Der Sprengstoff und der Tod
Hat Alfred Nobel (1833 bis 1896) das Dynamit zufällig erfunden? Tatsache ist: ohne den Kollegen Zufall hätte einiges wohl länger gedauert. Das Leben Nobels ist mehr als einen Seitenblick wert.Nitroglyzerin: einerseits, in winziger Dosis, nützlich als Medikament - andererseits ein gefährlicher Sprengstoff.
Nitroglyzerin
Jetzt haben sie ihm winzige Pillen auf den Nachttisch gelegt: Nitroglyzerin - das Medikament, das die eng gewordenen Arterien frei sprengen soll. Nitroglyzerin! Ironien des Schicksals kann er akzeptieren. Aber Spott? Er wird das Zeug nicht berühren. Nitroglyzerin war ja immer da in seinem aktiven Leben - wie die Trauer. Seltsam, als ob die beiden Dinge seit je eines waren: das Nitroglyzerin und die Trauer, der Sprengstoff - und die Depression.
Ein Bankrott
Der Turiner Arzt, der das "Sprengöl", wie viele die neue Substanz nannten, 1847 erfunden hatte, hieß Ascanio Sobrero. Er lernte ihn kennen, damals, bei Professor Pelouze in Paris. Das war übrigens vor der Pleite von Vaters St. Petersburger Waffenfabrik. Vater, noch wohlhabend, schickte den introvertierten Sohn, 1833 geboren, quer durch Europa. Die Erfahrungen in angewandter Chemie sind ihm nützlich gewesen, fünf Sprachen fließend - auch nicht schlecht! Als der Bankrott halbwegs überstanden ist, zieht die Familie zurück nach Stockholm. Er aber bleibt, in der kleinen Wohnung in der Newastadt, und experimentiert.
Neue Eisenbahntrasse in den USA der 1860er Jahre: Auch deren Bau schafft einen riesigen Absatzmarkt für Dynamit.
Sprengstoffe sind nämlich das, was man heute "Marktlücke" nennt: Dringend verlangt die Wirtschaft nach Mitteln, die das relativ träge Schwarzpulver an Brisanz übertreffen. Sie braucht es für Tunnelbauten und für Kanäle, für Eisenbahntrassen auf nahezu allen Kontinenten. Die Sache mit dem "Sprengöl", dem Nitroglyzerin, hat allerdings einen Haken: Bei der geringsten Unvorsichtigkeit, bei jeder merkbaren Erschütterung, geht die Substanz hoch. Praktisch anwendbar, in großem Maßstab, ist Nitroglyzerin kaum.
Vorsicht Lebensgefahr
Ihm geht es nun darum, den supersensiblen Stoff irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Vorläufige Lösung soll ein eigens entwickelter Zünder sein: Das mit Schwarzpulver gefüllte Holzröhrchen, oben mit einer Lunte versehen, scheint den Umgang gefahrloser zu machen. Leider: Was für die unmittelbare Verwendung wohl zutrifft, gilt nicht für den Transport - und für weitere Experimente. Sein jüngster Bruder Emil und fünf Angestellte verlieren am 3. September 1864 durch eine Laborexplosion ihr Leben. Die Schuld sucht er bei sich. Mittlerweile agiert die Firma, dank der Einnahmen aus Zünderverkäufen, wieder europaweit. Noch mehr Explosionen - im Mai 1866 fliegt seine Fabrik nahe Hamburg in die Luft - fordern Dutzende Opfer. Viele Regierungen verbieten den Gebrauch. Ist es das Aus?
Dynamit
Der Durchbruch, die wirkliche Lösung, gelingt Ende desselben Jahres. Beim Transport von Kanistern auf der Elbe kommt Zufall ins Spiel: Durch ein kleines Leck im Behälter tropft Nitroglyzerin auf die stoßdämmende Schicht aus Kieselgur. Vermischt mit der porösen Kieselerde entsteht eine klebrige, breiartige Masse. Der Sprengstoff lässt sich nun zu länglichen Patronen pressen, ist stoßsicher, bleibt aber hochexplosiv. Er gibt dem Zufallsprodukt den Namen Dynamit - vom griechischen Wort Dynamis, Kraft...
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