Stadt der Arbeit
Den Spitznamen "sächsisches Manchester" erwarb sich Chemnitz während der Industrialisierung. Wie Pilze schossen damals Maschinenhallen und Fabriken aus dem Boden."In Chemnitz wird gearbeitet" - Blick in die Maschinenhalle des Unternehmers Richard Hartmann (1868).
Reißwölfe und Spinnmaschinen
Stützpfeiler des Erfolgs war eine junge, doch zukunftsträchtige Branche: der Maschinenbau. Der Zimmermann Carl Gottlieb Haubold eröffnete 1811 eine mechanische Maschinenbauanstalt, die in den 1820er Jahren zu boomen begann. Das Unternehmen stellte unter anderem Reißwölfe, Spinnmaschinen und Krempelmaschinen her und lockte sogar Arbeiter aus dem Ausland nach Chemnitz. Viele dieser jungen, hervorragend ausgebildeten Maschinenbauer gründeten später eigene Unternehmen, so dass Haubold heute als "Vater des Chemnitzer Maschinenbaus" gilt.
Ausländische Spezialisten
Im Zuge des Wachstums machten familiengeführte, überschaubare Werkstätten bald Großfabriken Platz und es bildete sich auch in Chemnitz eine Arbeiterklasse heraus. Deren Selbstbewusstsein bekam Richard Hartmann zu spüren: Ehemals Angestellter bei Haubold, hatte der tatkräftige Hartmann 1837 sein eigenes Maschinenbaugeschäft gestartet und war 1848 in die Lokomotivfabrikation eingestiegen. Lokomotiven aus Chemnitz fuhren bald durch ganz Sachsen, ein Teil wurde auch exportiert, das Unternehmen wuchs und gedieh. Unter den Arbeitern aber regte sich 1850 Unmut, weil Hartmann ausländische Spezialisten zu besseren Bedingungen eingestellt hatte als Chemnitzer Arbeiter.
Richard Hartmann (1809 bis 1878) war nicht nur erfolgreicher Maschinenbauer, er besaß auch Geschick im Umgang mit seinen Arbeitern.
Auf die Forderungen seiner Angestellten nach gleicher Bezahlung reagierte der Unternehmer, indem er den Arbeitern den Rauswurf androhte. Er wusste aber auch, dass jeder Tag, an dem die Maschinen still standen, Verluste brachte und dass er im Moment des Aufschwungs jeden Arbeiter brauchte. Ein Geistesblitz Hartmanns rettete für ihn die Lage: Statt höheren Löhnen bot er seinen Arbeitern eine "Fahrt mit dem Dampfwagen" nach Leipzig zur Industrieausstellung an! Begeistert ergriffen dreihundert Arbeiter, die nie aus Chemnitz herausgekommen waren, die einmalige Gelegenheit. Nicht nur, dass sich Hartmann so öffentlichkeitswirksam als fürsorgender Patriarch präsentierte, es gelang dem Unternehmer auch, die Arbeiterschaft zu spalten. Ein Teil der Belegschaft fuhr nach Leipzig. Andere aber, die weiter agitierten, wurden verhaftet und aus der Stadt ausgewiesen.
Ausgleich von Interessen
Die Chemnitzer Arbeiter waren damals noch weitgehend unorganisiert und ohne politische Rückendeckung. Erst nachdem 1862 im Königreich Sachsen das Koalitionsverbot aufgehoben wurde, entstanden Gewerkschaften im Chemnitzer Raum. 1866 gründete sich unter Mitwirkung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sächsische Volkspartei als Allianz zwischen bürgerlich-liberalen Kräften und Angehörigen von sozialistischen Arbeiterbildungsvereinen. Dieser "Chemnitzer Kompromiss" suchte den Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Unternehmer- und Arbeiterinteressen. Die Zustimmung bei den Wahlen 1867 blieb nicht aus: Die junge Partei entsandte drei Abgeordnete in den Reichstag des Norddeutschen Bundes.
Die Sächsische Maschinenfabrik um 1905: Chemnitz trägt dank seines Erfolgs den Spitznamen "sächsisches Manchester".
Derweil strebte die Industrieregion Chemnitz stetig nach oben. Die sächsische Stadt hatte sich den Ruf eines "sächsischen Manchester" erworben - einerseits wegen des Rußschleiers, den unzählige Schornsteine über die Stadt legten, andererseits wegen des wirtschaftlichen Erfolgs. Chemnitzer Produkte errangen Preise bei zahlreichen Ausstellungen, unter anderem in London und Paris; unzählige Innovationen kamen aus Westsachsen. Nicht zufällig entstand das Deutsche Patentrecht von 1877 unter Federführung des Chemnitzer Oberbürgermeisters Wilhelm André: Der wollte die zahlreichen Erfindungen, die in seiner Stadt gemacht wurden, vor Nachahmern schützen. Am Ende des 19. Jahrhunderts war Chemnitz die reichste Stadt Deutschlands...
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Chemnitz - ein Überblick
Vom sorbischen Wort Kamjenica ("Steinbach") leitet sich der Name des Flusses Chemnitz her, an dessen Ufern die gleichnamige Stadt liegt. Benediktiner gründeten dort im 12. Jahrhundert ein Kloster, 1143 erhielt es das Marktrecht. Aus dem ersten Jahrhundert der Stadtgeschichte stammt auch der Unterteil des Roten Turms, des Wahrzeichens der Stadt. Die Siedlung Chemnitz bekam im 14. Jahrhundert das Bleichrecht verliehen und wuchs zu einem Wirtschaftszentrum heran. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete die Stadt: Mehrmals von den Kaiserlichen und von den Schweden besetzt, von Feuern, Pest und Hungersnöten heimgesucht, waren 1648 zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört und die Bevölkerungszahl fast um die Hälfte gesunken.
Der Industriellen Revolution hatte Chemnitz im 19. Jahrhundert den Aufschwung zur zeitweise reichsten Stadt in Deutschland zu verdanken; Maschinenbau und später der Fahrzeugbau waren wichtige Wirtschaftszweige. 1883 erreichte Chemnitz die 100.000-Einwohner-Marke; bis 1930 stieg die Einwohnerzahl auf mehr als 360.000. Das historische Chemnitz, sagen Einheimische heute, sei zweimal zerstört worden: durch den Bombenhagel im März 1945 und durch den sozialistischen Wiederaufbau. Die Innenstadt erstand zu DDR-Zeiten nach sozialistischem Muster neu, mit Plattenbauten und breiten Straßen für Aufmärsche und Demonstrationen. Auch unter dem Namen Karl-Marx-Stadt, den Chemnitz von 1953 bis 1990 führte, war die Stadt wirtschaftlich bedeutend: Der Bezirk Karl-Marx-Stadt steuerte ein Drittel zur Industrieproduktion der DDR bei.
Heute hat sich der Wirtschaftsstandort Chemnitz als ein Zentrum des Maschinen- und Anlagenbaus, der Automobil- und Zulieferindustrie und der Mikrosystemtechnik etabliert. Investoren schätzen unter anderem die Nähe zur Forschung, etwa an der Technischen Universität und am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik. In Zukunft möchte sich Chemnitz noch stärker als Wissenschaftsstandort positionieren und hat das Jahr 2011 zu einem "Jahr der Wissenschaften" erklärt. Etwa 243.000 Menschen wohnen derzeit in der Stadt - fast 25 Prozent weniger als 1990. Der Abwanderungstrend ist gestoppt, doch Experten schätzen, dass Chemnitz bald die europäische Stadt mit der ältesten Bevölkerung sein könnte.
Vom sorbischen Wort Kamjenica ("Steinbach") leitet sich der Name des Flusses Chemnitz her, an dessen Ufern die gleichnamige Stadt liegt. Benediktiner gründeten dort im 12. Jahrhundert ein Kloster, 1143 erhielt es das Marktrecht. Aus dem ersten Jahrhundert der Stadtgeschichte stammt auch der Unterteil des Roten Turms, des Wahrzeichens der Stadt. Die Siedlung Chemnitz bekam im 14. Jahrhundert das Bleichrecht verliehen und wuchs zu einem Wirtschaftszentrum heran. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete die Stadt: Mehrmals von den Kaiserlichen und von den Schweden besetzt, von Feuern, Pest und Hungersnöten heimgesucht, waren 1648 zwei Drittel der Wohnhäuser zerstört und die Bevölkerungszahl fast um die Hälfte gesunken.
Der Industriellen Revolution hatte Chemnitz im 19. Jahrhundert den Aufschwung zur zeitweise reichsten Stadt in Deutschland zu verdanken; Maschinenbau und später der Fahrzeugbau waren wichtige Wirtschaftszweige. 1883 erreichte Chemnitz die 100.000-Einwohner-Marke; bis 1930 stieg die Einwohnerzahl auf mehr als 360.000. Das historische Chemnitz, sagen Einheimische heute, sei zweimal zerstört worden: durch den Bombenhagel im März 1945 und durch den sozialistischen Wiederaufbau. Die Innenstadt erstand zu DDR-Zeiten nach sozialistischem Muster neu, mit Plattenbauten und breiten Straßen für Aufmärsche und Demonstrationen. Auch unter dem Namen Karl-Marx-Stadt, den Chemnitz von 1953 bis 1990 führte, war die Stadt wirtschaftlich bedeutend: Der Bezirk Karl-Marx-Stadt steuerte ein Drittel zur Industrieproduktion der DDR bei.
Heute hat sich der Wirtschaftsstandort Chemnitz als ein Zentrum des Maschinen- und Anlagenbaus, der Automobil- und Zulieferindustrie und der Mikrosystemtechnik etabliert. Investoren schätzen unter anderem die Nähe zur Forschung, etwa an der Technischen Universität und am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik. In Zukunft möchte sich Chemnitz noch stärker als Wissenschaftsstandort positionieren und hat das Jahr 2011 zu einem "Jahr der Wissenschaften" erklärt. Etwa 243.000 Menschen wohnen derzeit in der Stadt - fast 25 Prozent weniger als 1990. Der Abwanderungstrend ist gestoppt, doch Experten schätzen, dass Chemnitz bald die europäische Stadt mit der ältesten Bevölkerung sein könnte.



