Sprache des Herzens
Unser Motor des Lebens soll Heimat des Gefühls und der Seele sein. Ein Hohlmuskel als Sitz von Liebe, Wut, Gewissen? Trotz aller Medizintheorie - selbst dem aufgeklärtesten Zweifler hat das Herz etwas zu sagen.Eigentlich war es der perfekte Mord. Es gab keinerlei Spuren - weder Blut noch andere belastende Indizien. Und das Opfer lag gut versteckt unter den Dielen des Hauses. Sicher trat der Mörder den herbeigerufenen Polizisten entgegen - seine Nachbarn hatten einen Schrei gehört. Niemandem fiel etwas Verdächtiges auf. Plötzlich aber wurde der Mörder nervös - er glaubte, den Herzschlag seines Opfers zu hören. Als das Pochen immer lauter wurde - den Polizisten müsste es doch längst aufgefallen sein - hielt er es nicht mehr aus und gestand die Tat.
Herz in der Waagschale
Hat sich der Mörder aus Edgar Allen Poes (1809 bis 1849) Kurzgeschichte Das verräterische Herz das Herzklopfen vielleicht nur eingebildet? Oder war es möglicherweise sogar sein eigenes Herz, das ihn verriet? Wie auch immer - gegen sein schlechtes Gewissen war der Mörder am Ende machtlos. Schon im alten Ägypten galt das Herz als Sitz der inneren Wahrheit, des Gewissens. Vor der Reise ins Jenseits hatten sich die Toten einer genauen Gewissensprüfung zu unterziehen. Für die Ägypter war das Herz ein Gefäß, in dem sich im Laufe ihres Lebens alle Sünden ansammeln. Beim Totengericht nun wurde das Herz auf eine Standwaage gelegt und unter Aufsicht der Ma'at, sie verkörperte die Auffassung vom rechten Leben, gewogen.
Beim Totengericht
Die besondere Rolle des Herzens zeigt sich auch in den Bestattungsritualen der Ägypter: Während die anderen menschlichen Innereien neben dem Toten in gesonderten Gefäßen bestattet wurden, verblieb das Herz im Körper. Damit es beim Totengericht nicht gegen den Verstorbenen aussagte,
Die Gier nach Reichtum lässt Peter Munks Herz erfrieren: 1950 verfilmte die DEFA das Märchen von Wilhelm Hauff.
Direkt ins Herz
Auch in der griechischen Antike und im Alten Testament ist das Herz mehr als nur physiologisches Organ. Neben seiner Funktion als Träger der Lebenskraft kommt ihm eine außerordentliche spirituelle Bedeutung zu: So ist der Glaube nahe liegend, dass Gott, um zu prüfen, ob jemand ein gutes Leben geführt hat, direkt in sein Herz schaut. Aber das Herz ist nicht nur Ort der Seele, sondern auch Ort der Vernunft und des Gefühls.
Physiologie und Psychologie
Basierte diese Auffassung einst noch auf natürlichen, körperlichen wie auch seelischen Erfahrungen, handelt es sich heute eher um eine künstlich hergestellte Symbolik. Klar ist die Unterscheidung zwischen dem physiologischen Herzen und dem Herzen als Ort psychologischer Reaktionen. Das Herz ist das einzige Organ, welches uns in seiner Tätigkeit bewusst wird - wir können den Herzschlag hören, den Puls spüren. Doch das macht uns auch verletzlich: Ein stockender Puls, ein aussetzender Herzschlag sind wie das unmittelbare körperliche Empfinden einer tödlichen Bedrohung.
"Warm ums Herz"
Wenn wir aber genau in uns hinein hören, lässt dann nicht auch Freude und Erregung unser Herz schneller schlagen; spüren wir bei Angst und Eifersucht nicht ein beklemmendes oder einengendes Gefühl? Und wird uns nicht tatsächlich warm ums Herz, wenn wir Liebe oder Zuneigung empfinden? Wir nehmen das physiologische Herz sehr ernst, ist es doch der Motor, der unser Leben antreibt. Dagegen ignorieren wir häufig die psychosomatischen Reaktionen des Herzens. Wie oft geben wir im Alltag dem Verstand Vorzug vor dem Gefühl?
Ort höherer Seelenfunktionen
Kopf oder Herz - diese Frage beschäftigt die Menschen schon seit Jahrhunderten. Mit der beginnenden Erforschung des Gehirns durch ägyptische Ärzte im dritten Jahrhundert v. u. Z. wurde dieses Organ mehr und mehr zum Ort höherer Seelenfunktionen. Doch gingen die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Mittelalter weitgehend verloren. So blieb das Herz als Heimat der Seele fester Bestandteil der kirchlichen Morallehre. Auch weltliche Zuschreibungen gehörten weiterhin zum Volksglauben: das ritterliche Herz voller Mut und Tapferkeit, oder aber das Herz als Ort von Liebe und Erotik.
Aus dem Herzen verbannt
Erst die neuzeitliche Naturwissenschaft verbannte die Gefühle aus dem Herzen. René Descartes (1596 bis 1650) erklärte sie als illusionäre Projektionen, als Scheinempfindungen, die vom Hirn ins Herz hinabreichen, "so wie der Schmerz auch gleichsam im Fuß empfunden wird mittels der Fußnerven". Mit der Beschreibung des Körpers als Maschinenmodell, dessen Abläufe vom Herzmotor angetrieben und vom Gehirn zentral gesteuert werden, begründete Descartes ein neues, rationalistisches Paradigma.
Gefühl versus Verstand
Lange Zeit hatte das Herz die Vormachtstellung im Körper. Doch mit der Reduzierung des Herzens auf ein rein anatomisches Organ wurden Körper und Seele in Gegensatz gebracht. Man unterschied jetzt strikt zwischen materieller und geistiger Natur des Menschen. Die Seele war von nun an dem Verstand untergeordnet, Gefühle wurden gegenüber der als höher erachteten Vernunft abgewertet. Das Gehirn dominierte über das Herz.
Wissenschaftliche Entzauberung
Bald ebnete die wissenschaftliche Entzauberung des Herzens jedoch der medizinischen Forschung den Weg: So revolutionierte zum Beispiel die Entdeckung des Herz-Kreislauf-Systems durch William Harvey 1628 die Medizin. Heute ist die mechanische Funktion des Herzens so weit erforscht, dass Herzen transplantiert und andere komplizierte Operationen Leben retten oder zumindest verlängern können.
Immer etwas zu sagen
Wie sehr das Herz aber gleichermaßen Ausdrucksorgan körperlicher wie psychischer Reaktionen ist, erkennt nun auch wieder die moderne Medizin. Die Sprache des Herzens, das physische Empfinden von Angst, Stress, aber auch Freude und Erregung im Herzen, ist Ergebnis des komplexen Zusammenspiels von Körpergeschehen und seelischer Erfahrung. Diese - ja nicht gerade neue - Erkenntnis fließt nun verstärkt in die Therapie von Herzpatienten ein. Das Herz ist tatsächlich ein besonderes Organ; es hat seinem Träger immer etwas zu sagen. Und wenn es, wie bei Poes Mörderfigur, das pochende Gewissen ist.
Ulrike Wolf (17.09.2004)
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Das menschliche Herz ist ein Hohlmuskel, nicht größer als eine geballte Faust. Dieser kleine unermüdliche Muskel - bei einem Erwachsenen 300 bis 400 Gramm schwer - schlägt im Laufe des Lebens zirka zweieinhalb Milliarden Mal und befördert dabei mehr als 200 Millionen Liter Blut.
Das Herz besteht aus zwei Herzhälften, die durch eine feste Scheidewand voneinander getrennt sind. Jede Hälfte besteht aus dem Vorhof (Atrium) und einer Kammer (Ventrikel). Damit das Blut während der Pumpaktion des Herzens zirkulieren kann, lenken Herzklappen die rote Flüssigkeit in die richtigen Bahnen - sie funktionieren damit wie kleine Ventile. Das Herz ist der einzige Muskel, der sich während unseres Lebens nicht ein einziges Mal ausruhen darf. Selbst die Atemmuskulatur legt kurze Pausen ein, wenn der Mensch schläft.
Wenn das Herz nicht mehr arbeitet, hilft oft nur eins: ein Spenderherz. Die erste Herztransplantation der Welt gelang 1967 dem Chirurgen Christian Barnard: Er verpflanzte das Herz einer jungen Frau in die Brust von Louis Washkansky - der berühmte Patient starb allerdings achtzehn Tage später. Dem medizinischen Fortschritt aber ist es zu verdanken, dass Transplantationen heutzutage Routine sind - leider gibt es immer noch zu wenig Spenderherzen.
Das Herz besteht aus zwei Herzhälften, die durch eine feste Scheidewand voneinander getrennt sind. Jede Hälfte besteht aus dem Vorhof (Atrium) und einer Kammer (Ventrikel). Damit das Blut während der Pumpaktion des Herzens zirkulieren kann, lenken Herzklappen die rote Flüssigkeit in die richtigen Bahnen - sie funktionieren damit wie kleine Ventile. Das Herz ist der einzige Muskel, der sich während unseres Lebens nicht ein einziges Mal ausruhen darf. Selbst die Atemmuskulatur legt kurze Pausen ein, wenn der Mensch schläft.
Wenn das Herz nicht mehr arbeitet, hilft oft nur eins: ein Spenderherz. Die erste Herztransplantation der Welt gelang 1967 dem Chirurgen Christian Barnard: Er verpflanzte das Herz einer jungen Frau in die Brust von Louis Washkansky - der berühmte Patient starb allerdings achtzehn Tage später. Dem medizinischen Fortschritt aber ist es zu verdanken, dass Transplantationen heutzutage Routine sind - leider gibt es immer noch zu wenig Spenderherzen.



