Tradition und Ehrgeiz
Nikolaikirche, Messe, Universität, Gewandhaus: Viele Institutionen Leipzigs blicken auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurück. Dennoch klebt die Stadt nicht am Gestern.Die Nikolaikirche wurde 1165 als Stadt- und Pfarrkirche gegründet und stand von Beginn an allen Einwohnern der Stadt offen.
Sympathisch bis weltfremd
Während man in Leipzig mit Überraschung und Enttäuschung reagierte, war außenstehenden Beobachtern die Aussichtslosigkeit der Bewerbung längst klar: Zu klein, unzureichende Infrastruktur, zu wenige Hotelbetten - so die häufigsten Kritikpunkte. Der Begriff "Olympisches Dorf" bekomme in Leipzig eine ganz neue Bedeutung, tönten Spötter. Aber Leipzig wäre nicht Leipzig, wenn es sich um die Meinung anderer scherte: Die Sachsen organisierten Staffelläufe, Gebete und Montagsdemos für Olympia, entwarfen Slogans und bastelten Logos. "Je nach Perspektive wirkte es auf Beobachter von außen höchst sympathisch oder schlicht weltfremd, wie nahezu uneingeschränkt die Leipziger ihre Bewerbung unterstützten und tatsächlich an ihren Erfolg glaubten", kommentierte die Süddeutsche Zeitung.
Einfallsreiche Ratsherren
Doch: Eigene Wege zu gehen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, hat in der Stadt eine lange Tradition. Das war schon bei der Stadtgründung so: Aus dem Jahr 1165, so glaubten Historiker lange, datiert eine Urkunde des Markgrafen Otto des Reichen, die der Siedlung Lipz das Stadtrecht und Marktprivileg erteilt. Indes, das Schriftstück ist wahrscheinlich erst Jahrzehnte später entstanden, unter Federführung der Leipziger Ratsherren, die ihre Siedlung damit eigenmächtig zur Stadt beförderten. Der Erfolg gab ihnen Recht: Verkehrsgünstig an der Kreuzung zweier Fernhandelsstraßen gelegen, begann Leipzigs Aufstieg zur bedeutenden Markt- und Messestadt.
Offen für alle
Auf weltliche oder kirchliche Autoritäten gab man in Leipzig ohnehin nicht viel: Als um das Jahr 1165 die Nikolaikirche gegründet wurde, sollte sie keinem Orden, keinem Bischof, keinem Landesfürsten gehören, sondern allen Menschen der Stadt offen stehen. Ab 1301 hielten in Leipzig Bürgermeister und Stadtrat das Ruder in der Hand, sie hatten die Regierungsgewalt von den Vögten und Schultheißen des Landesherrn übernommen. Auch die Gründung der Universität ging nicht auf irgendeinen offiziellen Erlass zurück: Es waren Lehrende und Studierende der Universität Prag, die wegen Streitigkeiten mit dem böhmischen König eine neue Bleibe suchten und sich 1409 in Leipzig niederließen.
Häuser und Höfe
Im Unterschied zu Dresden, das ab 1485 herzogliche Residenzstadt, später Hauptstadt des Kurfürstentums und Königreichs Sachsen war, hatte Leipzig keine adligen Förderer, keinen August den Starken, der Kunst, Kultur und Architektur beflügelte. Vor allem waren es Händler und Kaufleute, die der Stadt ihren Stempel aufdrückten. Das Alte Rathaus etwa, das heute einen Teil des Stadtgeschichtlichen Museums beherbergt, wurde auf Betreiben des Kaufmanns (und mehrmaligen Bürgermeisters) Hieronymus Lotter 1556/57 im Renaissancestil umgebaut. Im 18. Jahrhundert entstanden zahlreiche Messehöfe mit Kaufkammern, Ställen, Wohnräumen, Lagerräumen und Festsälen - heute noch zu bestaunen ist Barthels Hof in der Fleischergasse.
Engagiertes Bürgertum
Nicht nur als Baumeister, auch als Stifter engagierten sich Leipziger Bürger: Das im Dezember 1858 eröffnete Museum der bildenden Künste ging zurück auf das Erbe des Seidenwarenhändlers Adolf Heinrich Schletter (1793 bis 1853). Bauten wie das Grassimuseum, die Stadtbücherei und den Mendebrunnen verdankt die Stadt dem Händler und Spekulanten Franz Dominic Grassi (1801 bis 1880) - der vererbte der Stadt nach seinem Tod mehr als zwei Millionen Mark. Auch die Bürgerhäuser im Waldstraßenviertel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeugen von der wirtschaftlichen Potenz des Leipziger Bürgertums. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Leipzig - inzwischen zählte man eine halbe Million Einwohner - die reichste Großstadt Deutschlands...
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Eine Chronik Leipzigs
1015 erwähnt Thietmar von Merseburg den Ort urbs Libzi. Offizielles Gründungsdatum der Stadt ist 1165.
1190 gibt es in Leipzig mindestens zwei Märkte: den Ostermarkt und den Michaelismarkt. Das Geleitschutzprivileg aus dem Jahr 1268 ebnet den Weg für den Fernhandel.
1212 wird das Augustiner-Chorherrenstift zu St. Thomas gegründet, inklusive Klosterschule und Thomanerchor; der Bau der Thomaskirche beginnt. Zum Stift gehört ab 1213 auch ein Krankenhaus, aus dem später das Klinikum St. Georg hervorgeht.
1409 wird die Alma Mater Lipsiensis, die Leipziger Universität, gegründet. In den folgenden Jahrhunderten ist sie zeitweise die größte Universität Deutschlands.
1497 erteilt Kaiser Maximilian I. Leipzig das Messerecht und erhebt die Messe zur Reichsmesse.
1512 wird die erste weltliche Schule der Stadt eingeweiht: die Alte Nikolaischule am Nikolaikirchhof.
1519 trifft sich Martin Luther zum Streitgespräch mit dem katholischen Theologen Johannes Eck. Die verbale Auseinandersetzung um die Autorität des Papstes geht als Leipziger Disputation in die Geschichte ein.
1631 ist Leipzig Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges. Ein Jahr später fällt der schwedische König Gustav II. Adolf im nahe gelegenen Lützen.
1650 erscheinen erstmals die Einkommenden Zeitungen. Mit wöchentlich sechs Ausgaben gelten sie als erste Tageszeitung der Welt.
1701 erhält Leipzig eine Straßenbeleuchtung und erwirbt sich damit den Spitznamen "Klein-Paris".
1743 gründen 16 Kaufleute einen Konzertverein und veranstalten Konzerte. Ab 1781, nach dem Umzug in ein Tuchwarenmessehaus, heißt das Orchester Gewandhausorchester.
1813 treffen bei Leipzig die Truppen Napoleons und die Heere der österreichisch-preußisch-russischen Koalition aufeinander. Die Völkerschlacht endet mit einer empfindlichen Niederlage Napoleons.
1839 wird die Eisenbahnstrecke Leipzig-Dresden eröffnet, insgesamt sechs Fernbahnhöfe entstehen während der folgenden Jahrzehnte. Um die Streckenführung zu vereinheitlichen, baut Leipzig 1902 bis 1915 den Hauptbahnhof.
1863 gründen Abgesandte aus zahlreichen Städten Deutschlands in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) - die erste deutsche Arbeiterpartei und Vorläufer der heutigen SPD.
1895 stellt die Leipziger Messe um von der Verkaufs- zur Mustermesse. Das Beispiel macht weltweit Schule.
1900 gründet sich in Leipzig der Deutsche Fußballbund (DFB). Den ersten Titel des deutschen Fußballmeisters erringt 1903 der VfB Leipzig.
1912 gründen die Stadt Leipzig, der Börsenverein der Deutschen Buchhändler und das Königreich Sachsen die Deutsche Bücherei - als Gesamtarchiv des deutschsprachigen Schrifttums.
1930 leben in Leipzig mehr als 718.000 Menschen - bis heute Höchststand in der Geschichte der Stadt.
Während der Naziherrschaft werden tausende Juden aus Leipzig vertrieben oder deportiert. Außenlager des KZ Buchenwald gibt es auch im Stadtgebiet. Während alliierter Fliegerangriffe im Dezember 1943 und im Juli 1944 werden Teile der Stadt zerstört oder beschädigt.
1955/56 wird das Zentralstadion errichtet. Es fasst über hunderttausend Zuschauer und ist das größte Stadion Deutschlands.
1968 wird im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes die alte Universität samt Paulinerkirche gesprengt. Bis 1972 wächst das Uni-Hochhaus in die Höhe. Studierende der Universität graben in den 1970ern Teile der alten Stadtbefestigung aus und bauen sie bis 1982 zum Studentenclub Moritzbastei um.
Ab 1982 treffen sich in der Nikolaikirche jeden Montag Menschen zum Friedensgebet. Im Jahr 1989 schließen sich daran Demonstrationen mit bis zu hunderttausend Menschen an, die die Staatsgewalt ins Wanken bringen.
1015 erwähnt Thietmar von Merseburg den Ort urbs Libzi. Offizielles Gründungsdatum der Stadt ist 1165.
1190 gibt es in Leipzig mindestens zwei Märkte: den Ostermarkt und den Michaelismarkt. Das Geleitschutzprivileg aus dem Jahr 1268 ebnet den Weg für den Fernhandel.
1212 wird das Augustiner-Chorherrenstift zu St. Thomas gegründet, inklusive Klosterschule und Thomanerchor; der Bau der Thomaskirche beginnt. Zum Stift gehört ab 1213 auch ein Krankenhaus, aus dem später das Klinikum St. Georg hervorgeht.
1409 wird die Alma Mater Lipsiensis, die Leipziger Universität, gegründet. In den folgenden Jahrhunderten ist sie zeitweise die größte Universität Deutschlands.
1497 erteilt Kaiser Maximilian I. Leipzig das Messerecht und erhebt die Messe zur Reichsmesse.
1512 wird die erste weltliche Schule der Stadt eingeweiht: die Alte Nikolaischule am Nikolaikirchhof.
1519 trifft sich Martin Luther zum Streitgespräch mit dem katholischen Theologen Johannes Eck. Die verbale Auseinandersetzung um die Autorität des Papstes geht als Leipziger Disputation in die Geschichte ein.
1631 ist Leipzig Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges. Ein Jahr später fällt der schwedische König Gustav II. Adolf im nahe gelegenen Lützen.
1650 erscheinen erstmals die Einkommenden Zeitungen. Mit wöchentlich sechs Ausgaben gelten sie als erste Tageszeitung der Welt.
1701 erhält Leipzig eine Straßenbeleuchtung und erwirbt sich damit den Spitznamen "Klein-Paris".
1743 gründen 16 Kaufleute einen Konzertverein und veranstalten Konzerte. Ab 1781, nach dem Umzug in ein Tuchwarenmessehaus, heißt das Orchester Gewandhausorchester.
1813 treffen bei Leipzig die Truppen Napoleons und die Heere der österreichisch-preußisch-russischen Koalition aufeinander. Die Völkerschlacht endet mit einer empfindlichen Niederlage Napoleons.
1839 wird die Eisenbahnstrecke Leipzig-Dresden eröffnet, insgesamt sechs Fernbahnhöfe entstehen während der folgenden Jahrzehnte. Um die Streckenführung zu vereinheitlichen, baut Leipzig 1902 bis 1915 den Hauptbahnhof.
1863 gründen Abgesandte aus zahlreichen Städten Deutschlands in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) - die erste deutsche Arbeiterpartei und Vorläufer der heutigen SPD.
1895 stellt die Leipziger Messe um von der Verkaufs- zur Mustermesse. Das Beispiel macht weltweit Schule.
1900 gründet sich in Leipzig der Deutsche Fußballbund (DFB). Den ersten Titel des deutschen Fußballmeisters erringt 1903 der VfB Leipzig.
1912 gründen die Stadt Leipzig, der Börsenverein der Deutschen Buchhändler und das Königreich Sachsen die Deutsche Bücherei - als Gesamtarchiv des deutschsprachigen Schrifttums.
1930 leben in Leipzig mehr als 718.000 Menschen - bis heute Höchststand in der Geschichte der Stadt.
Während der Naziherrschaft werden tausende Juden aus Leipzig vertrieben oder deportiert. Außenlager des KZ Buchenwald gibt es auch im Stadtgebiet. Während alliierter Fliegerangriffe im Dezember 1943 und im Juli 1944 werden Teile der Stadt zerstört oder beschädigt.
1955/56 wird das Zentralstadion errichtet. Es fasst über hunderttausend Zuschauer und ist das größte Stadion Deutschlands.
1968 wird im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes die alte Universität samt Paulinerkirche gesprengt. Bis 1972 wächst das Uni-Hochhaus in die Höhe. Studierende der Universität graben in den 1970ern Teile der alten Stadtbefestigung aus und bauen sie bis 1982 zum Studentenclub Moritzbastei um.
Ab 1982 treffen sich in der Nikolaikirche jeden Montag Menschen zum Friedensgebet. Im Jahr 1989 schließen sich daran Demonstrationen mit bis zu hunderttausend Menschen an, die die Staatsgewalt ins Wanken bringen.



