Der ewige Gärtner
Für Liebe unter den Menschen und für Harmonie zwischen den Religionen wirbt der Dalai Lama weltweit. Werte wie Geduld und Toleranz lebt er selbst vor - seit einem halben Jahrhundert im Konflikt mit China.Wiesbaden im Juli 2005: Zwanzigtausend Menschen kamen, um den Dalai Lama zu hören. (Bild: Björn Appel, Lizenz: Creative Commons)
Der Glücks-Bringer
Dabei sind es nicht allein sein Charme und seine Herzlichkeit, die die Menschen zu Tausenden zu den Vorträgen des Dalai Lama locken. Es ist vor allem seine Botschaft: Darin geht es um Mitgefühl und Liebe unter den Menschen, um Harmonie zwischen den Religionen, um Glück und Erlösung. "Wir reden davon, wie wir mitfühlendere Menschen werden können", sagt er. Oder: "Wir müssen erkennen, dass die ganze Menschheit eins ist." Solche Botschaften kommen an; millionenfach verkaufen sich Bücher des tibetischen Mönchs, die Titel tragen wie Der Weg zum Glück, Ratschläge des Herzens und Das kleine Buch vom rechten Leben. Die New York Times nennt ihn den "Nummer-1-Wohlfühl-Guru der Welt".
"Wolf in Mönchskutte"
Ganz andere Worte dagegen findet die Führung der Kommunistischen Partei Chinas: Ein "Wolf in Mönchskutte" sei der Dalai Lama, ließ ein Funktionär 2008 verlauten, "ein böser Geist mit dem Gesicht eines Menschen und dem Herzen einer Bestie." Grund: der Dalai Lama ist rechtmäßiges weltliches Oberhaupt und spiritueller Führer von sechs Millionen Menschen in Tibet. Aus seiner Heimat vertrieben, fordert er unablässig Gerechtigkeit für die Tibeter in China und im Exil - und das schon fast sein ganzes Leben lang.
1954 besucht der Dalai Lama Peking und trifft Mao Zedong. "Religion ist Gift", sagt der KP-Vorsitzende zum Abschied.
Rund sechzig Jahre ist es her, dass Maos Volksbefreiungsarmee in das damals unabhängige Tibet marschiert. Der 16jährige Dalai Lama muss zähneknirschend einem Abkommen zustimmen, das Tibets Wiederanschluss an China besiegelt. Immerhin stellt das den Frieden sicher. Die in dem Abkommen vereinbarte innenpolitische und religiöse Autonomie ist jedoch bald zerbrochen. Landreformen sorgen für Unmut, chinesische Soldaten strömen in die tibetische Hauptstadt Lhasa, Lebensmittel werden knapp. 1954 reist der Dalai Lama nach Peking und trifft Mao Zedong, philosophiert über die Vereinbarkeit von Buddhismus und Kommunismus. Zum Abschied soll Mao gesagt haben: "Sie haben eine gute Einstellung. Aber die Religion ist Gift."
Flucht!
In Tibet wächst der Widerstand; die Besatzer bomben, morden, vergewaltigen. Der Dalai Lama predigt Toleranz und Frieden. 1959 wird die Luft immer dünner. Mit einer Demonstration von dreihunderttausend Tibetern beginnt am 10. März der Aufstand. Auf den Rat seines Orakels hin flieht das tibetische Oberhaupt sieben Tage später aus Lhasa. Die Aufständischen haben den Chinesen wenig entgegen zu setzen. Zwei Tage nach der Flucht des Dalai Lama sind fast 90.000 Tibeter tot, unzählige Mönche vertrieben, fast alle Klöster geplündert. Hunderttausend Flüchtlinge werden dem Dalai Lama in den nächsten Jahrzehnten nach Indien folgen.
Eine Straße in McLeod Ganj, 2006: Seit einem halben Jahrhundert lebt der Dalai Lama in Nordindien im Exil.
Dort, in der Stadt Dharamsala im nördlichen Bundesstaat Himachal Pradesh, lassen sich die Exiltibeter mit Erlaubnis der indischen Regierung nieder. Wut oder Hass gegenüber den Chinesen kennt der Dalai Lama nicht. "Ein Feind gibt uns die Chance, Toleranz und Geduld zu üben", ist heute einer der viel zitierten Sätze des Tibeters. Wie lange das Exil dauern wird, weiß keiner. Statt über den Verlust der Heimat zu klagen, macht sich der Dalai Lama an die Arbeit: Im Dharamsalaer Ortsteil McLeod Ganj entstehen Institute für Kunst und für tibetische Medizin, Kinderheime und Schulen. 1963 setzt der Dalai Lama eine neue Verfassung ein. Und er legt einen Garten an, jedes Jahr aufs Neue, nachdem der Monsun darüber hinweg gefegt ist und alle Anstrengungen zunichte gemacht hat...
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13 Dalai Lamas - ein Rückblick
1578 verlieh der mongolische Fürst Altan Khan dem buddhistischen Mönch Sonam Gyatso den Titel Dalai Lama - was so viel bedeutet wie "Ozeangleicher Lehrer". Gyatso hatte den Buddhismus in der Mongolei durchgesetzt. Der Fürst sicherte ihm im Gegenzug für geistlichen Schutz politisch-militärische Unterstützung zu. (Sonam Gyatso gilt übrigens als dritter Dalai Lama; seinen zwei Vorgängern wurde der Titel postum verliehen.)
Ein paar Jahrzehnte später, 1642, machte der mongolische Fürst Gushri Khan den (mittlerweile fünften) Dalai Lama zur obersten Autorität Tibets. Die Geschäfte sollte ein Regent, der Desi, führen. Der Tod des fünften Dalai Lama 1682 stellte die Regierung vor eine schwierige Situation: Sie musste den in einem Kleinkind wiedergeborenen Mönch finden und musste ihn erziehen und ausbilden, bis er seine Rolle als Staatsoberhaupt einnehmen konnte. Während dieser mindestens fünfzehn Jahre würde Tibet schutzlos dastehen gegen innere und äußere Feinde. Also beschloss man, den Tod des fünften Dalai Lama geheim zu halten. Erst 1696 präsentierte man seinen Nachfolger - die verbündeten Mongolen und die chinesischen Nachbarn fühlten sich hintergangen.
Es begann eine Zeit der Wirren in Tibet: Der sechste Dalai Lama ließ sich nach einer Auseinandersetzung mit dem Desi in den Laienstand zurückversetzen, verbrachte die Tage bis zu seinem Tod im Park des Potala-Palasts und die Abende in der Taverne. Der mongolische Herrscher setzte einen siebten Dalai Lama ein, an dessen Echtheit aber Zweifel bestanden. Nachdem sich mongolische und dsungarische Heere in Tibet aufgerieben hatten, brachte das chinesische kaiserliche Heer den vom Volk unterstützten "echten" siebten Dalai Lama 1720 nach Lhasa. Die Chinesen beseitigten das Amt des Desi und setzten stattdessen den Ministerrat (Kashag) ein. Tibet unterstand nun dem Kaiserreich; ab 1788 gab es einen kaiserlichen Regenten.
Der siebte Dalai Lama und sein Nachfolger regierten jeweils nur für kurze Zeit. Alle späteren Oberhäupter starben jung, vermutlich nicht immer auf natürliche Weise. Tibet blieb unter der Herrschaft kaiserlicher Regenten, bis der dreizehnte Dalai Lama 1895 die Macht übernahm. Um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert überlegten die Tibeter, sich eine neue Schutzmacht zu suchen; man verhandelte mit Russland und mit dem Britischen Empire. China rückte nicht von seinem Anspruch auf Tibet ab; 1910 floh der Dalai Lama nach Sikkim im heutigen Indien. Nach dem Ende des Kaisertums 1911 verschwanden die chinesischen Truppen plötzlich aus Lhasa. 1913 erklärte der heimgekehrte Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets.
1578 verlieh der mongolische Fürst Altan Khan dem buddhistischen Mönch Sonam Gyatso den Titel Dalai Lama - was so viel bedeutet wie "Ozeangleicher Lehrer". Gyatso hatte den Buddhismus in der Mongolei durchgesetzt. Der Fürst sicherte ihm im Gegenzug für geistlichen Schutz politisch-militärische Unterstützung zu. (Sonam Gyatso gilt übrigens als dritter Dalai Lama; seinen zwei Vorgängern wurde der Titel postum verliehen.)
Ein paar Jahrzehnte später, 1642, machte der mongolische Fürst Gushri Khan den (mittlerweile fünften) Dalai Lama zur obersten Autorität Tibets. Die Geschäfte sollte ein Regent, der Desi, führen. Der Tod des fünften Dalai Lama 1682 stellte die Regierung vor eine schwierige Situation: Sie musste den in einem Kleinkind wiedergeborenen Mönch finden und musste ihn erziehen und ausbilden, bis er seine Rolle als Staatsoberhaupt einnehmen konnte. Während dieser mindestens fünfzehn Jahre würde Tibet schutzlos dastehen gegen innere und äußere Feinde. Also beschloss man, den Tod des fünften Dalai Lama geheim zu halten. Erst 1696 präsentierte man seinen Nachfolger - die verbündeten Mongolen und die chinesischen Nachbarn fühlten sich hintergangen.
Es begann eine Zeit der Wirren in Tibet: Der sechste Dalai Lama ließ sich nach einer Auseinandersetzung mit dem Desi in den Laienstand zurückversetzen, verbrachte die Tage bis zu seinem Tod im Park des Potala-Palasts und die Abende in der Taverne. Der mongolische Herrscher setzte einen siebten Dalai Lama ein, an dessen Echtheit aber Zweifel bestanden. Nachdem sich mongolische und dsungarische Heere in Tibet aufgerieben hatten, brachte das chinesische kaiserliche Heer den vom Volk unterstützten "echten" siebten Dalai Lama 1720 nach Lhasa. Die Chinesen beseitigten das Amt des Desi und setzten stattdessen den Ministerrat (Kashag) ein. Tibet unterstand nun dem Kaiserreich; ab 1788 gab es einen kaiserlichen Regenten.
Der siebte Dalai Lama und sein Nachfolger regierten jeweils nur für kurze Zeit. Alle späteren Oberhäupter starben jung, vermutlich nicht immer auf natürliche Weise. Tibet blieb unter der Herrschaft kaiserlicher Regenten, bis der dreizehnte Dalai Lama 1895 die Macht übernahm. Um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert überlegten die Tibeter, sich eine neue Schutzmacht zu suchen; man verhandelte mit Russland und mit dem Britischen Empire. China rückte nicht von seinem Anspruch auf Tibet ab; 1910 floh der Dalai Lama nach Sikkim im heutigen Indien. Nach dem Ende des Kaisertums 1911 verschwanden die chinesischen Truppen plötzlich aus Lhasa. 1913 erklärte der heimgekehrte Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets.



