Schwarze Kunst
Johannes Gutenberg erfand um 1450 den Druck mit beweglichen Lettern und verhalf so dem Buchdruck in Europa zum Durchbruch - der wichtigste kulturelle Einschnitt in der Geschichte des Abendlandes.Erste Seite der so genannten Gutenberg- Bibel. Von 1452 bis 1454 entstanden 180 Exemplare in Gutenbergs Werkstatt.
Starkes Doppel
Gutenbergs Erfindung bestand in einer Methode, metallene Lettern aneinanderzureihen. So genannte Typen, also fast völlig gleiche Lettern, bildeten die Grundlage. Standen genug Exemplare eines Buchstabens zur Verfügung, konnte man nun beliebig lange Texte "setzen". Das Prinzip der beweglichen, austauschbaren Lettern und Gutenbergs präzise gefertigte Gussformen waren ein starkes Doppel. Sie ermöglichten die Herstellung identischer Druck-Buchstaben und verhalfen dem modernen Buchdruck zum Durchbruch. Am Anfang stand übrigens noch der Holzschnitt Pate - dem Erfinder der modernen Drucktechnik schien es zunächst naheliegend, Buchstaben aus Holzblöcken zu schneiden.
Sand und Messing
Später hatte Gutenberg die Idee, jeden einzelnen Buchstaben aus Messing zu gießen. Gussformen aus Sand legten die Gestalt der Buchstaben fest. Da Messing aber zu weich war, hielt es den Druck der Presse nicht lange aus. Und der Gusssand war letztlich zu unpräzise, um große Mengen tatsächlich gleicher Buchstaben zu erzeugen. Nach vielen Experimenten fand Gutenberg zu einer Mischung aus Blei und Zinn für die Lettern, die in metallischen Gussformen ihre Gestalt erhielten.
Eine komplexe Maschinerie
Gutenberg entwarf auch eine Schiene, heute Winkelhaken genannt, in der die einzelnen Lettern zu Wörtern und Zeilen kombiniert und auf ihrem Platz arretiert wurden. Mehrere Schienen bildeten dann die Buchseite, in der Handpresse mit Farbe versehen und auf das Papier gedrückt. Im Grunde ist Gutenbergs "Erfindung" eine komplexe Maschinerie, vom Gießen der Lettern über die Herstellung der Druckfarbe bis zu den Vorrichtungen des Setzens und Druckens, die erstmals eine menschliche Tätigkeit, die Schrift, mechanisierte.
Johannes Gutenberg (um 1400-1468) und seine Mitarbeiter verstanden sich nicht als Massenproduzenten: Sie machten Kunst.
Aldo Manunzio
Die Auflagenhöhe der ersten mit der neuen Technik gedruckten Bücher stieg schnell. So wurden 1460, auf dem Höhepunkt von Gutenbergs Schaffen, durchschnittlich zweihundert Kopien pro Ausgabe angefertigt, 1480 waren es fünfhundert, 1490 bereits etwa tausend. Rasch verbreitete sich Gutenbergs Technologie in ganz Europa. Noch aus einem anderen Grund ist das Jahr 1490 ein denkwürdiges Datum: Zu dieser Zeit begann in Venedig ein anderer Drucker seine Tätigkeit, der seinerseits die Welt des Buches weiter revolutionierte: Aldo Manunzio.
Zwanzig Bücher pro Einwohner
Jener Aldo (oder Aldus) machte sich mit einer Gruppe von dreißig Typographen an die Vervielfältigung unzähliger alter griechischer Manuskripte. Die Behauptung ist gewiss nicht übertrieben, dass so der griechische Geist zu großen Teilen wieder erweckt wurde und in die abendländische Welt gelangte. Neue, kunstvolle Lettern, die aldinischen Typen, entstanden. Außerdem waren Aldos Bücher erstmals wirklich handlich: Sein Format, das so genannte Oktav (15 mal 23 Zentimeter), wurde zum Standard. Der Buchdruck erlebte den ersten großen Aufschwung: Schon 1500 hatten venezianische Typographen 4.000 verschiedene Ausgaben erzeugt - bei der damals üblichen Auflagenhöhe entspricht das etwa zwanzig Büchern pro europäischem Einwohner.
Das "gesetzte" Wort
Die Folgen der Schwarzen Kunst waren vielfältig: So ist es Tatsache, dass Luthers berühmte 95 Thesen als gedruckte Exemplare in Europa verbreitet wurden. Die Reformation bedeutete einen neuen Kommunikationsstil: Schrift statt mündlicher Offenbarung. Zudem legte das geschriebene (und veröffentlichte) Wort auf eine bisher ungewohnte Weise fest: Für den Autor ist es schwieriger als für den Redner, eine einmal vertretene Position zu wechseln. Insgesamt war der Buchdruck als Massenphänomen wohl eine bedeutsamere Umwälzung als alle "medialen Revolutionen" der Gegenwart. Denn jedes neue Medium beruht, sobald Schrift im Spiel ist, auf dem "gesetzten" Wort.
Michael Schmittbetz (20.03.2002)


