der Technik verschrieben hatte, betrachtete er auch seine Untertanen nur als 'Menschenmaterial', das gut durchgeschüttelt, umgeformt und zum Nutzen des Staates verwendet werden sollte.
Sein Regime machte zwar Geschichte, aber persönlich fehlte ihm für Geschichte jeder Sinn. Er hätte sonst kaum das Volk jener Mystik beraubt, mit der es seine Vorstellungen von Herrschaft zu umgeben gewohnt war", stellt die Romanow-Expertin E. M. Almedingen fest. Peter I. starb 1725 in Petersburg, der Stadt, die er 1703 gegründet hatte.



