Hinter den Kulissen
Forscher konzentrieren sich auf die Entstehung und Behandlung von Schlafstörungen. Die stehen im engen Zusammenhang mit neuen Gewohnheiten beim Schlafen. Wie hat sich die Schlafkultur gewandelt?Wer schläft, sündigt nicht - wie unzeitgemäß ist diese Einstellung in unserer hektischen Leistungsgesellschaft. Wer zu viel Zeit im Bett verbringt, gerät schnell in den Ruf, ein arbeitsscheuer Faulenzer zu sein. Nach sieben, höchstens acht Stunden Bettruhe hat jeder rechtschaffene Mensch seine Schlafstatt zu verlassen, an die Arbeit zu eilen und so der Gemeinschaft zu dienen!
Liegende Rechtschaffenheit
Dabei kann man doch ebenso rechtschaffen im Bett sein: Winston Churchill beispielsweise verbrachte hier gerne die Vormittage mit der Bearbeitung seiner Korrespondenz, mit Diktaten oder mit Lektüre. Spötter meinen, der britische Premier habe den Zweiten Weltkrieg, immer dicht an der Whiskyflasche, vom Bett aus geführt - und gewonnen. Mag man heute die Nase rümpfen angesichts solcher "Dekadenz", in der antiken Bettkultur der Griechen und Römer - gewissermaßen die Wiege der abendländischen Zivilisation - war es gang und gäbe, einen Großteil des Tages auf Betten liegend zu verbringen.
Für jeden Zweck ein Bett
Betten waren zu jener Zeit alles andere als nur Schlafstätten: In römischen Haushalten wurden sogar die Mahlzeiten liegend eingenommen. Im ganzen Haus verteilt gab es verschiedene Liegestätten, die jeweils einem bestimmten Zweck dienten: das Lectulus zum Lesen, Schreiben und Essen, oder das Triclinium für größere Gelage. Und jene, die es sich leisten konnten, ließen sich von sechs bis acht Sklaven in einer Lectica genannten Sänfte durch die Gegend tragen.
Im Cubiculum verbrachte man schließlich die Nacht - die ganze Familie einschließlich der Domestici, der Haussklaven, die sich neben dem Bett der Herrschaft auf dem Boden ausbreiteten. Noch Jahrhunderte blieb es Sitte, nicht nur den Schlafraum sondern auch das Bett mit vielen Menschen zu teilen.
Prunkvolles Empfangszimmer
Erst in der Renaissance, und der damit verbundenen neuen Auffassung von Individualität, verschwand das gemeinsame Schlafen. Wirkliche Privatheit und Intimität boten aber auch die Schlafgemächer jener Zeit noch nicht. Besonders in der höfischen Gesellschaft diente das Schlafzimmer nicht nur der nächtlichen Erholung, sondern auch als prunkvolles Empfangszimmer. Das so genannte Prachtbett war zugleich räumliches und herrschaftliches Zentrum, das Aufstehen und Zubettgehen wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens.
Die schlafende Schöne von Traversi, aus dem Jahr 1750.
Die, wie der Soziologe Norbert Elias sie nennt, Intimisierung und Privatisierung des Schlafens hat ihre Wurzeln in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Seit dem entwickelte sich das Schlafzimmer zu einem der intimsten Lebensbereiche. Der Akt des Schlafens verlagerte sich hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens, den Blicken der anderen entzogen durch sichtbare, aber auch unsichtbare Mauern. So ist es heutzutage üblich, dass jedes Familienmitglied sein eigenes Bett, wenn nicht gar sein eigenes Schlafzimmer hat.
Wertlose Auszeit
Davon konnten die meisten Arbeiter vor nicht allzu langer Zeit allerdings nur träumen. Die Wohnverhältnisse, besonders in den Industriestädten, waren prekär: Familien schliefen weiterhin in einem Bett, manche konnten sich gar kein Bett leisten. Zu dieser Zeit galt Schlaf aber sowieso als gesundheitsschädlich und als wertlose Auszeit. Und bis heute ist Arbeit Grundlage des Lebens, Ermüdung dagegen hemmt die Arbeitskraft und gefährdet die Existenz.
Privatisierung des Schlafens
So entwickelte sich der Schlaf auch in diesem Zusammenhang zum individualisierten Zustand. Die durch Zeitzwänge und durch gesellschaftliche Konventionen veränderten Schlafgewohnheiten führten zur Privatisierung des Schlafens. Aus der ehemals kollektiven Angelegenheit wurde also eine Privatsache - räumlich wie auch gesellschaftlich.
Ulrike Wolf (17.06.2004)
Infobox
Dösen im Dienst
Kaum einer, der es nicht tut: Ob Politiker im Parlament, Manager in Firmensitzungen oder Schüler im Unterricht - Schlummern in der Öffentlichkeit ist in Japan weit verbreitet. Häufig ist das auf chronische Erschöpfung zurückzuführen, arbeiten Japaner doch im Jahr durchschnittlich 400 Stunden länger als die Deutschen.
Dass Japaner aber in der Regel mehrmals pro Tag dösen, erstaunte sogar die Japanologin Brigitte Steger. Während der Studien zu ihrem Buch (Keine) Zeit zum Schlafen? Kulturhistorische und sozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten recherchierte sie vor Ort - und hat dabei interessante Entdeckungen gemacht: Für das Dösen im Dienst entwickelten die Japaner zum Beispiel eine Technik, um jeglichen Eindruck von Abwesenheit zu vermeiden: beim Erwachen die Augenlider nicht sofort öffnen, sondern warten, bis der Gesprächsfaden wieder klar ist.
Kaum einer, der es nicht tut: Ob Politiker im Parlament, Manager in Firmensitzungen oder Schüler im Unterricht - Schlummern in der Öffentlichkeit ist in Japan weit verbreitet. Häufig ist das auf chronische Erschöpfung zurückzuführen, arbeiten Japaner doch im Jahr durchschnittlich 400 Stunden länger als die Deutschen.
Dass Japaner aber in der Regel mehrmals pro Tag dösen, erstaunte sogar die Japanologin Brigitte Steger. Während der Studien zu ihrem Buch (Keine) Zeit zum Schlafen? Kulturhistorische und sozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten recherchierte sie vor Ort - und hat dabei interessante Entdeckungen gemacht: Für das Dösen im Dienst entwickelten die Japaner zum Beispiel eine Technik, um jeglichen Eindruck von Abwesenheit zu vermeiden: beim Erwachen die Augenlider nicht sofort öffnen, sondern warten, bis der Gesprächsfaden wieder klar ist.


