Im Auftrag Gottes
Mutter Teresa wurde schon zu Lebzeiten wie eine Heilige verehrt. Wie die tiefgläubige Christin dem Elend auf Kalkuttas Straßen begegnete, brachte ihr aber nicht nur Bewunderung ein.Ikone der Barmherzigkeit: Mutter Teresa, *26. August 1910, † 5. September 1997. (Bild: Evert Odekerken; Lizenz: Creative Commons)
Die Nachricht erfüllte die Menschen weit über Indiens Grenzen hinaus mit Trauer. Als "Engel der Armen" hatte die Nonne aus dem fernen Albanien Weltruhm erlangt. Noch heute ist Mutter Teresa, deren Arbeit 1979 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, leuchtendes Vorbild für viele, eine Ikone der Barmherzigkeit.
Streng katholisches Umfeld
Geboren wurde die spätere Mutter Teresa 1910 in Skopje, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Die kleine Agnes, so ihr richtiger Name, wuchs in einem streng katholischen Umfeld auf. In jungen Jahren schon soll sie den Wunsch verspürt haben, Missionarin zu werden.
Als Achtzehnjährige erfüllte sie sich diesen Traum und trat dem irischen Orden der Loretoschwestern bei. Eine Verehrerin der französischen Heiligen Thérèse von Lisieux (1873 bis 1897), nahm Agnes deren Namen an und wurde so zu Schwester Teresa. Kurz darauf schickte der Orden, der sich vor allem der schulischen Erziehung und Ausbildung von Kindern widmet, sein neues Mitglied ins indische Bengalen.
"Ruf Gottes"
Kalkutta, jener städtische Moloch, den Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts bereits über vier Millionen Menschen bevölkerten, sollte für fast siebzig Jahre Teresas Heimat werden. Zunächst Lehrerin an einer Schule für Töchter der indischen Oberschicht, vernahm sie nach eigenem Bekunden 1946 den "Ruf Gottes", sich um die Ärmsten der Armen zu kümmern. Kurz darauf tauschte Schwester Teresa das Leben in der eleganten Missionsschule mit dem auf Kalkuttas Straßen.
Für ihr Engagement erhielt Mutter Teresa 1985 die amerikanische Freiheitsmedaille vom damals amtierenden US-Präsidenten Ronald Reagan.
Dort herrschte - und herrscht noch heute - das blanke Elend. Obdachlose, Kranke und Sterbende bevölkern die Slums, Waisenkinder betteln oder suchen im Müll nach Essbarem. Diesen Menschen beizustehen, war fortan Teresas göttlicher Auftrag.
Sie gründete 1950 einen eigenen Orden, die Missionarinnen der Nächstenliebe, und mit einer wachsenden Zahl an Gefährtinnen soll Mutter Teresa zeit ihres Lebens Zehntausende von der Straße geholt haben, um in eigens eingerichteten Heimen Hungernde zu verpflegen, Kranke medizinisch zu versorgen und Sterbende zu trösten.
Die Tochter eines erfolgreichen Kaufmanns verstand sich gut darauf, ihr wohltätiges Unternehmen zu vergrößern und mit finanziellen Mitteln auszustatten. Zupass kam Teresa dabei auch das Interesse der internationalen Presse, nachdem die BBC 1969 eine Dokumentation über das Engagement der bis dato unbekannten Nonne ausgestrahlt hatte. Geschickt nutzte die ihre wachsende Popularität: Die Mächtigen der Welt, demokratisch gewählte Präsidenten wie Diktatoren, empfingen die fromme Armendienerin, bedachten sie mit höchsten Ehren - und mit Spenden in Millionenhöhe.
Weltweit aktiv
Heute sind die Missionarinnen der Nächstenliebe in 133 Ländern aktiv, mehr als 5.000 Schwestern arbeiten in den 710 Häusern, die der Orden weltweit betreibt. Darüber hinaus folgen Jahr für Jahr unzählige Freiwillige dem Beispiel der Ordensgründerin und helfen in Mutter Teresas Heimen für Sterbende, in Waisenhäusern und in Stationen für Lepra- oder Aidskranke.
Erste Stufe einer Heiligen
Bereits zu Lebzeiten wurde Mutter Teresa von vielen wie eine Heilige verehrt. So scheint es nur konsequent, dass bereits zwei Jahre nach ihrem Tod der Selig- und Heiligsprechungsprozess für die vorbildliche Christin begann - und das, obwohl dieses Verfahren üblicherweise frühestens fünf Jahre nach dem Tod eines Menschen eingeleitet werden darf. Mit der Seligsprechung am 19. Oktober 2003 hob Papst Johannes Paul II. seine hoch geachtete Missionarin der Nächstenliebe auf die erste Stufe einer Heiligen.
Ulrike Wolf (20.08.2010)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Mutter Teresa | ![]() |
Infobox
Hinter dem Mythos
Bereits zu Lebzeiten Mutter Teresas gab es kritische Stimmen, die am Bild des "Engels der Armen" kratzen. Auf den Vorwurf, ihre Arbeit sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sie behandle lediglich die Symptome des Elends, statt ihre Kraft für eine Verbesserung der Lebensbedingungen einzusetzen, entgegnete sie: "Ich bin nicht für den großen Weg, die Dinge zu tun. Worauf es uns ankommt, ist der Einzelne." Außerdem seien sie und ihre Gefährtinnen Nonnen, keine Sozialarbeiter - und keine Krankenschwestern.
Immer wieder kritisierten Ärzte die fachlich mangelhafte Betreuung Kranker und Sterbender durch den Orden. Die Schwestern seien medizinisch schlecht ausgebildet, und in den Heimen herrschten erschreckende Zustände: Menschen mit ansteckenden Krankheiten würden von weniger schwer Erkrankten nicht isoliert, Spritzen und Instrumente (sofern vorhanden) nicht richtig desinfiziert. Sterbenden seien Schmerzmittel verweigert worden - der Schmerz, so glaubte Mutter Teresa, bringe den Menschen Jesus näher, lasse ihn am Leiden Christi teilhaben.
Auch Teresas konservativer Katholizismus brachte sie in die Kritik: So habe sie jede Gelegenheit genutzt, ihre ablehnende Haltung gegenüber Abtreibung und Verhütung öffentlichkeitswirksam zu verbreiten. Für den indischen Autor Aroup Chatterjee, der sich kritisch mit Mutter Teresas Lebenswerk auseinandersetzt, ist sie der "beste Verkäufer des Vatikans".
Bereits zu Lebzeiten Mutter Teresas gab es kritische Stimmen, die am Bild des "Engels der Armen" kratzen. Auf den Vorwurf, ihre Arbeit sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sie behandle lediglich die Symptome des Elends, statt ihre Kraft für eine Verbesserung der Lebensbedingungen einzusetzen, entgegnete sie: "Ich bin nicht für den großen Weg, die Dinge zu tun. Worauf es uns ankommt, ist der Einzelne." Außerdem seien sie und ihre Gefährtinnen Nonnen, keine Sozialarbeiter - und keine Krankenschwestern.
Immer wieder kritisierten Ärzte die fachlich mangelhafte Betreuung Kranker und Sterbender durch den Orden. Die Schwestern seien medizinisch schlecht ausgebildet, und in den Heimen herrschten erschreckende Zustände: Menschen mit ansteckenden Krankheiten würden von weniger schwer Erkrankten nicht isoliert, Spritzen und Instrumente (sofern vorhanden) nicht richtig desinfiziert. Sterbenden seien Schmerzmittel verweigert worden - der Schmerz, so glaubte Mutter Teresa, bringe den Menschen Jesus näher, lasse ihn am Leiden Christi teilhaben.
Auch Teresas konservativer Katholizismus brachte sie in die Kritik: So habe sie jede Gelegenheit genutzt, ihre ablehnende Haltung gegenüber Abtreibung und Verhütung öffentlichkeitswirksam zu verbreiten. Für den indischen Autor Aroup Chatterjee, der sich kritisch mit Mutter Teresas Lebenswerk auseinandersetzt, ist sie der "beste Verkäufer des Vatikans".



