Ein Leben in Abgeschiedenheit: Athos, Heimat von rund zweitausend Mönchen.
Der Heilige Berg
"Das Leben am Athos ist ein Geheimnis, das man nicht leicht sehen und beschreiben kann. Um dieses Geheimnis zu ergründen, muss man sich über das Sinnliche erheben... Alles andere, Bußleben, Gastfreundschaft, Malerei, Kunstschätze, Architektur, Gesänge, Waldwege, Glocken, Gebete... drückt immer nur etwas von diesem Geheimnis aus." Das sagt Vater Mitophan, einer der bedeutendsten Theologen des Klosterbergs.Agio Oros
Im Süden Makedoniens liegen die Halbinseln der Chalkidiki. Die östlichste von ihnen beheimatet eine kleine Republik, deren Bevölkerung ausschließlich aus rund zweitausend Mönchen besteht, auf 20 orthodoxe Klöster verschiedener Konfessionen verteilt. 17 von ihnen sind griechisch-orthodox; drei weitere unterstehen jeweils den bulgarischen, serbischen und russischen Landeskirchen. Byzantinische Mönche gründeten die Mönchsrepublik im frühen Mittelalter. Ihnen folgten bald bulgarische, russische und serbische Glaubensbrüder. Daher ist der Ort auch als Heiliger Berg Athos, oder Agio Oros bekannt. Erst als Einsiedler, später in Klöstern, gehen dort Mönche seit über einem Jahrtausend fast ungestört ihrem Tagewerk nach.
Auf der Haut eines Ziegenbocks
Denn Athos ist nicht nur Weltkulturerbe der UNESCO, sondern auch autonome Region mit eigenen Gesetzen, Traditionen und einer vierköpfigen Regierung. Nachdem schon 855 der byzantinische Kaiser Basilius I den Athos als "Stätte des Mönchstums" erwähnte, bestätigte Kaiser Theophano 972 die Verfassung des Athos auf der Haut eines Ziegenbocks. Trotz gelegentlicher Plünderungen durch muslimische Piraten und diverser Einschränkungen wurde die Unabhängigkeit des Klosterstaates von Byzantinern, Serben, Türken und Griechen über die Wechselfälle der Historie hinweg akzeptiert.
Zwergrepublik
Im Laufe der Zeit ist der Berg Athos zum theologischen Zentrum der orthodoxen Kirche geworden. Seine Blütezeit erlebte er im 14. Jahrhundert, als rund 50.000 Mönche den Klosterberg bevölkerten. Zwar stehen der 2.033 Meter hohe Berg und seine Umgebung offiziell unter griechischer Souveränität, doch wer die Zwergrepublik betreten möchte, braucht ein Visum. Dies gilt für Europäer ebenso wie für griechische Staatsbürger. Touristen sind auf dem Athos im Grunde unerwünscht. Visa gibt es nur nach aufwändigem Genehmigungsverfahren.
Wählerische Gastfreundschaft
Die wählerische Gastfreundschaft der Mönche erstreckt sich keinesfalls auf den weiblichen Teil der Menschheit. Frauen bleibt, nach einem Avaton genannten Gesetz, der Zutritt versagt. Bestrebungen, den Berg für Touristen zugänglicher zu machen, treten die Mönche entschieden entgegen. Höchstens 130 - selbstverständlich männliche - Besucher dürfen die Halbinsel pro Tag betreten. Das strenge Verbot alles Weiblichen gilt selbst für Tiere. Eine Ausnahme existiert allerdings: Die Mönche, die Ikonen malen, dürfen Hühner halten. Sie brauchen Eidotter für die Zubereitung ihrer Farben. Im griechischen Bürgerkrieg 1946 bis 1949 fanden allerdings Frauen und Kinder auf dem Athos Zuflucht.
Verschärftes Regelwerk
Die Bewohner der Klöster leben seit einiger Zeit wieder nach dem koinobitischen Gesetz. Das bedeutet, dass die Mönche ohne privates Eigentum unter einheitlicher Führung in enger räumlicher Gemeinschaft zusammenleben. Diese Lebensweise geht auf Pachomios, den Gründer der ersten bekannten christlichen Klostergemeinschaft im vierten Jahrhundert zurück. Seit dem 14. Jahrhundert herrschten die weniger strengen idiorrythmischen Regeln vor, die auch ein Privatleben zuließen. Die waren den Mönchen aber zu locker geworden. Die Verschärfung des Regelwerks ändert übrigens nichts daran, dass der Heilige Berg bei orthodoxen Mönchen äußerst gefragt ist: Besonders Kandidaten aus Russland bewerben sich um einen Platz in einem der Klöster.
Philipp Antz/Michael Schmittbetz (14.07.2004)
Infobox
Das Wort orthodox heißt "rechtgläubig" und bezieht sich auf den Gegensatz von östlich-orthodoxer und römisch-katholischer Konfession. Die Kirche im Westen bekam zunehmend politisches Gewicht, nachdem das weströmische Reich zerfallen war. Und der Bischof von Rom erklärte sich schließlich zum alleinigen Stellvertreter Gottes auf Erden. Vor allem in den Gebieten des oströmischen oder Byzantinischen Reiches stieß diese Auslegung auf wenig Verständnis. Die Missionierung der Slawen, nicht zuletzt durch Einführung der (kyrillischen) Schrift, machte Konstantinopel zum Zentrum der östlichen Christenheit. Der Papst und der Patriarch von Konstantinopel (früher Byzanz, heute Istanbul) exkommunizierten sich 1054 gegenseitig. Dies wurde erst beim zweiten Vatikanischen Konzil 1965 zurückgenommen.


