Ein weißer Fleck?
Sowohl Mainzer Bischöfe, als auch Franzosen und Preußen hinterließen in Erfurt ihre Spuren. Zwei Wahl-Erfurter widmen sich im Interview mit LexiTV unter anderem der Frage: Was charakterisiert die Stadt heute?LexiOnline unterhielt sich mit Karl Heinrich Reich, Vorsitzender des Vereins der Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt, und mit Gründungsvorstand Jürgen Nehls.
LexiOnline: Wir sitzen hier auf dem Erfurter Petersberg, von dem aus man einen schönen Blick über die Stadt hat. Welche Rolle spielte die Zitadelle, die riesige Stadtfestung, in der Geschichte Erfurts?
Nehls: Mit einem Umfang von knapp 2,5 Kilometern gilt die Zitadelle als besterhaltene und größte in Mitteleuropa. Sie ist von den Mainzer Kurfürsten, die Erfurt bis 1800 auch weltlich beherrschten, militärisch sehr gut ausgebaut worden. Es gibt in Deutschland keinen Hügel, auf dem Jahrhunderte lang Mönche und Soldaten gemeinsam lebten. Die Zitadelle wurde nie erobert, sondern kampflos übergeben.
Reich: Das erste Mal übrigens an die Franzosen, als 1806 nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt die Preußen vernichtend geschlagen wurden. 1813, während der Befreiungskriege, standen den knapp zweitausend Mann französischer Besatzung dann über 25.000 Mann alliierte Truppen und Preußen gegenüber, die auf den umliegenden Höhen lagerten. Sie haben die Türme des heutigen Klosters als Zielscheibe genutzt.
LexiOnline: Und der Domplatz bekam auch etwas ab...
Nehls: Ja, das ist der Grund, warum der Domplatz so groß ist. Die Hälfte des Platzes war mit Häusern bebaut. Sie sind abgebrannt. Die dunklen Basaltsteine auf dem heutigen Domplatz kennzeichnen das frühere Ausmaß des Platzes. Dort, wo das helle Pflaster beginnt, standen damals Häuser. Heute wird diskutiert, ob der Platz wieder bebaut werden soll.
LexiOnline: Wechselhaft war auch das spätere Schicksal der Zitadelle...
Nehls: Als es 1871 zur Reichseinigung kam, brauchte man keine Festungen mehr. Für den Abriss der Zitadelle war aber kein Geld da. Dies führte dazu, dass auf den Hängen Bäume wuchsen, die Zitadelle dahinter wie ein Dornröschenschloss verschwand und von den Erfurtern überhaupt nicht mehr gesehen wurde. Auch nicht gesehen werden sollte, weil der Berg militärisch genutzt worden ist, zunächst von der DDR-Volkspolizei und auch nach der Wende. Erst seit einem Jahr ist der ganze Petersberg zugänglich und soll ein Freizeitbereich werden.
LexiOnline: Sie sprechen die Nutzung des Petersbergs zu DDR-Zeiten an. Wie entwickelte sich die Altstadt Erfurts vor und nach dieser Zeit?
Reich: Vor der Wende hieß es immer, Erfurt sei das größte Flächendenkmal der DDR. Alles, was Sie an alten Bauten sehen, gehörte zur Altstadt und befand sich innerhalb der Stadtmauer. Durch einen UNESCO-Beschluss sind in der Altstadt alle Straßenschilder rot und nicht blau. Das gibt es in keiner anderen Stadt. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg haben nicht solche Schäden verursacht, dass Platz genug gewesen wäre, Neubauten in die Altstadt zu setzen. Das ist einmalig für eine Großstadt wie Erfurt. Dort, wo heute die Plattenbauten im Innenstadtbereich stehen, führte die alte Stadtmauer entlang. So kann man einen Eindruck gewinnen, wie groß Erfurt früher war. Die Altstadt selbst war ziemlich verkommen in dieser Zeit...
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