Mit Wissenschaftlern, religiösen Führern und Politikern tauscht sich der Dalai Lama bei seinen Reisen um die Welt aus - so auch mit Desmond Tutu 2004 in Kanada. (Bild: Cary Linde)
Harmonische Gesellschaft
"Man soll nicht gegen die Chinesen sein", sagt der Dalai Lama immer wieder - die Zeit werde Tibet recht geben. Auch heute, nach fünfzig Jahren Exil, sucht der Mönch nicht den Konflikt, sondern rät zu Toleranz und Langmut. Gewalt gegen andere, auch Hungerstreiks und Selbstverbrennungen, mit denen Tibeter gegen die Besatzung protestieren, lehnt er ab. Stattdessen sucht der Dalai Lama den Kompromiss. Für ihn ist eine Lösung der Tibetfrage nur möglich, wenn sie die Interessen und Bedürfnisse der Chinesen einbezieht. Immer wieder plädiert der Mönch für friedliche Lösungen und wendet sich gegen die Gewalt: "Präsident Hu Jintaos Slogan einer 'harmonischen Gesellschaft' findet meine volle Unterstützung! Aber echte Harmonie kommt aus dem Herzen. Sie kann nicht durch Gewehrläufe erzwungen werden."
Paris im Sommer 2008: Während des Olympischen Fackellaufs demonstrieren Exiltibeter für die Freiheit ihrer Heimat. (Bild: Croquant, Liz.: Creative Commons)
"Der Dalai Lama genießt das vielleicht höchste Ansehen der Welt", resümiert der Zeit-Autor Andreas Hilmer, "verbunden aber mit dem kleinsten nur denkbaren Erfolg". Der tibetische Mönch wird oft in einem Atemzug genannt mit Freiheitskämpfern wie Martin Luther King und Mohandas "Mahatma" Gandhi - ohne jedoch als Führer einer Protest- oder Bürgerrechtsbewegung annähernd so erfolgreich gewesen zu sein. "Gefangen in Sanftmut", bringt Hilmer das Dilemma auf den Punkt. Ist die Botschaft der Gewaltlosigkeit, die der Dalai Lama verkörpert, gescheitert?
Eine neue Generation
Das fragen sich auch viele Exiltibeter in McLeod Ganj. Sie sind dabei, den Glauben an eine friedliche, pragmatische Lösung aufzugeben. Aktionen wie ein hunderttägiger Protestmarsch Richtung tibetische Grenze oder das Stören des Olympischen Fackellaufs im Jahr 2008 sind Zeichen eines neuen, aktiveren Standpunkts. Exiltibeter, fanden Reporter der BBC heraus, seien außerdem für Gewalttätigkeiten in Lhasa im März 2008 verantwortlich gewesen. Dabei kamen chinesische Zivilisten ums Leben, Geschäfte und Autos wurden zerstört. Der Dalai Lama drohte mit Rücktritt, sollte die Gewalt kein Ende finden. Noch immer besitzt er die Autorität und das Charisma, die Gemüter seiner Landsleute zu besänftigen.
Das alte Tibet verschwindet; in Lhasa, unterhalb des Potala-Palasts, locken die Verheißungen der Moderne. (Bild: Nathan Freitas, Lizenz: Creative Commons)
Die Zeit wird knapp für alle Seiten: Das Tibet, das der älteren Generation noch aus eigener Erfahrung bekannt ist, verschwindet. Lhasa ist inzwischen ein Touristenzentrum; in den stolzen Klöstern, die einst tausende Gläubige beherbergten, leben heute meist nur noch wenige hundert Mönche. Der Dalai Lama feiert 2010 seinen 75. Geburtstag; ob er seinen rechtmäßigen Sitz, den Potala-Palast, wiedersehen wird, ist fraglich. Vor allem aber China sollte sich sputen und, statt gegen ihn zu hetzen, gemeinsam mit dem Dalai Lama eine Lösung für Tibet suchen. Denn die Geduld und Großmütigkeit des tibetischen Gottkönigs kann die chinesische Führung von dessen Volk nicht erwarten. Die Zerrissenheit der Tibeter schildert ein Buchhändler in McLeod Ganj so: "Dein Freund wurde niedergeschossen. Dein Bruder blutet. Dann schmeißt du Steine. Nicht weil du böse bist, sondern weil du ein Mensch bist."
Urte Paul (08.02.2010)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Dalai Lama | ![]() |
Infobox
Der vierzehnte Dalai Lama wurde am 6. Juli 1935 in eine Bauernfamilie in der tibetischen Provinz Amdo geboren. Seine Eltern gaben ihm den Namen Lhamo Dhondup. Als Lhamo etwa drei Jahre alt war, erkannte eine Delegation der tibetischen Regierung den Jungen als Reinkarnation ihres Oberhaupts - Visionen hatten den Mönchen den Weg gezeigt. 1939 brachten sie den neuen Dalai Lama in die Hauptstadt Lhasa. Er erhielt den Mönchsnamen Tenzin Gyatso und wurde am 22. Februar 1940 als offizieller spiritueller Führer Tibets inthronisiert. Es folgten viele Jahre des Studiums: Nicht weniger als 175 Lehrer unterwiesen Tenzin in tibetischer Kunst und Kultur, Logik, Sanskrit, Medizin, Meditation, buddhistischer Wissenschaft... Der junge Mönch interessierte sich außerdem für Technik und Astronomie; westliche Besucher stachelten seine Neugier auf die Welt an.
Er werde das Licht des Buddhismus in die Welt tragen, weissagte einst ein Orakel über den vierzehnten Dalai Lama. Seit 1973 ist der Tibeter in der Welt unterwegs, hält Vorträge und Reden. Manchem erscheinen seine Worte platt, etwa wenn er sagt "Geld ist nicht alles." Dabei ist der Mönch Doktor der buddhistischen Philosophie, versierter Logiker und passionierter Forscher. Der Dalai Lama hält Vorlesungen, diskutiert mit Wissenschaftlern über Quantenphysik, interessiert sich für Zusammenhänge zwischen Neurowissenschaft und Buddhismus.
Drei großen Aufgaben hat sich der vierzehnte Dalai Lama verschrieben: An erster Stelle steht die Förderung von menschlichen Werten wie Mitgefühl, Vergebung, Toleranz, die das Glück und die Überwindung von Leid ermöglichen. Weil solche Werte nicht von der Religion abhängen, nennt der Dalai Lama sie auch weltliche Ethik. Zweitens bemüht sich der Mönch um die Harmonie zwischen den Glaubensrichtungen. Alle großen Religionen hätten das Potenzial, gute Menschen hervorzubringen, und verdienten daher Respekt. Drittens engagiert sich der Dalai Lama als Sprecher seines Volkes in dessen Kampf für Gerechtigkeit. Diese Aufgabe sieht er als vollendet an, sobald es zu einer "beiderseitig vorteilhaften Lösung zwischen Tibetern und Chinesen" gekommen sei.
Er werde das Licht des Buddhismus in die Welt tragen, weissagte einst ein Orakel über den vierzehnten Dalai Lama. Seit 1973 ist der Tibeter in der Welt unterwegs, hält Vorträge und Reden. Manchem erscheinen seine Worte platt, etwa wenn er sagt "Geld ist nicht alles." Dabei ist der Mönch Doktor der buddhistischen Philosophie, versierter Logiker und passionierter Forscher. Der Dalai Lama hält Vorlesungen, diskutiert mit Wissenschaftlern über Quantenphysik, interessiert sich für Zusammenhänge zwischen Neurowissenschaft und Buddhismus.
Drei großen Aufgaben hat sich der vierzehnte Dalai Lama verschrieben: An erster Stelle steht die Förderung von menschlichen Werten wie Mitgefühl, Vergebung, Toleranz, die das Glück und die Überwindung von Leid ermöglichen. Weil solche Werte nicht von der Religion abhängen, nennt der Dalai Lama sie auch weltliche Ethik. Zweitens bemüht sich der Mönch um die Harmonie zwischen den Glaubensrichtungen. Alle großen Religionen hätten das Potenzial, gute Menschen hervorzubringen, und verdienten daher Respekt. Drittens engagiert sich der Dalai Lama als Sprecher seines Volkes in dessen Kampf für Gerechtigkeit. Diese Aufgabe sieht er als vollendet an, sobald es zu einer "beiderseitig vorteilhaften Lösung zwischen Tibetern und Chinesen" gekommen sei.



