Psychokinese: die Fähigkeit, Gegenstände per Geisteskraft zu bewegen, ist nach Ansicht von Experten Ursache für viele so genannte Poltergeist-Phänomene. (Foto von Édouard Isidore Buguet, 1875)
Seelische Gewitter
In der Anwaltskanzlei Adam in Rosenheim kommt es 1967 zu unerklärlichen Phänomenen: Wie von Geisterhand drehen sich Bilder um die eigene Achse, platzen Glühbirnen, machen sich Schubladen selbstständig, laufen Flüssigkeiten aus. Selbst ein drei Zentner schwerer Aktenschrank bewegt sich scheinbar von selbst um mehrere Zentimeter. Gleichzeitig wird hunderte Male am Tag die automatische Zeitansage gewählt - ohne dass jemand am Apparat ist.Schabernack oder Spuk?
Die Adams ziehen Techniker zurate. Schließlich könnten nur, so ihre Vermutung, technische Fehler die Ursache sein. Und tatsächlich: von den Stadtwerken installierte Spannungszähler registrieren ungewöhnlich starke Ausschläge - obwohl das Stromnetz weder Überspannungen noch Wackelkontakte verzeichnet. Die Experten stehen vor einem Rätsel. An Schabernack mag keiner der Beteiligten mehr so recht glauben. Treibt hier etwa ein Geist sein Unwesen?
Betrug ausgeschlossen
Um des Rätsels Lösung zu finden, sollen Parapsychologen helfen. Schon bald konzentrieren die Wissenschaftler ihre Untersuchungen auf die 19-jährige Kanzleiangestellte Annemarie Schaberl, beginnen die Phänomene doch regelmäßig dann, wenn die junge Frau die Kanzlei betritt. Betrug schließen die Parapsychologen aus, immerhin steht Annemarie seit Bekanntwerden der Geschehnisse unter polizeilicher Beobachtung. Vielmehr vermuten die Wissenschaftler einen Fall von spontan wiederkehrender Psychokinese - die Fähigkeit, mittels Geisteskraft bewusst oder unbewusst Gegenstände zu bewegen. Für den Verdacht spricht die Tatsache, dass der Spuk vorbei ist, als Annemarie gekündigt wird.
Klopfen statt Magenschmerzen
Nicht nur die Vorfälle in Rosenheim, auch andere so genannte Poltergeist-Phänomene lassen sich auf menschliche Verursacher zurückführen. Meist handelt es sich dabei um Pubertierende, die unter unbewältigten Konflikten, hoher Erregbarkeit und Frustration leiden. Dadurch kann im Unterbewusstsein eine derart explosive Spannung entstehen, dass sich Probleme in einer Art seelischem Gewitter entladen: Psychostress manifestiert sich dann nicht nach innen, etwa in Kopf- oder Magenschmerzen, sondern nach außen. Klopfgeräusche, elektrische Störungen und Gegenstände, die ohne ersichtlichen Grund zu schweben beginnen, sind die Folge.
Weltbild in Gefahr
Wo Physiker und Naturwissenschaftler an ihre Grenzen stoßen, beginnt die Arbeit von Parapsychologen. Einen leichten Stand hat die als Pseudowissenschaft verschrieene Parapsychologie jedoch nicht.
Séancen, wie im Haus des Astronomen Camille Flammarion, erfreuten sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. (Foto: 1898)
Flut von Anrufen
Gut zu tun haben Parapsychologen dennoch, fällt es den meisten Menschen in unserer aufgeklärt-rationalen Welt doch schwer, paranormale Erlebnisse zu verarbeiten. Dabei sind derartige Vorkommnisse gar nicht so selten: In Deutschland geben laut einer Umfrage fast drei Viertel der Bevölkerung an, bereits Paranormales erlebt zu haben. Das spiegeln auch zahlreiche Anrufe wider, die die Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg - einzige ihrer Art in Deutschland - erhält: etwa dreitausend Mal klingelt hier pro Jahr das Telefon. Walter von Lucadou, Leiter der Beratungsstelle, und seine Mitarbeiter können viele Hilfesuchende beruhigen: Spuk sei oft eine psychosomatische Reaktion, die Ursache im persönlichen Umfeld des Betreffenden zu suchen...
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Mit Verstorbenen zu kommunizieren und Nachrichten aus dem Jenseits zu empfangen stellte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Art Modeerscheinung dar: Mit dem Aufkommen der Lehre des Spiritismus hatten Séancen und spiritistische Zirkel, insbesondere in viktorianisch-puristisch geprägten Gesellschaften, großen Zulauf. Nicht selten jedoch wurden die Orte der Séancen von unbeteiligten Zeitgenossen als geheime Stätten für sexuelle Ausschweifungen und Orgien beargwöhnt. Den Kontakt zur Geisterwelt stellte ein Medium her. Als sichtbarer Beweis für den Erfolg galt den Teilnehmern solcher Séancen, wenn das Medium in Trance fiel oder Gegenstände wie Tische, Stühle und Bücher über dem Boden schwebten. Auch Ektoplasma - eine schleimige Flüssigkeit -, das aus dem Mund des Mediums quoll, galt als Indiz für die Anwesenheit von Geistern. Séancen lassen allerdings bis heute viel Raum für Betrug und Tricks: Geräusche kommen mitunter von Tonträgern und Gegenstände werden nicht von Geisterhand, dafür aber mittels Fäden bewegt. Anhänger des Spiritismus sind dennoch davon überzeugt, dass sich Verstorbene über Medien mitteilen können. Die meisten Anhänger des Spiritismus gibt es in Südamerika. In Brasilien ist die Lehre sogar eine staatlich anerkannte Religion mit rund 4,6 Millionen Anhängern.



