Atomstaat im Nebel
Der Rohstoff fürs sowjetische Atomwaffen-Programm kam aus der DDR: Fast 44 Jahre lang lieferte die Wismut, der Abbaubetrieb auf thüringisch-sächsischem Gebiet, Uranerz ins große "Bruderland".Wismut heißt das Metall, um das es hier nicht geht. Allerdings verweist dieses sehr seltene chemische Element auf Menschen, die wichtig sind - und auf Orte: Die Grube St. Georg in den Wiesen, bei Schneeberg in der Nähe des erzgebirgischen Aue, scheint seine erste Fundstätte zu sein. Muten wiederum ist das Wort der Erzgebirgler für schürfen. Wirklich schürften Bergleute während des Zweiten Weltkriegs "in den Wiesen" von Schneeberg und Johanngeorgenstadt nach Wismut-Erz. Metallurgie, Farbenindustrie und Medizin brauchten das Produkt.
Schwarze, glänzende Steine
Doch als im harten Nachkriegswinter 1945/46 sowjetische Geologen auf Schneeberger Gebiet hektische Aktivität entfalteten, waren sie auf Suche nach einem viel bedeutenderen Material. Den Experten aus dem fernen Land der Sieger ging es um schwarze, glänzende Steine: um Pechblende, wie sie Bergleute seit Jahrhunderten am Ende alter Silberadern finden. Denn darin steckt der Stoff, aus dem die Bomben sind: Uran.
Im "strahlenden Dreieck"
Der Gedanke der Sieger, Rohmaterial fürs eigene Atombombenprojekt im Land der Besiegten abbauen zu lassen, erwies sich als wirksam - und folgenreich: 1.780 Kilotonnen umfasste die Welt-Uranproduktion der Epoche von 1946 bis 1990, zugleich Periode des Wismut-Uranabbaus. Rund 220 Kilotonnen - das sind gut zwölf Prozent - stammen aus dem "strahlenden Dreieck" zwischen Ronneburg (bei Gera) im Westen, Freital (bei Dresden) im Osten und Johanngeorgenstadt (nahe Aue) im Süden. Wahrscheinlich hatte Lawrentij Berija, Stalins furchtbarer Geheimdienstchef und Leiter des russischen Atomprogramms, persönlich die Idee, dem gigantischen Abbauunternehmen die Tarnbezeichnung "Wismut" zu geben.
Atomarer Unfall?
Berija - der Name ist für Eingeweihte Signal: Bevorzugt taucht er dort auf, wo allerlei geheim war, wo unter Tage, in Sklavenarbeit, die Spitzhacken klangen, wo Konsequenzen tödlich waren. Im Falle der Wismut-Kumpel kam der Tod meist schleichend: "Von etwa siebentausend Strahlentoten allein durch Lungenkrebs bei Bergarbeitern weiß man bis jetzt", schreibt Michael Beleites in seinem Buch Altlast Wismut. Der größte Atomunfall der Geschichte? Die Verstrahlten zahlten den Preis für das atomare Wettrüsten der Supermächte, und dafür, dass die DDR, gleich nach den USA und Kanada, als drittgrößter Uranproduzent der Welt firmierte.
Nicht Sibirien
Zwangsverpflichtete aus den nahe gelegenen Braunkohlegebieten, verbliebene Kumpel des erzgebirgischen Silberbergbaus, oft sogar Arbeitskräfte aus schlesischen Revieren, sie fuhren als erste in die streng bewachten Stollen ein, im Herbst 1946. Die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) Wismut war ihr Brötchengeber. Tausende nächtigten in Zelten und provisorischen Baracken, umgeben von Stacheldraht. Aber das Osterzgebirge ist eben nicht Sibirien; durch Zwang allein lässt sich der Betrieb nicht aufrechterhalten.
Schichtzug der Wismut Anfang der 1950er Jahre: Stimmung wie im Goldrush. (Bild: WISE Uranium Project)
Bald leuchtet die Wismut, relativ zur Armut der Zeit, den hungernden Ostdeutschen wie eine Wohlstandskolonie: Hohe Löhne winken, zusätzliche Ernährung, scheinbare Sicherheit unter sonst elenden Nachkriegsumständen. Die Todesstollen der Wismut ziehen Menschen an in Scharen. Ob Ingenieure oder Geologen, Administration oder geheime Dienste, alle lassen die eilig Angeworbenen in Unklarheit über die strahlende Gefahr. Unter Tage reißen Hauer die Pechblende anfangs mit bloßen Händen aus dem Gestein. Radioaktives Radon quillt durch Schächte ins Freie.
Ein Wirtschaftsuniversum
Schrittweise ersetzen ab den 1950iger Jahren Nassbohrverfahren die alte Trockenabbau-Technologie. Das Risiko, strahlende Staubpartikel einzuatmen, fällt so ein wenig geringer aus. Inzwischen aber ist die Wismut ein Staat im Staate DDR - ein Atomstaat, und draußen so gut wie unbekannt. Inzwischen, ab 1954, ist die SAG eine SDAG (Sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft), ist die russische Sprache vor Ort selten. Inzwischen markiert das Wort ein Wirtschaftsuniversum, mit Schächten, Aufbereitungsstätten, Abraumhalden, aber auch mit eigenen Siedlungen, eigener Parteiorganisation, Feriendienst, Krankenhäusern, und - mit den eigenen Kranken und Toten...
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Radioaktivität...
ist eine natürliche Erscheinung. Es gibt sie überall auf der Welt, sie wirkt - etwa als kosmische Strahlung - jederzeit auf unseren Körper. Radioaktivität kann lebende Zellen schädigen, sie kann zum Beispiel Krebs erzeugen. Entscheidend ist jedoch die Dosis: An geringe Strahlendosen ist das Leben auf der Erde seit Jahrmilliarden gewöhnt.
Gemessen werden Strahlendosen in der Masseeinheit Sievert. In Europa beträgt die durchschnittliche Strahlenbelastung rund 4 Millisievert pro Jahr. 70 Prozent dieser Dosis sind natürlichen Ursprungs, 25 Prozent sind durch medizinische Verfahren verursacht, 5 Prozent gehen auf das Konto technischer Anwendungen, etwa von Kernkraftwerken.
Radioaktive Strahlung ist ein Effekt, der regelmäßig bei der Umwandlung instabiler Atomkerne in Atomkerne mit anderer Masse auftritt. Grundsätzlich unterscheidet man Alpha-, Beta- und Gammastrahlung: Alpha- und Betastrahlen bestehen aus relativ schweren Kernteilchen, sie haben geringe Reichweiten und sind gut abzuschirmen.
Problematischer ist die aus sehr energiereichem Licht bestehende Gammastrahlung: Nur dicke Bleiplatten oder Betonwände können vor ihr schützen. Ein Spezialfall von Radioaktivität ist die etwa bei atomaren Kettenreaktionen erzeugte Neutronenstrahlung. Doch auch hier existiert ein natürliches Gegenstück: Teilchen aus dem Weltraum "schlagen" einzelne Neutronen aus Sauerstoff- und Stickstoffkernen der Luft.
ist eine natürliche Erscheinung. Es gibt sie überall auf der Welt, sie wirkt - etwa als kosmische Strahlung - jederzeit auf unseren Körper. Radioaktivität kann lebende Zellen schädigen, sie kann zum Beispiel Krebs erzeugen. Entscheidend ist jedoch die Dosis: An geringe Strahlendosen ist das Leben auf der Erde seit Jahrmilliarden gewöhnt.
Gemessen werden Strahlendosen in der Masseeinheit Sievert. In Europa beträgt die durchschnittliche Strahlenbelastung rund 4 Millisievert pro Jahr. 70 Prozent dieser Dosis sind natürlichen Ursprungs, 25 Prozent sind durch medizinische Verfahren verursacht, 5 Prozent gehen auf das Konto technischer Anwendungen, etwa von Kernkraftwerken.
Radioaktive Strahlung ist ein Effekt, der regelmäßig bei der Umwandlung instabiler Atomkerne in Atomkerne mit anderer Masse auftritt. Grundsätzlich unterscheidet man Alpha-, Beta- und Gammastrahlung: Alpha- und Betastrahlen bestehen aus relativ schweren Kernteilchen, sie haben geringe Reichweiten und sind gut abzuschirmen.
Problematischer ist die aus sehr energiereichem Licht bestehende Gammastrahlung: Nur dicke Bleiplatten oder Betonwände können vor ihr schützen. Ein Spezialfall von Radioaktivität ist die etwa bei atomaren Kettenreaktionen erzeugte Neutronenstrahlung. Doch auch hier existiert ein natürliches Gegenstück: Teilchen aus dem Weltraum "schlagen" einzelne Neutronen aus Sauerstoff- und Stickstoffkernen der Luft.




