Gekaperte Herzen
Im Ersten Weltkrieg brachte die Seeadler unter Felix Graf von Luckner alliierte Schiffe auf. Nach dem Krieg machte der Kommandant an Land von sich reden - und rettete am Ende eines weiteren Krieges die Stadt Halle.Felix Graf von Luckner (1881 bis 1966) - genannt Seeteufel.
Gestatten: Seeteufel
"Beim Himmel, das ist die beste Falle, die ich je sah", gesteht Chewn wenig später an Bord des deutschen Hilfskreuzers Seeadler ein. Das Kompliment gilt dem Kommandanten des mit Motor und Kanone ausgestatteten Seglers: Kapitänleutnant Felix Graf von Luckner. Auf Befehl des Kaisers ist der adlige Offizier auf den Weltmeeren unterwegs. Die Gladis Royal ist Luckners erster Fang. Vierzehn weitere folgen in den nächsten Monaten: Mit List und Tücke, manchmal mit der Feuerkraft der Kanone, bringt der Graf französische, amerikanische, italienische und englische Schiffe in seine Gewalt. Samt Ladung - insgesamt dreißigtausend Bruttoregistertonnen Kohle, Salpeter, Zucker und anderes - verschwinden sie unter der Meeresoberfläche. Der deutsche Kaperfahrer erwirbt sich den Spitznamen "Seeteufel".
Auf einem Atoll namens Mopelia endete Luckners Kaperfahrt. (Bild: JSC/NASA)
Gibt es so etwas wie Edelmut im Krieg? Viele werden sagen: "ja!" - und vielleicht den Grafen Luckner als Beispiel nennen. Denn der Seeteufel führt einen unblutigen Kaperkrieg, nur ein einziger Seemann kommt ums Leben. Die Gefangenen empfängt der Kommandant wie Gäste an Bord, lässt sie vom Schiffsarzt betreuen, kommt mit den Kapitänen zu gemütlichen Plauderstunden zusammen. So gewinnt er Hochachtung und Respekt beim Gegner. Im Herbst 1917 gerät der Seeteufel nach dem Schiffbruch seines Seeadlers selbst in Kriegsgefangenschaft. Ein spektakulärer, wenn auch missglückter Fluchtversuch - Luckner stiehlt das Motorboot des Lagerkommandanten - trägt weiter zur Legendenbildung bei.
Seemannsgarn und Telefonbücher
1919 kehrt Felix Graf von Luckner nach Deutschland zurück. Er hält Vorträge über seine Seeabenteuer, zunächst im Inland, dann auch im Ausland. Sein Anspruch: "Deutschland hatte eine Welt von Feinden und brauchte Freunde. Hatte ich feindliche Schiffe gekapert, so musste es mir gelingen, auch feindliche Herzen zu kapern." Ab 1926 ist Luckner mehrere Jahre lang in den USA unterwegs - hier wird der weltgewandte Mann zum Star. Das Publikum liebt den Seeteufel, denn der ist ein gewandter, humorvoller Redner und weiß seine Erlebnisse gehörig mit Seemannsgarn auszuspinnen. Seine "Shows", in denen er zur Freundschaft zwischen den Völkern mahnt, mit bloßen Händen Münzen zerquetscht und Telefonbücher zerreißt, sind gut besucht. Zahlreiche Clubs und Vereine ernennen den Grafen zum Ehrenmitglied; San Francisco verleiht ihm die Ehrenbürgerwürde.
Die Pass of Balmaha, 1904: 1917 macht sie - inzwischen in Seeadler umgetauft - unter dem Kommando Graf von Luckners die Weltmeere unsicher.
Doch das schöne Leben ist nicht ohne Risiken: 1933 ist der Lebemann pleite, sein Schiff wird gepfändet. Um an Geld zu kommen, dient Luckner sich der neuen Berliner Reichsregierung an. Die NS-Oberen sind froh über den prominenten Propagandisten, Luckner bekommt Geld und tourt als Redner auf Partei- und parteinahen Veranstaltungen durchs Land. Seine Zugehörigkeit zu den Freimaurern passt den Machthabern nicht so recht, doch da der Seeteufel nur über Seefahrt spricht, lässt man ihn so gut wie unbehelligt gewähren.
Gute Bekannte
Er sei, von kurzer Anfangsbegeisterung abgesehen, immer ein Gegner des Nazi-Regimes gewesen, wird Luckner später beteuern. Das mag stimmen: Der Graf ist nicht Mitglied der NSDAP, brüstet sich aber gern mit Bekanntschaften zu NS-Größen wie Himmler und Heydrich, Reichskanzleichef Lammers und Wirtschaftsminister Funk. Bei mehreren Gelegenheiten lässt Luckner antisemitische Spitzen los - andererseits wird er wiederholt ermahnt, weil er freundschaftliche Geschäftsbeziehungen zu Juden pflegt...
Seite
1
| 2
Infobox
Unter dem Namen Pass of Balmaha lief 1888 in Glasgow ein dreimastiges Vollschiff vom Stapel. 1916 wurde es von einem deutschen U-Boot aufgebracht. In Bremerhaven erhielt der Segler versteckte Lade- und Aufenthaltsräume, einen Hilfsmotor und den Namen Seeadler.
Unter dem Kommando Felix Graf von Luckners durchbrach die Seeadler, als norwegischer Holzfrachter getarnt, 1917 die englische Blockade (zur Tarnung gehörte unter anderem ein junger Matrose in Frauenkleidern, der die Kapitänsgattin mimte). Boot und Besatzung segelten dann durch den Atlantik, umschifften Kap Hoorn und machten den Südpazifik unsicher.
Das Ende des kapernden Hilfskreuzers kam im August 1917: Vor dem Atoll Mopelia, das zu Französisch-Polynesien gehört, lief der Segler auf ein Riff und musste aufgegeben werden. Nach Angaben Luckners habe "eine Flutwelle von unvorstellbaren Ausmaßen", hervorgerufen durch ein Seebeben, sein Schiff auf das Korallenriff geschleudert. Wahrscheinlicher ist, dass unsachgemäßes Ankern oder ein Bedienfehler am Motor ursächlich für die Kollision waren.
Besatzung und Gefangene retteten sich an Land. Mit einer Handvoll Kameraden machte sich der Kommandant in einem kleinen Boot, der Kronprinzessin Cäcilie, auf die Reise, um ein Ersatzschiff zu kapern. Als sie auf den Wakaya-Inseln landeten, wurden sie von indischen Polizisten festgenommen und den Alliierten übergeben. Luckners auf Mopelia zurückgebliebenen Leuten gelang es derweil, einen französischen Schoner zu kapern. Sie schafften es ins neutrale Chile.
Unter dem Kommando Felix Graf von Luckners durchbrach die Seeadler, als norwegischer Holzfrachter getarnt, 1917 die englische Blockade (zur Tarnung gehörte unter anderem ein junger Matrose in Frauenkleidern, der die Kapitänsgattin mimte). Boot und Besatzung segelten dann durch den Atlantik, umschifften Kap Hoorn und machten den Südpazifik unsicher.
Das Ende des kapernden Hilfskreuzers kam im August 1917: Vor dem Atoll Mopelia, das zu Französisch-Polynesien gehört, lief der Segler auf ein Riff und musste aufgegeben werden. Nach Angaben Luckners habe "eine Flutwelle von unvorstellbaren Ausmaßen", hervorgerufen durch ein Seebeben, sein Schiff auf das Korallenriff geschleudert. Wahrscheinlicher ist, dass unsachgemäßes Ankern oder ein Bedienfehler am Motor ursächlich für die Kollision waren.
Besatzung und Gefangene retteten sich an Land. Mit einer Handvoll Kameraden machte sich der Kommandant in einem kleinen Boot, der Kronprinzessin Cäcilie, auf die Reise, um ein Ersatzschiff zu kapern. Als sie auf den Wakaya-Inseln landeten, wurden sie von indischen Polizisten festgenommen und den Alliierten übergeben. Luckners auf Mopelia zurückgebliebenen Leuten gelang es derweil, einen französischen Schoner zu kapern. Sie schafften es ins neutrale Chile.




