Feindliche Brüder
Sein Pakt mit Stalin gab Hitler den Weg zum Angriff auf Polen frei. - Das im August 1939 geschlossene Bündnis beleuchtet den wahren Charakter des größten militärischen Konflikts der Geschichte.Am 29. September 1938 unterzeichneten der britische Premier Neville Chamberlain, Frankreichs Ministerpräsident Daladier, Italiens Staatschef Mussolini und Hitler das Münchner Abkommen. Es ermächtigte Deutschland zur Besetzung von bisher tschechoslowakischen Gebieten - und es legalisierte Hitlers erste, noch unblutige Eroberungen. (Bild: Bundesarchiv,Lizenz:
CreativeCommons)
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In den Berliner Botschaften der großen Mächte bestand dauernder Alarmzustand: Was bringen die nächsten Tage? Wer wird mit wem Bündnisse schließen, und gegen wen? Informelle Kontakte verlegte man gern in eines der zahllosen Restaurants und Cafés der Reichshauptstadt.
Gemeinsame Gegner
So hatte am Abend des 27. Juli auch das Berliner Nobelrestaurant Ewest illustre Gäste. An einem schwer zu belauschenden Ecktisch tauschten der deutsche Legationsrat Karl Julius Schnurre und zwei hochrangige sowjetische Diplomaten höchst ungewöhnliche Ansichten aus: Schnurre schien den tiefen ideologischen Graben zwischen Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus mit sorgsam gesetzten Worten gleichsam zuschütten zu wollen.
Klar, dass es um Bündnisse ging, denn der Deutsche legte den Akzent auf Verbindendes: auf die gemeinsame Gegnerschaft Nazideutschlands und der Sowjetunion zu den westlichen, kapitalistischen Demokratien.
Ein Angebot
"Was könnten England und Frankreich der Sowjetunion denn bieten?", fragte Schnurre. "Bestenfalls die Verwicklung in einen europäischen Krieg und die Feindschaft Deutschlands. Was können wir euch dagegen bieten? Neutralität, und, wenn Moskau will, eine Verständigung über beiderseitige Interessen, die sich zum Vorteil beider Länder auswirken würde." Außenpolitische Gegensätze, so Schnurre, bestünden nicht, auf der ganzen Linie von der Ostsee und dem Schwarzen Meer bis zum Fernen Osten.
Volkskommissar Molotow, Stalin und der Sowjetmarschall Woroschilow auf einem Foto der Prawda von 1937.
Die Angelegenheit war also wichtig genug für ein chiffriertes Blitztelegramm Astachows an Wjatscheslaw Molotow, Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten in Moskau. Molotow wiederum informierte unverzüglich seinen Chef über die außerordentliche Offerte: den "Woschd", also den Führer der Sowjetunion, Jossif Wissarionowitsch Stalin.
Konferenz im Kreml
Zweiter Schauplatz: Moskau. In einem prunkvollen Saal des Moskauer Kreml schleppten sich zur gleichen Zeit zähe Verhandlungen dahin. An der langen, üppig mit Wodka und Cognac ausgestatteten Tafel konferierten seit Wochen eher nachrangige britische und französische Militärs und Beamte mit sowjetischen Spitzenvertretern. Ziel des Besuchs der vielköpfigen britisch-französischen Delegation war ein militärpolitischer Dreierpakt, der Hitler in die Schranken weisen sollte.
Anlass gab es zuhauf: Hatte nicht die Wehrmacht erst am 15. März unter Bruch des Münchner Abkommens - freilich ohne einen Schuss abzugeben - die Tschechoslowakei besetzt? War die Politik des Appeasement, des Entgegenkommens und behutsamen Umgangs mit Hitler, damit nicht offenkundig gescheitert?
Zum Verdruss vieler Europäer musste Großbritanniens Premier Neville Chamberlain den Fehlschlag sogar unumwunden eingestehen: Chamberlain - derselbe Mann, der im Jahr zuvor enthusiastisch verkündet hatte, in München den "Frieden in unserer Zeit" gerettet zu haben. Doch was nun? ...
Teil 1: Bündnisfragen
Teil 2: Spiel um Einflusssphären
Teil 3: Herzlicher Empfang
Teil 4: Die Rechnung geht auf
Teil 2: Spiel um Einflusssphären
Teil 3: Herzlicher Empfang
Teil 4: Die Rechnung geht auf
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Infobox
Wichtige Ereignisse von 1935 bis 1941
29. September 1938: Im Münchner "Führerbau" unterzeichnen Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, Hitler und Mussolini das Münchner Abkommen. Hitler erhält damit die Legitimation zur Eingliederung des Sudetenlandes und anderer vorwiegend deutschsprachiger Teile der Tschechoslowakei - und erklärt, dass Deutschland keine weiteren territorialen Wünsche habe.
15. März 1939: Deutschland besetzt das verbliebene tschechische Territorium militärisch. Ein beabsichtigter Effekt ist die Übernahme der tschechischen Rüstungsindustrie und der Prager Devisenbestände. Die Slowakei ist nun ein eigener, mit Deutschland durch "Schutzabkommen" verbundener Staat. Großbritannien und Frankreich protestieren diplomatisch. Klar ist aber jetzt, dass Hitlers Expansionen auch auf ethnisch nichtdeutsche Gebiete zielen.
28. März 1939: Der Spanische Bürgerkrieg endet mit dem Sieg des Generals Franco. Hitler hat es verstanden, den Konflikt mittels genau dosierter Hilfe hauptsächlich für Franco möglichst lange am Kochen zu halten, um die Weltöffentlichkeit von seiner Revisionspolitik abzulenken. Stalin half zwar in geringerem Umfang der Gegenseite, war aber sorgsam darauf bedacht, mit Deutschland nicht in direkten Konflikt zu geraten.
(Fortsetzung in Teil 2)
Februar 1935: Das Saarland wird nach einer Volksabstimmung wieder Teil des Deutschen Reiches. Seit 1920 bis 1935 stand es unter Verwaltung des Völkerbunds. Hitler verbucht dies als ersten größeren außenpolitischen Erfolg.
März 1936: Deutsche Truppen besetzen das laut Versailler Vertrag entmilitarisierte Rheinland. Der auch von deutschen Generalen befürchtete Gegenschlag der Westmächte bleibt aus, obwohl die Stärke der Wehrmacht damals gering ist.
Juni 1936: David Lloyd George, britischer Premier im Ersten Weltkrieg, reist durch Deutschland und nennt Hitler voller Begeisterung den "George Washington unserer Tage".
Mai 1937: Neville Chamberlain wird britischer Premierminister. Übereinstimmend mit einer breiten, gegen kriegerische Verwicklungen gerichteten gesellschaftlichen Strömung sucht Chamberlain den Interessenausgleich mit Hitlers Regierung. Chamberlain gilt als Symbolfigur der Appeasement-Politik.
März 1938: Wehrmacht, SS und österreichische Nationalsozialisten vollziehen den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Großbritannien und Frankreich übermitteln diplomatische Protestnoten. In der Öffentlichkeit dominiert die Ansicht, Hitlers Expansionen, sofern sie Gebiete mit deutschstämmiger oder deutschsprechender Bevölkerung betreffen, seien gerechtfertigt.
29. September 1938: Im Münchner "Führerbau" unterzeichnen Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, Hitler und Mussolini das Münchner Abkommen. Hitler erhält damit die Legitimation zur Eingliederung des Sudetenlandes und anderer vorwiegend deutschsprachiger Teile der Tschechoslowakei - und erklärt, dass Deutschland keine weiteren territorialen Wünsche habe.
15. März 1939: Deutschland besetzt das verbliebene tschechische Territorium militärisch. Ein beabsichtigter Effekt ist die Übernahme der tschechischen Rüstungsindustrie und der Prager Devisenbestände. Die Slowakei ist nun ein eigener, mit Deutschland durch "Schutzabkommen" verbundener Staat. Großbritannien und Frankreich protestieren diplomatisch. Klar ist aber jetzt, dass Hitlers Expansionen auch auf ethnisch nichtdeutsche Gebiete zielen.
28. März 1939: Der Spanische Bürgerkrieg endet mit dem Sieg des Generals Franco. Hitler hat es verstanden, den Konflikt mittels genau dosierter Hilfe hauptsächlich für Franco möglichst lange am Kochen zu halten, um die Weltöffentlichkeit von seiner Revisionspolitik abzulenken. Stalin half zwar in geringerem Umfang der Gegenseite, war aber sorgsam darauf bedacht, mit Deutschland nicht in direkten Konflikt zu geraten.
(Fortsetzung in Teil 2)



