Die schwer Regierbare
Brüssel ist bekannt für Pommes, Pralinen, das Manneken pis - und seit neuestem auch für eine steigende Kriminalitätsrate. Was macht Brüssel heute zu einer der gefährlichsten Hauptstädte Europas?Prächtiges Brüssel: Beim Flanieren über die Grand-Place ahnen Touristen nichts von den sozialen Problemen der Stadt.
Inzwischen rangiert Brüssel nach Amsterdam, Luxemburg, Tallinn und Vilnius auf dem fünften Platz der unsichersten europäischen Hauptstädte. Die Gründe für das Problem sind so vielfältig, wie die Stadt selbst.
Kaum eine andere europäische Hauptstadt ist wirtschaftlich und kulturell so heterogen: Wallonische und flämische Einwohner treffen hier aufeinander, genau so wie 35.0000 wohlhabende EU-Beamte und häufig in Armut lebende Zuwanderer, die vierzig Prozent der Brüsseler Bevölkerung ausmachen. In vielen Stadtteilen liegt die Rate der Jugendarbeitslosigkeit bei fünfzig Prozent. Eine brisante Mischung.
EU-Beamte als "Maden im Speck"
Wachsende soziale Spannungen sind eine Ursache für florierendes Verbrechen. Angestellte der internationalen Institutionen bedienen unter sozial Benachteiligten gern das Bild der "Maden im Speck", denen es auch in der Finanzkrise gut geht, die mittags in Maßanzügen essen gehen - kurz, denen ein Raubüberfall "nicht weh tut".
Darunter leidet auch der Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis, dessen Auto dreimal innerhalb von zwei Monaten aufgebrochen wurde. Als angespannt beschreibt der Liberale die Stimmung in der Stadt: "Das Schlimmste ist, dass es ein Teil der lokalen Bevölkerung gut findet, wenn wir Europäer bestohlen werden."
Vor dem Europäischen Parlament: Die gläsernen Bauten des Europaviertels sind für viele Brüsseler eine fremde Welt.
Diebstähle im einst als sicher geltenden Europaviertel machen in der internationalen Berichterstattung die Runde: In brutalen Angriffen erleichterten Diebe ihre Opfer um Smartphones, Schmuck, Laptops, Bargeld und Kreditkarte. Kaum ein Regierungs- und Botschaftsgebäude bliebe von Einbrüchen verschont, konstatiert die deutsche Tageszeitung Die Welt.
Und wie reagiert die Brüsseler Polizei auf die ansteigende Zahl der Straftaten? Ein Fall im Jahr 2009 zog hier besondere Aufmerksamkeit auf sich: Zwei Jugendliche in schwarzen Kapuzenpullovers und Baseballmützen schlagen die 46jährige Europaabgeordnete Angelika Niebler, gerade auf dem Heimweg von einem Abendessen im Europaviertel, auf offener Straße zusammen. Noch mit dem Diebesgut in den Händen treten sie weiter auf ihr Opfer ein. Schwer verletzt bleibt die Abgeordnete liegen, die Ambulanz kommt nach vierzig Minuten, von der verständigten Polizei keine Spur.
Unterbesetzte Polizei
Die leidet nämlich an akutem Personal- und Materialmangel und kann oft nur achselzuckend Bestand aufnehmen. Warum? Die Antwort führt zum nächsten Problem: Belgien war zwischen 2010 und 2011, gespalten zwischen flämischen und wallonischen Interessen, fast anderthalb Jahre regierungslos - ein Weltrekord. Das finanzielle Engagement der Flamen für das überwiegend frankophone, in Flamen liegende Brüssel hält sich noch immer in Grenzen. Die dringend nötige Personalaufstockung der Polizei blieb bisher auf der Strecke.
Straßenansicht in Molenbeek: Eine Parallelwelt? Zu etwa neunzig Prozent bewohnen Zuwanderer erster bis dritter Generation das Viertel. (Foto: Auteur Poulsen; Creative Commons)
Busfahrer kämpfen für mehr Sicherheit
Der Streik der Bus- und Bahnfahrer machte im April 2012 auf die katastrophale Sicherheitslage der Stadt aufmerksam. Anlass war der im Dienst totgeschlagene Kollege Iliaz Tahiraj. Die Belegschaft verweigerte über mehrere Tage die Arbeit. Ihre Forderungen nach mehr Sicherheitspersonal in öffentlichen Verkehrsmitteln erfüllte die Innenministerin Joëlle Milquet nach einem umgehend einberufenen Krisengipfel.
Eine tiefer gehende Problembehandlung erhoffen sich die Brüsseler von der im November 2011 neu gebildeten Regierung unter dem wallonischen Sozialisten Elio Di Rupo. Gegensätze und kulturelle Vielfalt machen Brüssel seit jeher aus. Doch verlangen eben diese Eigenheiten ganze Aufmerksamkeit.
Sandra Thiele (03.05.2012)
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Mehr als eine Bürostadt
Dass die belgische Hauptstadt nicht nur aus kahlen Bürobauten der EU und der NATO besteht, ist für viele Menschen, die die Stadt zum ersten Mal besuchen, eine Überraschung.
Touristische Highlights sind neben der Grand-Place, dem gotischen Rathaus, der Kathedrale Saint Michel und dem Atomium auch die etwa 15.000 gut erhaltenen Jugendstilbauten. Nicht verpassen sollten Besucher außerdem das Comic Museum sowie ein kühles belgisches Bier in einer der historischen Bars der Stadt.
Touristische Highlights sind neben der Grand-Place, dem gotischen Rathaus, der Kathedrale Saint Michel und dem Atomium auch die etwa 15.000 gut erhaltenen Jugendstilbauten. Nicht verpassen sollten Besucher außerdem das Comic Museum sowie ein kühles belgisches Bier in einer der historischen Bars der Stadt.
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Europa in Brüssel
Brüssel beherbergt den Großteil der europäischen Institutionen und gilt daher als "Hauptstadt Europas". Der Weg dahin führte über einige Umwege.
1951 unterzeichneten die Staatschefs der Benelux-Staaten, Frankreichs, Deutschlands und Italiens den Vertrag von Paris und gründeten damit die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Als Sitz der Institution waren mehrere Städte im Gespräch. Brüssel galt als Favorit, doch die belgische Regierung selbst lehnte ihre Hauptstadt ab und schlug stattdessen Lüttich vor.
Zu einer Einigung kam es nicht, doch wurde Luxemburg zum provisorischen Sitz für die Hohe Behörde (später Kommission), den Ministerrat, den Gerichtshof (später Europäischer Gerichtshof) erklärt. Aufgrund seines großen Plenargebäudes erhielt Straßburg ebenso vorübergehend den Zuschlag für die Gemeinsame Versammlung (den Vorläufer des EU-Parlaments).
Die Römischen Verträge im Jahr 1957 sollten die Debatte wieder anheizen: Die neugegründete EWG und Euratom suchten einen Sitz. Um die Verhandlungen nicht zu behindern, stellte man diese Frage hinten an.
Dieses Mal wurde Brüssel mit ins Rennen geschickt; bei den Verhandlungen über einen gemeinsamen Sitz der Institutionen kam es jedoch wieder zu keiner Einigung. Deutschland und die Niederlande favorisierten Brüssel, Frankreich warb für Straßburg und Italien für Mailand.
Die europäische Tagespolitik ging indessen eigene Wege: Der Ministerrat tagte abwechselnd in Luxemburg und im Brüsseler Schloss Val Duchesse. Straßburg blieb Sitz des Parlaments.
Das zu dieser Zeit von der Europäischen Gemeinschaft beauftragte Expertenkomitee sprach sich positiv zur Kandidatur Brüssels aus: Die zentrale Lage auf neutralem Raum zwischen den europäischen Schwergewichten Deutschland und Frankreich sah man als strategisch günstig an.
Darüber hinaus war das großflächige Brüssel ein ökonomisches und kulturelles Zentrum mit guter Verkehrsanbindung, inmitten des neugegründeten europäischen Wirtschaftsraums.
Trotz des eindeutigen Gutachtens wurde 1959 ein dreijähriges Moratorium ausberufen. Danach sollte eine endgültige Entscheidung fallen. In dieser Zeit baute Brüssel seinen Favoritenstatus aus. Die belgische Regierung mietete im Osten der Stadt Büroräume an und investierte in neue Bürobauten. Während dieser Warte- und Vorbereitungsphase siedelten sich schon alle neuen Institutionen in Brüssel an.
Diesen Status quo bewahrten die Mitgliedsstaaten mit kleinen Änderungen - Luxemburg verlor den Sitz des Sekretariats des EGKS, der in Brüssel mit dem des EGKS in Brüssel fusionierte - auch 1965 im Vertrag von Brüssel. Luxemburg behielt den Europäischen Gerichtshof, einige Abteilungen der Kommission und das parlamentarische Sekretariat. Straßburg war weiterhin Hauptsitz des Parlaments.
Erst der Europäische Rat schaffte 1992 auf dem Gipfel von Edinburgh Klarheit: Brüssel wird der Zweitsitz des Parlaments zugesprochen - eine Festlegung, die die belgische Hauptstadt als Sitz der dort schon ansässigen europäischen Institutionen bestätigt.
Brüssel beherbergt den Großteil der europäischen Institutionen und gilt daher als "Hauptstadt Europas". Der Weg dahin führte über einige Umwege.
1951 unterzeichneten die Staatschefs der Benelux-Staaten, Frankreichs, Deutschlands und Italiens den Vertrag von Paris und gründeten damit die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Als Sitz der Institution waren mehrere Städte im Gespräch. Brüssel galt als Favorit, doch die belgische Regierung selbst lehnte ihre Hauptstadt ab und schlug stattdessen Lüttich vor.
Zu einer Einigung kam es nicht, doch wurde Luxemburg zum provisorischen Sitz für die Hohe Behörde (später Kommission), den Ministerrat, den Gerichtshof (später Europäischer Gerichtshof) erklärt. Aufgrund seines großen Plenargebäudes erhielt Straßburg ebenso vorübergehend den Zuschlag für die Gemeinsame Versammlung (den Vorläufer des EU-Parlaments).
Die Römischen Verträge im Jahr 1957 sollten die Debatte wieder anheizen: Die neugegründete EWG und Euratom suchten einen Sitz. Um die Verhandlungen nicht zu behindern, stellte man diese Frage hinten an.
Dieses Mal wurde Brüssel mit ins Rennen geschickt; bei den Verhandlungen über einen gemeinsamen Sitz der Institutionen kam es jedoch wieder zu keiner Einigung. Deutschland und die Niederlande favorisierten Brüssel, Frankreich warb für Straßburg und Italien für Mailand.
Die europäische Tagespolitik ging indessen eigene Wege: Der Ministerrat tagte abwechselnd in Luxemburg und im Brüsseler Schloss Val Duchesse. Straßburg blieb Sitz des Parlaments.
Das zu dieser Zeit von der Europäischen Gemeinschaft beauftragte Expertenkomitee sprach sich positiv zur Kandidatur Brüssels aus: Die zentrale Lage auf neutralem Raum zwischen den europäischen Schwergewichten Deutschland und Frankreich sah man als strategisch günstig an.
Darüber hinaus war das großflächige Brüssel ein ökonomisches und kulturelles Zentrum mit guter Verkehrsanbindung, inmitten des neugegründeten europäischen Wirtschaftsraums.
Trotz des eindeutigen Gutachtens wurde 1959 ein dreijähriges Moratorium ausberufen. Danach sollte eine endgültige Entscheidung fallen. In dieser Zeit baute Brüssel seinen Favoritenstatus aus. Die belgische Regierung mietete im Osten der Stadt Büroräume an und investierte in neue Bürobauten. Während dieser Warte- und Vorbereitungsphase siedelten sich schon alle neuen Institutionen in Brüssel an.
Diesen Status quo bewahrten die Mitgliedsstaaten mit kleinen Änderungen - Luxemburg verlor den Sitz des Sekretariats des EGKS, der in Brüssel mit dem des EGKS in Brüssel fusionierte - auch 1965 im Vertrag von Brüssel. Luxemburg behielt den Europäischen Gerichtshof, einige Abteilungen der Kommission und das parlamentarische Sekretariat. Straßburg war weiterhin Hauptsitz des Parlaments.
Erst der Europäische Rat schaffte 1992 auf dem Gipfel von Edinburgh Klarheit: Brüssel wird der Zweitsitz des Parlaments zugesprochen - eine Festlegung, die die belgische Hauptstadt als Sitz der dort schon ansässigen europäischen Institutionen bestätigt.



