Imam Abdullah Dündar im Interview:
"Religion tut nichts Schlechtes"
Lexi-Online: In Deutschland gibt es ungefähr drei Millionen Muslime. Nur viertausend davon leben in Thüringen. Das ist wenig. Woran liegt das? Ist dieses Bundesland so unattraktiv?
Abdullah Dündar: Natürlich hat das wirtschaftliche Gründe: Wenn junge Einwanderer keine Arbeit finden, dann bleiben sie nicht lange hier. Sie gehen dorthin, wo ihre Bewerbungen um Arbeit erfolgreich sind.
Lexi-Online: Die Menschen in Ihrer Gemeinde stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Wie kommt das zusammen?
Abdullah Dündar: Ja, wir sind wirklich ein internationales muslimisches Zentrum. Unser Vorstand besteht aus zwölf Leuten, die zehn verschiedene Länder vertreten. Zu unseren Freitagsgebeten kommen Betende aus vielen Ländern. Unsere Sprache in Predigt und Unterricht ist Deutsch.
Lexi-Online: Ich stelle mir vor, dass junge Einwanderer von Ihnen auch Unterstützung erwarten. Welche Unterstützung können Sie geben?
Abdullah Dündar: Wir reden mit ihnen: über Integration, über soziales Zusammenleben. Sie kennen hier niemanden - und kommen zu uns. Die erste Frage eines völlig Fremden ist: Wo liegt die Moschee? Dann sind sie hier. Egal, aus welchem Land. Auch wenn sie kein Wort Deutsch sprechen. Wir stellen dann Verbindungen her, zum Beispiel zu Leuten, die schon länger hier sind. Unterstützung in materieller Hinsicht, so weit sind wir noch nicht, nicht wie die (christliche) Kirche, oder der Staat.
Lexi-Online: Ich denke, es ist viel, wenn man eine Gemeinschaft bieten kann. Hier hört man mitunter die Vermutung, dass sich vor allem jüngere Muslime als Migranten stärker der Religion zuwenden als sie es ursprünglich in der Heimat getan haben. Können Sie diese Vermutung bestätigen?
Abdullah Dündar: Die Leute sind ja auch hierher gekommen wegen fehlender Arbeit, ... wegen der Sorgen zuhause. Dort haben sie oft kaum Zeit, ihre Religion richtig zu praktizieren. Es gibt dort meist keinerlei staatliche Unterstützung.
Lexi-Online: Was hat das mit dem Glauben zu tun?
Abdullah Dündar: Wenn man ein bisschen Zeit hat, ist manches einfacher. Es gibt gute Gläubige, es gibt schwache Gläubige. Und schwache Gläubige, die beten nicht, zum Beispiel, die fasten nicht, die können bestimmte Verpflichtungen eben nicht erfüllen. Sie sind zu beschäftigt, für Geld, für die Familie, die Kinder, Tag und Nacht. Hier ist es anders. Geld, für einen wissenden Gläubigen spielt es keine Rolle, ob er wenig oder viel hat. Dieser Mensch befasst sich auf jeden Fall mit seinem Glauben...
Teil 1: Integration und Zusammenleben
Teil 2: Sind an allem die Medien schuld? Was bedeutet "dar al harb?"
Teil 3: Beschützer und Diskriminierer. Und: warum wir "Ungläubige" sind
Teil 4: Warum Muslim sein heißt, die authentische Offenbarung zu besitzen
Teil 5: Das vollkommene Buch und der Vergleich zwischen den Religionen
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