Der eingefriedete Hof um die Kirche: Dort, möglichst in der Nähe einer Reliquie, war der Ort der Toten. (Buchillustration von 1513, die Leiche blutet, weil der Mörder sie berührt)
Im Verborgenen
Der Tod braucht Ruhe und Einsamkeit: Fern vom Trubel des Alltags sind die Friedhöfe unserer Zeit Orte des Besinnens. Viele Menschen vermuten, dass das Wort Friedhof im Grunde "Hof des Friedens" bedeutet. Tatsächlich kommt die Silbe "Fried" jedoch vom Wort Einfriedung her - "Friedhof" bezeichnet also einen umzäunten, nämlich eingefriedeten Hof. Im Mittelalter, etwa vom 6. Jahrhundert an, ist das der Hof um die Kirche gewesen. Dort bestattete man jene Toten, für die der Erwerb einer Grabstelle im Kircheninnern zu Lebzeiten unmöglich war.Obhut der Heiligen
Wie und wo eine Epoche ihre Toten zu Grabe trägt, hängt immer zusammen mit der Auffassung vom Tod, die in den Köpfen der Menschen besteht. Für das Mittelalter war der Tod eine gesteigerte Form des Schlafes, weniger der harte Übergang ins Nichts, den wir heute kennen. Tote galten als schutzbedürftige Wesen. Schutz boten die Märtyrer, die Heiligen der christlichen Legenden. Sie, so der Bischof Maximus Turinus, "schützen uns, die wir in unserem Körper leben, und nehmen uns in ihre Obhut, wenn wir ihn verlassen haben. Deshalb trugen unsere Ahnen dafür Sorge, unsere Körper den Gebeinen der Märtyrer zuzugesellen…" Aufbewahrt wurden die Gebeine der Märtyrer in den Kirchen; um sie herum hatten die Toten folglich ihre angemessene Stätte.
Brennpunkt des sozialen Lebens
In den Kirchen und um sie herum aber - unter dem Schutz der Heiligen - fanden ebenso die Lebenden Asyl: Flüchtlinge, Verfolgte, genau wie Menschen, die ihrem gewöhnlichen Tagwerk nachgingen, lebten ohne Scheu über den Toten. Der Historiker Philippe Aries, Autor einer lesenswerten Geschichte des Todes, beschreibt die unausweichliche Konsequenz: "Man wohnte also auf dem Friedhof, ohne sich im Geringsten vom Schauspiel der Bestattungen und von der Nachbarschaft der großen Gemeinschaftsgräber beeindrucken zu lassen. Der Friedhof war, im Verein mit der Kirche, Brennpunkt des sozialen Lebens."
Der Friedhof Cimetière des Innocents im Paris des 18. Jahrhunderts: Treffpunkt und Begräbnisstätte. Mehr dazu auf der folgenden Seite.
So entsteht vor unseren Augen das von Dokumenten bestätigte und dennoch fast unglaubliche Bild des Friedhofs im europäischen Mittelalter: Zwischen den Gräbern hatten Händler ihre Buden, verkauften Wein und Fleisch; auf Podesten verkündeten Amtspersonen die Urteile der Gerichte; Dirnen streunten herum; nur wenige Meter entfernt füllten Totengräber eine der damals üblichen tiefen und breiten Gruben. "Die Kirche war das gemeinsame Haus, der Friedhof war der ebenfalls gemeinschaftliche offene Platz, und das zu Zeiten, da es keine anderen öffentlichen Stätten, keine anderen Foren der Begegnung gab als die Straße - so klein und übervölkert waren die Häuser im Allgemeinen", schreibt Aries.
Ein öffentliches Ereignis
Den Tod inmitten des Lebens, das Leben inmitten des Todes ertragen konnten nur Menschen, denen der Tod ein Teil des Lebens war. Die gelebte Gemeinschaft von Trubel und Leichnam, von Marktplatz und Grab, deutet auf ein uns fremdes Todesbild: Gewiss gab es auch im Mittelalter die Furcht vor dem Tod, vor dem Verlust der irdischen Güter. Real war auch die Furcht vor Höllenqualen. Dennoch erschien der Tod als "Schicksal aller", flößte keine lähmende Angst ein, und war als öffentliches Ereignis akzeptiert...
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Komplett für die Auferstehung
Eine naheliegende Lösung der am Beginn der Neuzeit erstmalig auftretenden Hygiene- und Raumprobleme innerstädtischer Friedhöfe wäre die Feuerbestattung gewesen. Doch die christliche Kirche lehnte Feuerbestattungen damals rigoros ab. Warum war das so? Ein wichtiges Element des Glaubens ist die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag. Damit ist keineswegs nur die Auferstehung der Seele gemeint, das Konzept schließt die körperliche Auferstehung ein. Im naiven, wörtlichen Verständnis, wie es während des Mittelalters dominierte, zerstört aber Einäscherung den Körper unwiderruflich und steht damit der Auferstehung entgegen. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, im Zuge zunehmender Verweltlichung auch der Friedhofskultur, wurden Feuerbestattungen langsam populär.
Das hing zusammen mit dem Erstarken des städtischen Proletariats, welches nach kostengünstigen Bestattungsmöglichkeiten suchte, sowie mit dem Aufkommen von Freidenkervereinen, die sich von christlichen Bestattungsriten und vom Konzept der Auferstehung bewusst distanzierten. 1871 ging in Deutschland das erste Krematorium in Betrieb. 1905 gründete sich der Verein Freidenker für Feuerbestattung. Und 1964 - nachdem in städtischen Gebieten längst die Mehrzahl der Begräbnisse Feuerbestattungen waren - wurde auch im katholischen Kirchenrecht das Verbot der Einäscherung aufgehoben. Gebunden ist die Aufhebung des Verbots allerdings an den Grundsatz, dass damit nicht der Glaube an die Auferstehung verleugnet werden darf.



