Zweite Haut
Das hat doch was: Kleidung aus Leder! Das sei aber nichts für Softies, meinen manche. Und schon stellt sich uns die alles entscheidende Frage: Wie ist die ganz besondere Aura von Leder eigentlich zu erklären?Leder - ein edles Material für ziemlich viele Zwecke. Als der Mensch Tierhäute haltbar zu machen begann, wusste er schon, was er tat.
Ungezügelt und wild
Bereits vor vielen tausend Jahren wärmten und schützten sich Menschen mit Tierfellen und Häuten. Damit Tierhäute haltbar wurden, räucherte man sie am Feuer oder kaute sie mit den Zähnen. Die Produktion von Leder mit Hilfe von Fett oder Tran gelang erstmals in der Steinzeit vor etwa achttausend Jahren. Das Gerben mit pflanzlichen Erzeugnissen, wie Eichenrinde, oder mit Mineralien - insbesondere dem Aluminiumsalz Alaun - geht auf die Bronzezeit vor gut viertausend Jahren zurück. Und weil sich vorerst nur derjenige Leder zu Nutze machen konnte, der zuvor auch ein Tier erlegt hatte, haftet dem Leder seither der Ruf des ungezügelt Wilden und überlegen Starken an.
"Vom Leder ziehen"
Schützend wie eine zweite Haut wirkte Leder im Mittelalter, als gehobene Schichten auf Rüstzeug aus Leder schworen. Die Redensart "vom Leder ziehen" - also jemanden verbal angreifen - stammt aus dieser Zeit. Sah sich ein Ritter zum Kampf herausgefordert, zog er sein Schwert - aus der damals üblichen Lederscheide. Als Statussymbol galten dem Adel strumpfartige Beinkleider aus Leder. Damit die Schönheit der Beine besser zur Geltung kam, mussten die Hosen möglichst eng anliegen.
Die Lohgerberei mit pflanzlichen Mitteln erfordert viel Arbeitsaufwand. (Bild vom Ende des 19. Jahrhunderts)
Währenddessen änderte sich am Herstellungsprozess von Leder wenig. Der Beruf des Gerbers hatte sich schnell etabliert, war aber kaum geachtet. Wegen der starken Gerüche und des Kontakts mit faulender Haut war das Leben eines Gerbers nicht nur äußerst hart, sondern auch ungesund. Es sollte noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauern, bis sich diese Zustände etwas wandelten.
Weicher, dennoch beständig
Im Jahr 1858 entdeckte man die gerbende Wirkung von Chromsalzen, womit der Grundstein für die industrielle Massenproduktion von Lederartikeln gelegt war. Mit Hilfe dieses Verfahrens konnte Leder in sehr viel kürzerer Zeit produziert werden, war weicher, dennoch beständig und ließ sich ohne größere Probleme färben.
Statussymbol der Offiziere
Richtig in Mode kam Leder vor allem durch deutschen Einfluss: Während des Ersten Weltkriegs trugen deutsche Piloten, wie der Rote Baron Manfred von Richthofen, schwarze Lederjacken; im Zweiten Weltkrieg wurden Ledermäntel zum Statussymbol höherer Offiziere. In den 1960er Jahren zog Leder dann ein in die Haute Couture - als der französische Modeschöpfer Yves St. Laurent seine Kreationen für den Laufsteg entwarf. Zwanzig Jahre später war Leder überall zu finden und galt bald als "Jeansstoff der Achtziger".
Leder für alle
Da auch Textilien aus Kunstleder, dank niedriger Herstellungskosten und umfangreicher Variationsbreite, zur Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts in den Warenhäusern angeboten wurden, war Lederkleidung schnell für jedermann erschwinglich - und büßte damit ihren Ruf als Statussymbol ein. Galten Lederjacken zuvor in jedem Fall als chic, auch wenn sie abgewetzt und speckig waren, müssen sie heute glänzen, um edel zu wirken.
Echte Lederschuhe haben ihren Preis - dafür sind sie bequem und haltbar. Oft aber wird Leder chromgegerbt und ist daher kein reines Naturprodukt.
Seit jeher ist Leder wegen seiner vorteilhaften Eigenschaften begehrt. Viele Motorradfahrer schätzen das Material weil es selten reißt und beinahe jeglicher Witterung standhält. Für manch anderen erhöht Leder das sinnliche Empfinden, auch weil es sich hervorragend dem Körper anpasst. Sein Glanz und sein Geruch machten Leder im Laufe des 19. Jahrhunderts gar zum Fetischmaterial. Heutzutage ist Lederkleidung weder anrüchig, militant noch revolutionär. Von der Gesellschaft akzeptiert, lässt sich der Ledertragende nicht mehr in eine bestimmte Schublade stecken.
Schmuddelig und luxuriös
Leder ist zugleich normal und anders, gesittet und wild, natürlich und künstlich, hässlich und chic, billig und wertvoll, bisweilen schmuddelig und luxuriös. Nicht zuletzt deshalb kann auch Leder ein Zeichen der Gegenkultur sein, die sich innerhalb zweier Welten bewegt - also nicht nur im wörtlichen Sinne eine zweite Haut, sondern ebenso ein Mittel, um sich zu verkleiden, eine neue Identität anzunehmen, abzugrenzen und dennoch dazuzugehören.
Björn Radermacher (20.12.2006)
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Infobox
Leder ist ein Naturprodukt. Gerben heißt der Prozess, der die Haut eines Tieres für spätere Zwecke haltbar macht. Damit es soweit kommen kann, muss das abgezogene Fell entweder mit Salz konserviert oder nur gekühlt werden.
Noch vor dem eigentlichen Verfahren des Gerbens reinigt man das Tierfell in großen Fässern mit Wasser, wobei es seinen ursprünglichen Wassergehalt zurückerlangt. Schließlich befreien scharfe Messerwalzen das Fell von Fleisch- und Fettresten.
Durch Zugabe einer Kalklösung lösen sich im Äscher die Haare von der Haut. Der Stoppeln entledigt, wird die dicke Tierhaut ihrer Länge nach gespalten. Die obere Hautschicht ist strapazierfähiger, die dünnere untere Schicht kann zu Veloursleder weiterverarbeitet werden.
Beim Gerben selbst behandelt man die Haut mit mineralischen Chromsalzen, worauf die Hautfasern die Gerbstoffe aufnehmen und sich stabilisieren. Das so entstandene dauerhaft beständige Leder wird entwässert und in der Presse auf die gewünschte Stärke gefalzt. Der beabsichtigte Härtegrad ergibt sich durch Zugabe von Fetten.
Nach dem Trocknen unterzieht man die Tierhaut einer abschließenden Oberflächenbehandlung, die das endgültige Aussehen des Leders bestimmt. Das Zuschneiden kann beginnen.
Noch vor dem eigentlichen Verfahren des Gerbens reinigt man das Tierfell in großen Fässern mit Wasser, wobei es seinen ursprünglichen Wassergehalt zurückerlangt. Schließlich befreien scharfe Messerwalzen das Fell von Fleisch- und Fettresten.
Durch Zugabe einer Kalklösung lösen sich im Äscher die Haare von der Haut. Der Stoppeln entledigt, wird die dicke Tierhaut ihrer Länge nach gespalten. Die obere Hautschicht ist strapazierfähiger, die dünnere untere Schicht kann zu Veloursleder weiterverarbeitet werden.
Beim Gerben selbst behandelt man die Haut mit mineralischen Chromsalzen, worauf die Hautfasern die Gerbstoffe aufnehmen und sich stabilisieren. Das so entstandene dauerhaft beständige Leder wird entwässert und in der Presse auf die gewünschte Stärke gefalzt. Der beabsichtigte Härtegrad ergibt sich durch Zugabe von Fetten.
Nach dem Trocknen unterzieht man die Tierhaut einer abschließenden Oberflächenbehandlung, die das endgültige Aussehen des Leders bestimmt. Das Zuschneiden kann beginnen.
Infobox
Chromgegerbtes Leder besteht zu einem Fünftel aus chemischen Substanzen. Als Gerbstoffe dienen bei der industriellen Produktion von Leder üblicherweise Chrom-III-Salze. Die verbleibenden Substanzen können in hoher Konzentration problematisch für Allergiker sein.
Sehr viel bedenklicher sind jedoch Chrom-VI-Verbindungen, die als Verunreinigung vorkommen, krebserregend sind und über den Produktionsprozess hinaus im Leder bleiben können. So wurden die giftigen Chemikalien bereits in Produkttests nachgewiesen. Zwar ist Deutschland in der umweltverträglichen Lederherstellung führend, in der Praxis können Richtlinien jedoch nicht weltweit durchgesetzt werden.
Da das chemische Verfahren am billigsten und das so entstandene Leder weicher und gleichzeitig widerstandsfähiger als pflanzlich gegerbtes Leder ist, werden weltweit gut achtzig Prozent der Lederwaren chromgegerbt. Um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen, ist es erforderlich, dass die bei der Gerbung und Färbung eingesetzten Chemikalien deklariert werden und Allergiker auf problematische Stoffe hingewiesen werden.
Sehr viel bedenklicher sind jedoch Chrom-VI-Verbindungen, die als Verunreinigung vorkommen, krebserregend sind und über den Produktionsprozess hinaus im Leder bleiben können. So wurden die giftigen Chemikalien bereits in Produkttests nachgewiesen. Zwar ist Deutschland in der umweltverträglichen Lederherstellung führend, in der Praxis können Richtlinien jedoch nicht weltweit durchgesetzt werden.
Da das chemische Verfahren am billigsten und das so entstandene Leder weicher und gleichzeitig widerstandsfähiger als pflanzlich gegerbtes Leder ist, werden weltweit gut achtzig Prozent der Lederwaren chromgegerbt. Um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen, ist es erforderlich, dass die bei der Gerbung und Färbung eingesetzten Chemikalien deklariert werden und Allergiker auf problematische Stoffe hingewiesen werden.



