Pro & Contra
Cannabis-Produkte sind als illegale Drogen hierzulande verboten. Doch die Zahl jener, welche die Legalisierung von Hanf befürworten, steigt. Hanf eine Droge? Was spricht dafür - und was dagegen?Cannabis, so der botanische Name des Hanfs, gilt als eine der umstrittensten Pflanzen unserer Zeit. Es gibt drei Sorten: Cannabis sativa, deren Blüten auch als Marihuana verwendbar sind, Cannabis indica, die wiederum für die Haschischgewinnung nutzbar ist, sowie Cannabis ruderalis, welche uns hierzulande nicht kümmern muss, weil sie ausschließlich in der ehemaligen Sowjetunion wächst.
Behaglich und entspannt
Was ist nun eigentlich der Streitpunkt am Hanf? Die Antwort lautet kurz: THC. Ausgeschrieben steht das für Delta-9-Tetra-hydrocannabinol, eben der berauschende Wirkstoff der "Cannabisdrogen" Haschisch und Marihuana. THC ist eine psychoaktive Substanz, die in ihrer Wirkung dem körpereigenen Hormon Anandamid entspricht. Wird dieses ausgeschüttet, fühlen wir uns wohl und entspannt. Gar nicht entspannt fühlt sich der deutsche Gesetzgeber beim Stichwort THC: Konsequent werden Anbau, Besitz und Erwerb sowie die Abgabe, Einfuhr und Ausfuhr von Hanf strafrechtlich verfolgt.
Konfliktreiches Thema
Ein kleiner Fortschritt könnte in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts liegen, dass bei geringen Mengen für den Eigenverbrauch Verfahren eingestellt werden sollten. Liebhaber der Pflanze sprechen dennoch von "skandalösen Umständen des Hanfverbots". Um das konfliktreiche Thema ranken sich allerlei Verschwörungstheorien, welche das Zustandekommen des Verbots betreffen. So viel steht fest: Die US-Industrie, die amerikanische Wirtschaftsmacht und ein gewisser Harry Anslinger sind nicht ganz unbeteiligt. 1925 wurde das Genfer Betäubungsmittel-Abkommen um die Kontrolle des "indischen Hanfes" erweitert. Harry Anslinger, damals Leiter der staatlichen Rauschgift- und Drogenbehörde der USA, führte von den 1930er Jahren an einen erbitterten Kampf gegen Hanf. Seine Politik verurteilte die Hanfpflanze als "Teufelskraut" und verbreitete diese Vorstellung weltweit.
Der "Oberhanfverbieter": Harry Jakob Anslinger (1892 bis 1975).
Trotz fehlenden wissenschaftlichen Rückhalts hat sich die Meinung des Herrn Anslinger bis heute in den Köpfen vieler Leute gehalten. Jede Forderung nach einem Ende des Cannabisverbots ist auch deshalb politisch heikel - ein heißes Eisen, das aus freien Stücken kaum jemand anfassen will. Dennoch, die Debatte hält an und die Frage nach dem Pro und Contra der Hanflegalisierung ist aktueller denn je. Erinnern wir uns an die Hanfkampagne der Grünen Jugend im Jahr 2002 unter dem Motto "Durch Deutschland muss ein Joint gehen".
Kiffen ist Realität
Es war eine gewagte und provokante Aktion, die erwartungsgemäß heftig kritisiert wurde. Warum? Die Antwort auf diese Frage war zugleich Anlass der Kampagne: Laut Grüner Jugend sei es an der Zeit, Schluss zu machen mit den "Ammenmärchen" über das "Mörderkraut". Sachliche Aufklärung über die Wirkung und die Risiken aller Drogen habe das Ziel zu sein. In Deutschland hätten bereits 9,5 Millionen Erwachsene Cannabis konsumiert. Mit anderen Worten: "Kiffen ist Realität" - das erfordere Beratung und nicht Drohung und Zwang. Ein Grund mehr sei dies, alte Standpunkte zu überdenken und die "verstaubte" Drogenpolitik zu reformieren.
"Schrittmacher" Cannabis
Häufigstes Contra-Argument in der Diskussion um die Legalisierung von Cannabis ist seine mögliche "Schrittmacherfunktion" für den Umstieg auf harte Drogen wie Heroin und Kokain. Dabei wird gerne darauf verwiesen, dass ein hoher Anteil der Heroinabhängigen schon mal Hanf geraucht hat. Umgekehrt betrachtet wechselte aber nur ein sehr geringer Prozentsatz der Hanfkonsumenten zu "härteren" Drogen. Außerdem haben 99% der Heroinkonsumenten vorher auch schon Nikotin und Alkohol konsumiert. Wer Hanf raucht, steigt also nicht zwingend auf härtere Drogen um.
Trennung der Märkte
Wirkliche Probleme birgt der Schwarzmarkt, der nicht nur Hanf im Angebot hat. Und dort kommen unerfahrene Jugendliche schnell mit illegalen "härteren Substanzen" in Kontakt. Folglich, so die Befürworter der Legalisierung, sei die Trennung der Märkte - in legale und illegale - ein gewichtiges Argument. Beispiel Niederlande: Dort funktioniert das Prinzip der getrennten Märkte. Holländische Jugendliche konsumieren weniger Cannabis als deutsche und es gibt weniger Heroinabhängige.
Spitzenreiter Nikotin
Aus einer Studie des US-amerikanischen Institute of Medicine aus dem Jahr 1999 ergibt sich die prozentuale, erwartungsgemäße Häufigkeit einer möglichen Abhängigkeit von verschiedenen Drogen bei deren Gebrauch: Spitzenreiter ist Nikotin mit 32 Prozent, darauf folgt Heroin mit 23, Kokain mit 17, Alkohol mit 15 und schließlich Hanf mit 9 Prozent. Nicht einmal jeder zehnte Kiffer wird abhängig, für jeden dritten Raucher ist die Sucht dagegen unausweichlich. Laut einer weiteren Studie zu den Auswirkungen des Hanfkonsums (Kleiber-Kovar-Studie) entsteht Abhängigkeit nicht durch die Wirkstoffe der Droge, sondern vielmehr aus den vorher schon vorhandenen psychischen Neigungen des Konsumenten: Süchtig wird man also nicht durch die Droge. Zur Droge kommt, wer eine Sucht-Disposition aufweist.
Die Masse bleibt beim sanften Grün: Kaum jemand steigt auf harte Drogen um.
Wie verhält es sich mit dem toxischen Gehalt der Cannabispflanze? Studien belegen: Im Unterschied zu anderen psychoaktiven Stoffen, wie Koffein, Nikotin, Kokain und Alkohol, ist THC nicht giftig. Die "Todesursache Hanf-Überdosierung" ist bisher unbekannt. Im Vergleich erweisen sich Alkohol und Nikotin als die gefährlicheren Rauschmittel. Wie auch immer, einige weitere Fragen drängen sich auf: Es wird vorausgesetzt, dass das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) unsere Volksgesundheit schützen soll. Warum aber sind dann Alkohol und Nikotin legal, werden besteuert und beworben, während Hanf auf eine Stufe mit Heroin gestellt wird? Hanfkonsumenten gehen nachweislich ein geringeres körperliches Risiko ein.
Forschung überfällig
So gesehen, meinen Befürworter der Hanflegalisierung, verstoße das BtMG gegen den Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung. Vor allem der Gebrauch und die Erforschung von Hanf als Nutzpflanze und Medizin sind längst überfällig. Restriktionen wirken kontraproduktiv. Doch da wird die Lobby der mächtigen Energieproduzenten, der Holz-, Pharma- und Ölunternehmen sowie der Alkohol- und Tabakindustrie noch ein Wort mitreden wollen. Die Hanflegalisierung würde schwere Einbußen für diese Industriezweige bedeuten. Verluste einerseits, die auf anderer Seite Gewinne wären.
Bioanbau versus Chemie
Der ökologische Anbau würde einen rasanten Aufschwung erleben und chemische Produkte von den biologischen Konkurrenten verdrängt werden. So stellen die Pharmakonzerne THC synthetisch her. Obwohl sie im Verhältnis zum natürlichen Anbau viel teurer ist, wird die Produktion weiterhin betrieben. Der Grund liegt vielleicht darin, dass die Pharmaindustrie wie manche andere Branche ganz happig verdient am Hanfverbot...
Janine Mann (11.11.2003)
Infobox
"Kiffer sind faul und träge", dieses weit verbreitete Vorurteil gilt heute als widerlegt. Es wird vermutet (noch gibt es nur wenige Studien zu diesem Thema), dass circa drei bis sechs Prozent der chronischen Konsumenten nach eigenen Angaben zeitweise an diesem Syndrom gelitten haben. Da die chronischen Konsumenten nur eine Minderheit der Konsumenten insgesamt ausmacht, hat man sich mittlerweile aufgrund der verschwindend geringen Anzahl tatsächlicher Fälle darauf geeinigt, das amotivationale Syndrom als Mythos zu bezeichnen. Experten gehen davon aus, dass das amotivationale Syndrom eher eine pubertätsbedingte Erscheinung und der Hanfkonsum weniger Auslöser als Symptom ist.


