Im ruhigen Fluss
Glücklich sein will jeder, sofort und auf der Stelle. Das geht natürlich schief. Dabei könnten wir es besser wissen: Neues gibt es in der Sache seit fast 2.000 Jahren nicht mehr. Die alten Antworten klingen überraschend aktuell.Stoa poikile bedeutet "bunte Säulenhalle". Die bunte Säulenhalle, von der wir hier sprechen, stand am Marktplatz der antiken Stadt Athen. Um das Jahr 300 v. Chr. wurde sie berühmt. Nicht nur wegen der bunten Fresken an ihren Innenwänden, sondern weil sie eine Schule war - eine Philosophenschule, genau gesagt. Athens Bürger verstanden unter Philosophie etwas anderes als wir heute: Ist moderne Philosophie vor allem Philosophiegeschichte und Nachdenken über die Voraussetzungen des Denkens, suchten die Leute damals in ihr eine Lehre vom richtigen Leben.
"Rezeptemacher"
Philosophen, Lehrer, waren folglich nicht wie heute Professoren am Katheder, die nach knapp bemessener Vorlesungszeit wieder ins Private entwichen. Es waren "Rezeptemacher" - Vor-Lebende -, bereit, mit dem praktischen Beispiel ihres Lebens Antworten auf praxisbezogene Fragen zu geben. Und welche Frage kann praxisbezogener sein als die Frage nach dem Glück, nach den Wegen, die zu ihm führen?
Legendärer Erfolg
Wer Glücksrezepte finden will, die mehr sind als mediengerechte Sensationshascherei, muss mit dem Dasein vertraut sein. So einer muss denken können und Erfahrung haben: Zenon, von der Insel Zypern, Gründer der Stoa - ein Kaufmann; Kleanthes, der troische Grieche - ein ehemaliger Profiboxer; Chrysippos, der Kilikier - von dessen Beruf wir nichts wissen - sie prägten das erste Jahrhundert stoizistischer Philosophie.
Der Erfolg des Chrysippos ist legendär: Tausende strömten zu seinen Reden; die alte Säulenhalle war bald zu eng. Was - nun lassen wir endlich die Katze aus dem Sack - hörten Athens Bürger, und manch "Bildungstourist", dort? Wichtiger noch: Warum lohnt es für uns, Zenon, Kleanthes, Chrysippos, und dazu ihren Schülern in römischer Zeit, neugierig zu lauschen?
Die Stoa des Attalus in Athen: Sorgfältig hat man sie restauriert. (Bild: Adam Carr, TAP, Griechisches Ministerium für Kultur)
Glück, hören wir von Chrysippos, sei das Erreichen aller selbst gesetzten Zwecke. Wenn Glück darin besteht, dass sich alle eigenen Bedürfnisse befriedigen lassen, dann gibt es zwei Wege, dies zu erreichen: Man versucht, entweder möglichst viel Befriedigung oder möglichst wenige Bedürfnisse zu haben.
Spätestens seit dem Anbruch der Neuzeit (also seit dem Ende des Mittelalters) beschreiten wir Europäer konsequent den vermeintlich angenehmeren der beiden Wege: Immer neue Bedürfnisse sollen immer neue Befriedigungschancen schaffen. Mittlerweile, aber noch nicht sehr lange, begreifen wir, welche Gefahr sich daraus ergibt: die Zerstörung der natürlichen Grundlagen unserer Existenz.
Sinnvolle Beschränkung
Den Denkern der Spätantike - wie Chrysippos - lag der zweite Weg näher, überzeugt, dass, wenn Glück im Erreichen aller selbst gesetzten Zwecke liegt, nur die Beschränkung auf das - schadlos - Erreichbare sinnvoll sein kann. Erstaunliche Erkenntnis für Menschen, denen Phänomene wie Klimawandel und globale Erwärmung noch unbekannt waren!
Im Netz der Zwänge
Fundamentaler ist ein weiterer stoizistischer Gedanke: Die Bedürfnisjagd führt, für sich genommen, nicht zum Glück, weil sie ein Fass ohne Boden ist und voller immanenter Widersprüche steckt: Zieht man das ganze Jahr über frisches Obst - in riesigen, klimatisierten Gewächshäusern -, folgt rasch die Erfahrung, dass es bloß fade schmeckt; haben störanfällige Kernkraftwerke das Bedürfnis nach gigantischen Energiemengen endlich befriedigt, wird das Bedürfnis nach Sicherheit prekär.
Unlösbare Widersprüche: Mengen an Energie, doch Angst um die Sicherheit.
Seele in Wirbel
Die Vernunft sagt uns also: Damit wir (jederzeit) können, was wir wollen, dürfen wir nur wollen, was wir (jederzeit) können (und nicht mehr). Wollen wir mehr, dann ist die wahrscheinliche Konsequenz ein Zustand der Abhängigkeit. Unruhe und Unglück kennzeichnen ihn. Die Seele gerät in Wirbel, wie ein Fluss, der ständig an Felsen und quer liegende Bäume stößt...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Glück | ![]() |
Infobox
Die Stoa
Kontinuität und Wandel über Jahrhunderte hinweg sind bezeichnend für die Philosophie der Stoa. Auf die ältere Stoa, deren Hauptvertreter Zenon (336 bis 264 v. Chr.) und Chrysippos (276 bis 204 v. Chr.) waren und die um 300 v. Chr. in Athen entstand, folgten weitere Perioden im Zuge der Anpassung an die Situation im mächtiger werdenden Römischen Reich.
Der Mensch als Weltbürger und unabhängig von "gleichgültigen Dingen" wie lokale Herkunft und Stand - das passte recht gut zum ländererobernden Imperium Romanum. So gab die mittlere Stoa - etwa ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. - vor allem römischen Führungsschichten das Leitbild politischen Denkens und Handelns.
Wie die mittlere Stoa mit der römischen Republik ist die jüngere Stoa mit dem Kaiserreich verbunden - etwa ab der Zeitenwende. L. Aennaeus Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.), Erzieher Neros, zählt zu ihren Repräsentanten. Der Sklave Epiktet (50 bis 138 n. Chr.), ebenso wie Marc Aurel, der Kaiser (121 bis 180 n. Chr.), traten in der Spätphase als führende philosophische Köpfe hervor. Marc Aurels Selbstbetrachtungen sind das wohl eindrucksvollste Zeugnis stoizistischer Weltsicht und stoischer Lebenshaltung.
Kontinuität und Wandel über Jahrhunderte hinweg sind bezeichnend für die Philosophie der Stoa. Auf die ältere Stoa, deren Hauptvertreter Zenon (336 bis 264 v. Chr.) und Chrysippos (276 bis 204 v. Chr.) waren und die um 300 v. Chr. in Athen entstand, folgten weitere Perioden im Zuge der Anpassung an die Situation im mächtiger werdenden Römischen Reich.
Der Mensch als Weltbürger und unabhängig von "gleichgültigen Dingen" wie lokale Herkunft und Stand - das passte recht gut zum ländererobernden Imperium Romanum. So gab die mittlere Stoa - etwa ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. - vor allem römischen Führungsschichten das Leitbild politischen Denkens und Handelns.
Wie die mittlere Stoa mit der römischen Republik ist die jüngere Stoa mit dem Kaiserreich verbunden - etwa ab der Zeitenwende. L. Aennaeus Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.), Erzieher Neros, zählt zu ihren Repräsentanten. Der Sklave Epiktet (50 bis 138 n. Chr.), ebenso wie Marc Aurel, der Kaiser (121 bis 180 n. Chr.), traten in der Spätphase als führende philosophische Köpfe hervor. Marc Aurels Selbstbetrachtungen sind das wohl eindrucksvollste Zeugnis stoizistischer Weltsicht und stoischer Lebenshaltung.
Infobox
Im Flow
Glück als Ordnung im Bewusstsein, als Harmonie, als geordnetes und erfolgreiches Streben nach einem selbstgesteckten Ziel - das ist die Basis des so genannten Flow-Erlebnisses. Das Konzept des Flow stammt von dem Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (geb. 1938). Es meint ein lang anhaltendes, deutliches Glücksgefühl, bei dem Raum und Zeit buchstäblich vergessen werden.
Bei der Fomulierung des Konzepts stützte sich Csikszentmihalyi, emeritierter Professor der University of Chicago, direkt auf stoizistische Lehren. Konzentration auf den Augenblick, Verschwinden der Sorge um sich selbst, das Gefühl der Kontrolle über die eigene Aktivität sind wichtige Merkmale stoischer Lebenseinstellung. Flow beim Sex, beim Hören exzellenter Musik, beim Schreiben, beim Ansehen wunderbarer Bilder - der Zusammenhang zur stoizistischen Glücksauffassung ruhigen ausgeglichenen Fließens ist offenkundig.
Glück als Ordnung im Bewusstsein, als Harmonie, als geordnetes und erfolgreiches Streben nach einem selbstgesteckten Ziel - das ist die Basis des so genannten Flow-Erlebnisses. Das Konzept des Flow stammt von dem Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (geb. 1938). Es meint ein lang anhaltendes, deutliches Glücksgefühl, bei dem Raum und Zeit buchstäblich vergessen werden.
Bei der Fomulierung des Konzepts stützte sich Csikszentmihalyi, emeritierter Professor der University of Chicago, direkt auf stoizistische Lehren. Konzentration auf den Augenblick, Verschwinden der Sorge um sich selbst, das Gefühl der Kontrolle über die eigene Aktivität sind wichtige Merkmale stoischer Lebenseinstellung. Flow beim Sex, beim Hören exzellenter Musik, beim Schreiben, beim Ansehen wunderbarer Bilder - der Zusammenhang zur stoizistischen Glücksauffassung ruhigen ausgeglichenen Fließens ist offenkundig.



