Ein neuer Anfang
Nach dem Holocaust schien das jüdische Leben in unserem Land am Ende. Nur allmählich begann es sich zu erholen und an Vielfalt zu gewinnen; die Erfahrungen in Ost und West waren indes verschieden.Die Geschichte des deutschen Judentums ist komplex. Wir wollen uns hier auf einen Überblick beschränken, der das jüdische Leben auf deutschem Territorium nach 1945 betrifft. Das Kriegsende brachte die Stunde Null: Nur rund 15.000 überlebende Juden entschieden sich damals, in Deutschland zu bleiben.
Das entsprach 0,05 Prozent der Gesamtbevölkerung. Displaced Persons, also Menschen, die - aus KZs befreit oder aus Osteuropa kommend - auf der Durchreise nach Palästina waren, erhöhten die Zahl der Juden in Deutschland für kurze Zeit.
Unwiderrufliches Ende?
Auf dem "Friedhof Deutschland" dürfe es kein neues jüdisches Leben mehr geben, war die unter jüdischen Menschen verbreitete Meinung. Offizielle jüdische Stellen ermahnten ihre Glaubensgenossen, sich auf dem blutgetränkten Boden nicht mehr niederzulassen. Bald nach der Gründung des Staates Israel 1948 schien das Ende jüdischen Lebens in Deutschland besiegelt: Jüdische Zeitungen stellten ihren Betrieb ein, Institutionen zogen sich zurück.
Dennoch kommt es 1950 zur Gründung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er vertritt sowohl Displaced Persons als auch deutsche Juden. Etwa 21.500 jüdische Gläubige sind 1951 in siebzig Gemeinden organisiert, durchweg im Westen. In der DDR werden Juden zu dieser Zeit noch diskriminiert, gelegentlich als "Konterrevolutionäre" und "zionistische Agenten" verfolgt. Viele von ihnen siedeln in den Westen über. 1961 gibt es in der DDR nur noch eineinhalbtausend Juden, die sich zu ihrer Religion bekennen; sie bleiben praktisch ohne öffentliche Wirkung.
Innere Widersprüche
Erste Zuzüge von Einwanderern machen sich in den 1960er und 1970er Jahren bemerkbar: persische Juden, Flüchtlinge aus Ungarn in Folge des Volksaufstands von 1956, Juden aus Polen und aus der Sowjetunion. Damit gewinnt das jüdische Leben im Westen Deutschlands an Vielfalt, aber auch innere Widersprüche verschärfen sich: Eher liberale deutsche Juden sind mit der orthodoxen Vorstellungswelt vieler Zuwanderer und mit deren existenziellen Problemen konfrontiert.
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin, erbaut 1859 bis 1866, ist heute ein Zentrum für jüdische Kultur. (Bild: Andreas Praefcke)
Vor allem russische Juden ziehen nun ins Land des einstigen Feindes, dominieren zumindest quantitativ die vorhandenen Strukturen. Inneres Ziel der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik ist es heute, Elemente des westlichen und des osteuropäischen Judentums zu einer neuen Einheit zu verbinden.
Wichtige Schritte
Derzeit leben rund hunderttausend Juden in der Bundesrepublik, mehr als die Hälfte davon sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Das jüdische Leben hat in Deutschland wieder Fuß gefasst, das bezeugen neue und restaurierte Synagogen und Gemeindezentren unter anderem in Dresden, München und Berlin. Ein weiterer Schritt folgte im September 2006: Erstmals seit dem Holocaust wurden in Deutschland wieder Rabbiner ordiniert.
Michael Schmittbetz (05.11.2003/aktualisiert 05.05.2010)
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Das jüdische Erfurt
Bedeutender Ort jüdischen Lebens im Mittelalter und im 19. Jahrhundert war Erfurt. Bereits vor der ersten Jahrtausendwende hatte sich dort eine Gemeinde etabliert. Aus der Zeit des Erzbischofs Konrad von Mainz (etwa 1120 bis 1200) datiert der Erfurter Judeneid, das älteste erhaltene deutschsprachige Dokument dieser Art. Von der ersten Blüte der jüdischen Gemeinde zeugen noch heute die Alte Synagoge aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Brautschatz aus dem 14. Jahrhundert, der 1998 bei Bauarbeiten entdeckt wurde.
Vermutlich versteckten die Besitzer den Schatz, bestehend aus kostbaren Goldschmiedearbeiten, Silberbarren und mehreren tausend Münzen, im Jahr 1349. Damals wütete die Pest in der Stadt - die Bewohner gaben den Juden die Schuld dafür, stürmten das Judenviertel, töteten mehr als hundert Menschen und vertrieben den Rest.
Wenige Juden kehrten nach Erfurt zurück, 1458 untersagte man ihnen endgültig, sich dort niederzulassen. Die Alte Synagoge diente in den folgenden Jahrhunderten als Speicher, später als Kaffeehaus mit Varieté- und Tanzsaal.
Ab 1802 - Erfurt wurde preußisch - kamen auch wieder Juden in die Stadt; 1854 erhielten sie die Bürgerrechte. Es begann eine zweite Blüte jüdischer Kultur, man baute Synagogen und engagierte sich in der Stadt. Wichtige Persönlichkeiten waren Alfred Machol, der das Erfurter Chirurgische Klinikum begründete, der "Vater" der Thüringer Landesverfassung Eduard Rosenthal oder der Kunstmäzen Alfred Hess.
Die Naziherrschaft beendete die Blüte; nur fünfzehn der einst über achthundert Menschen der Gemeinde überlebten Terror und Todeslager. 1952 verwirklichte Erfurt den einzigen Synagogenneubau in der DDR. Die Gemeinde war durch Zuwanderer gewachsen, schrumpfte aber angesichts zunehmender Diskriminierung seitens des Staates auf 26 Mitglieder im Jahr 1989.
Heute zählt die jüdische Gemeinde Erfurt rund 580 Mitglieder - der Großteil von ihnen stammt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Im Oktober 2009 öffnete die restaurierte Alte Synagoge wieder ihre Pforten, als zentraler Ort der Erinnerung an die jüdische Geschichte Erfurts. Auch die Kostbarkeiten des Brautschatzes sind dort zu sehen.
Bedeutender Ort jüdischen Lebens im Mittelalter und im 19. Jahrhundert war Erfurt. Bereits vor der ersten Jahrtausendwende hatte sich dort eine Gemeinde etabliert. Aus der Zeit des Erzbischofs Konrad von Mainz (etwa 1120 bis 1200) datiert der Erfurter Judeneid, das älteste erhaltene deutschsprachige Dokument dieser Art. Von der ersten Blüte der jüdischen Gemeinde zeugen noch heute die Alte Synagoge aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Brautschatz aus dem 14. Jahrhundert, der 1998 bei Bauarbeiten entdeckt wurde.
Vermutlich versteckten die Besitzer den Schatz, bestehend aus kostbaren Goldschmiedearbeiten, Silberbarren und mehreren tausend Münzen, im Jahr 1349. Damals wütete die Pest in der Stadt - die Bewohner gaben den Juden die Schuld dafür, stürmten das Judenviertel, töteten mehr als hundert Menschen und vertrieben den Rest.
Wenige Juden kehrten nach Erfurt zurück, 1458 untersagte man ihnen endgültig, sich dort niederzulassen. Die Alte Synagoge diente in den folgenden Jahrhunderten als Speicher, später als Kaffeehaus mit Varieté- und Tanzsaal.
Ab 1802 - Erfurt wurde preußisch - kamen auch wieder Juden in die Stadt; 1854 erhielten sie die Bürgerrechte. Es begann eine zweite Blüte jüdischer Kultur, man baute Synagogen und engagierte sich in der Stadt. Wichtige Persönlichkeiten waren Alfred Machol, der das Erfurter Chirurgische Klinikum begründete, der "Vater" der Thüringer Landesverfassung Eduard Rosenthal oder der Kunstmäzen Alfred Hess.
Die Naziherrschaft beendete die Blüte; nur fünfzehn der einst über achthundert Menschen der Gemeinde überlebten Terror und Todeslager. 1952 verwirklichte Erfurt den einzigen Synagogenneubau in der DDR. Die Gemeinde war durch Zuwanderer gewachsen, schrumpfte aber angesichts zunehmender Diskriminierung seitens des Staates auf 26 Mitglieder im Jahr 1989.
Heute zählt die jüdische Gemeinde Erfurt rund 580 Mitglieder - der Großteil von ihnen stammt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Im Oktober 2009 öffnete die restaurierte Alte Synagoge wieder ihre Pforten, als zentraler Ort der Erinnerung an die jüdische Geschichte Erfurts. Auch die Kostbarkeiten des Brautschatzes sind dort zu sehen.



