Seite drucken

LexiTV - Das MDR Wissensmagazin - Bildung für alle

 

Dieser Artikel gehört zum Thema

Jüdisches Leben

Infobox

Das jüdische Erfurt
Bedeutender Ort jüdischen Lebens im Mittelalter und im 19. Jahrhundert war Erfurt. Bereits vor der ersten Jahrtausendwende hatte sich dort eine Gemeinde etabliert. Aus der Zeit des Erzbischofs Konrad von Mainz (etwa 1120 bis 1200) datiert der Erfurter Judeneid, das älteste erhaltene deutschsprachige Dokument dieser Art. Von der ersten Blüte der jüdischen Gemeinde zeugen noch heute die Alte Synagoge aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Brautschatz aus dem 14. Jahrhundert, der 1998 bei Bauarbeiten entdeckt wurde.

Vermutlich versteckten die Besitzer den Schatz, bestehend aus kostbaren Goldschmiedearbeiten, Silberbarren und mehreren tausend Münzen, im Jahr 1349. Damals wütete die Pest in der Stadt - die Bewohner gaben den Juden die Schuld dafür, stürmten das Judenviertel, töteten mehr als hundert Menschen und vertrieben den Rest.

Wenige Juden kehrten nach Erfurt zurück, 1458 untersagte man ihnen endgültig, sich dort niederzulassen. Die Alte Synagoge diente in den folgenden Jahrhunderten als Speicher, später als Kaffeehaus mit Varieté- und Tanzsaal.

Ab 1802 - Erfurt wurde preußisch - kamen auch wieder Juden in die Stadt; 1854 erhielten sie die Bürgerrechte. Es begann eine zweite Blüte jüdischer Kultur, man baute Synagogen und engagierte sich in der Stadt. Wichtige Persönlichkeiten waren Alfred Machol, der das Erfurter Chirurgische Klinikum begründete, der "Vater" der Thüringer Landesverfassung Eduard Rosenthal oder der Kunstmäzen Alfred Hess.

Die Naziherrschaft beendete die Blüte; nur fünfzehn der einst über achthundert Menschen der Gemeinde überlebten Terror und Todeslager. 1952 verwirklichte Erfurt den einzigen Synagogenneubau in der DDR. Die Gemeinde war durch Zuwanderer gewachsen, schrumpfte aber angesichts zunehmender Diskriminierung seitens des Staates auf 26 Mitglieder im Jahr 1989.

Heute zählt die jüdische Gemeinde Erfurt rund 580 Mitglieder - der Großteil von ihnen stammt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Im Oktober 2009 öffnete die restaurierte Alte Synagoge wieder ihre Pforten, als zentraler Ort der Erinnerung an die jüdische Geschichte Erfurts. Auch die Kostbarkeiten des Brautschatzes sind dort zu sehen.