Das große Warum
Wieso nur lief alles genau in der Weise ab, dass wir ein Ergebnis sind? War es Zufall, dass die Bedingungen am Anfang späteres Leben erlaubten? Oder steckt doch ein Masterplan dahinter?Die Spiralgalaxis M101: Wie anders sähe das Weltall aus, wenn andere Anfangs- werte sein Schicksal bestimmt hätten! (Bild: NASA/ESA)
Unzählige zufällige Voraussetzungen
Dass binnen 15 Milliarden Jahren seit dem Big Bang aus dem Nichts hochkomplexes Leben und Bewusstsein wachsen konnte, setzt unzählige zufällige Anfangsbedingungen voraus: der minimale Überschuss von Materie über Antimaterie, die Massendifferenz von Proton und Neutron, bestimmte Werte wichtiger Naturkonstanten wie Lichtgeschwindigkeit, Plancksches Wirkungsquantum, Masse der Elementarteilchen und mehr.
Weder Liebe noch Krieg
Selbst bei geringster Abweichung von den gegebenen Verhältnissen unmittelbar nach dem Zeitpunkt Null hätte nie ein Bewusstsein vor der Aufgabe gestanden, die komplexen Prozesse im Universum zu verstehen. Es gäbe weder Beethoven-Sonaten noch Motorengeräusche, weder Liebe noch Krieg, weder Schaffensfreude noch Arbeitslosigkeit.
Der Astronom Otto Heckmann schrieb 1975: "Kein Hochmut und keine Theologie hat in die Gesamtheit der Argumentation hineingespielt, wenn wir erkennen, dass ein ganzer Kosmos von unwahrscheinlichen Baubedingungen und von sehr spezifischer Unwahrscheinlichkeit in die wirkliche Existenz kommen musste, damit der Mensch ins Leben treten konnte."
Zufällig, doch eindeutig
Es sieht so aus, als hätte das Universum vom Big Bang an eine zwar zufällig "gewählte", doch sehr eindeutige Richtung genommen. Tatsächlich entsprechen die Anfangsbedingungen "unseres" Universums haargenau den Erfordernissen, welche für die biologische Evolution intelligenten Lebens Voraussetzung sind. Zumindest besteht kein Grund, daran zu zweifeln - weshalb das so genannte schwache anthropische Prinzip (von griechisch: anthropos = Mensch) auch von der Mehrzahl der Wissenschaftler bejaht wird.
New Orleans im Satellitenbild: Warum wuchs Leben aus den Zufällen des Big Bang? (Bild: NASA/JPL/NGA)
Anders ist es um eine viel weitergehende Deutung bestellt: Wenn das Universum von Beginn an die Eigenschaften haben musste, die es schließlich in die Lage versetzten, Bewusstsein hervorzubringen (starkes anthropisches Prinzip), dann ist die Konsequenz eines göttlichen Masterplans unabweisbar. Wirklich war es der Naturwissenschaftler und Theologe Pierre Teilhard de Chardin (1881 - 1955), der die These von der "gelenkten Kosmogenese" erstmals in systematischer Form vertrat.
Warum vier Dimensionen?
Verwirrend wirkt das Geflecht von Notwendigkeit und Zufall hinsichtlich der frühesten Augenblicke des Universums allemal. Zu den im Sinne des anthropischen Prinzips notwendigen Anfangsbedingungen zählt ja auch die Entfaltung des Universums in den uns intuitiv bekannten drei Raumdimensionen plus Zeitdimension: Warum entstand das Universum nicht als vier-, fünf oder zehndimensionaler Raum, warum nicht lediglich zweidimensional plus Zeit? Überraschend kommt an dieser Stelle ein neues Modell der universellen Grundstruktur ins Spiel, welches die alte Vorstellung kugel- oder punktförmiger und im Zeitverlauf bewegter Elementarteilchen aufhebt: die Theorie der Super-Strings.
Zunächst bot jenes Modell, das die vertrauten Elementarteilchen als Anregungszustände - oder Schwingungen - eindimensionaler Schlaufen (Strings) oder zweidimensionaler Membranen betrachtet, einige handfeste Vorteile, zum Beispiel bei der Interpretation der Kräfte zwischen Kernbestandteilen. Bald aber resultierte aus den Formeln ein schwerwiegendes Problem: Stringtheorien scheinen nur widerspruchsfrei zu sein, wenn die Raumzeit 10 oder 26 Dimensionen, nicht jedoch, wenn sie die üblichen vier Dimensionen hat!
Parallele Möglichkeiten
Steckt gerade darin vielleicht die Chance, den Punkt Null zu erklären? Gelingt es uns, hinter den Anfangspunkt unserer Dimensionalität zu schauen, also dort weiterzufragen, wo die "klassische" Astrophysik aufhört? Mehr noch: Ist der aus unserer Perspektive so notwendige, unwahrscheinliche Zufall des Zustandekommens exakt der gegebenen Anfangsbedingungen in der vierdimensionalen Raumzeit nun erklärbar, weil er gar kein Zufall ist, sondern nur eine von unendlich vielen parallelen Möglichkeiten?
So würde das Tier auseinanderfallen. Es sei denn, Nahrungsaufnahme und Aus- scheidung erfolgen über denselben Kanal. Will es ein anderes Tier überholen, muss es klettern.
Tatsächlich versuchen Astrophysiker heute, den Ursprung des Universums als Quantentunneleffekt, den Big Bang als "Tunneln" eines beispielsweise zehndimensionalen Raumes in eine vierdimensionale Raumzeit zu verstehen. Und Big Bangs gibt es sozusagen dauernd, nur nicht unbedingt in "unserer" Dimensionalität. Wenn die Zahl der "Varianten" aber quasi unendlich ist, dann ist die Entstehung des Bewusstseins irgendwann in irgendeiner dieser Dimensionalitäten kein unwahrscheinlicher Zufall mehr, sondern auch ohne den Plan eines Schöpfers nur folgerichtig.
"Aufgerollt" auf dem String
Freilich hat das elegante Modell seinen Preis: Denn die Frage, was mit den "restlichen" Dimensionen geschehen ist und geschieht, drängt sich auf. Sind sie nach wie vor Aspekte unserer Realität, aber "aufgerollt" in winzigen Räumen, wie die Stringtheorie behauptet?
Letzthin begründen allein Zweckmäßigkeitserwägungen die "Entscheidung" für den dreidimensionalen Raum plus Zeit als Daseinsweise "unseres" Universums: im zweidimensionalen Raum, wenn er denn zur Verfügung stände, wäre es reichlich unbequem und unhygienisch (siehe Bild); im vierdimensionalen Raum würde die Erde auf spiralförmiger Bahn in die Sonne stürzen. Die Annahme beliebig vieler Paralleluniversen verschiedener Dimensionalität, so reizvoll sie ist, scheint den Zufall (dass gerade hier die Bedingungen für uns günstig sind) nur auf eine höhere Stufe zu heben.
Ein Moment des Geschehens
Das große Warum über seine Existenz, welches das Bewusstsein sich entgegenhält, bleibt folglich erhalten. Auch die Stringtheorie hebelt das anthropische Prinzip nicht aus, sie landet wieder bei ihm. Wir beobachten und deuten was geschieht, weil wir, die Beobachter, ein Moment des Geschehens sind. Ist dieses Moment notwendig-ewig oder zufälligvergänglich? Raum und Zeit können nicht sein ohne Materie und Bewegung. Ob alles zusammen ohne unsere Anschauung sein kann, braucht uns an sich nicht zu interessieren.
Michael Schmittbetz (13.03.2006)
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Auf Teilhard de Chardin...
bezog sich Mitte der 1990er Jahre der Astrophysiker Frank J. Tipler in einem Buch mit dem vielsagenden Titel Physik der Unsterblichkeit. Allerdings brauchte Tipler das spezielle Friedmannsche "Weltmodell" der vollständigen Re-Kontraktion des Universums, um im Omega-Punkt (dem Punkt, an dem das Wiederzusammenziehen abgeschlossen ist) das Paradies der Bibel zu erblicken. Tröstlich an der Theorie mag sein, dass Bewusstsein dort nicht bloß Zwischenstufe kosmologischer Entwicklung ist, sondern ihr nicht rücknehmbares Ziel.
bezog sich Mitte der 1990er Jahre der Astrophysiker Frank J. Tipler in einem Buch mit dem vielsagenden Titel Physik der Unsterblichkeit. Allerdings brauchte Tipler das spezielle Friedmannsche "Weltmodell" der vollständigen Re-Kontraktion des Universums, um im Omega-Punkt (dem Punkt, an dem das Wiederzusammenziehen abgeschlossen ist) das Paradies der Bibel zu erblicken. Tröstlich an der Theorie mag sein, dass Bewusstsein dort nicht bloß Zwischenstufe kosmologischer Entwicklung ist, sondern ihr nicht rücknehmbares Ziel.



